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Theodor Fontane in Berlin.
bodens erkennen zu können. Alles schwieg, und nur Grete, der ihr Verdacht wiedergekommen war, sagte leise: „Valtin, ich habe doch Recht. Ich fürchte mich."
„Glaubst Du wirklich, daß es böse Leute sind?"
„Nicht eigentlich böse Leute, aber sie werden der Versuchung nicht widerstehen können. Du hast ihnen Geld gezeigt, und die Frau hat gesehen, daß ich Schmuck trage. Sie werden uns berauben wollen. Und setzest Du Dich zur Wehr, so ist es unser letzter Tag."
Valtin überlegte hin und her, und sagte dann: „Ich furcht', es ist wie
Du sagst. Und so müssen wir wieder fliehen. Ach, immer fliehen! , Auch noch auf der Flucht eine Flucht." Und er seufzte leise.
Grete hörte die Klage wohl heraus, aber sie hörte zugleich auch, daß es kein Vorwurf war, und so nahm sie seine Hand und sah ihn bittend an. Kannte sie doch ihre Macht über ihn. Und diese Macht blieb ihr auch diesmal treu, und alles war wieder gut.
Es traf sich glücklich, daß das Floß mit eben dem Hinter-Eck, auf dem ihr Zelt stand, auf den Usersand gefahren war. Sie theilten sich's mit und kamen überein, auf das Segeltuch, das sie den Tag über zu Häupten gehabt hatten, eine Silbermünze zu legen, und sobald alles schliefe, mit einem einzigen Satz an's Ufer zu springen. Wären sie dann erst die steile Lehmwand hinauf, so würde sie niemand mehr verfolgen. Und wenn es geschah', so war' es ohne Noth und Gefahr, denn Schiffsleute hätten einen schweren Gang und wären langsam zu Fuß.
Und während sie so sprachen, war der Mond anfgegangen. Das erschreckte sie vorübergehend. Aber es standen auch Wolken am Himmel, und so warteten sie, daß diese Heraufziehen und den Mond überdecken möchten.
Und nun war es geschehen. „Jetzt", sagte Valtin, und den Beistand des Himmels anrufend, sprangen sie vom Floß an's Ufer. Das seichte Wasser, das hier um ein paar Binsen Herstand, klatschte hoch auf; aber sic hatten dessen nicht Acht, und ini nächsten Augenblicke die steile Lehmwand erkletternd, schritten sie rasch über das Feld hin und in die Nacht hinein.
Niemand folgte.
Drei Jahre später.
"Drei Jahre waren seitdem vergangen, und wieder färbte der Herbst die Blätter roth; allüberall in der Altmark, und nicht zum wenigsten in dem Städtchen Arendsee, dessen endlos lange Straße, zugleich seine einzige, nach links hin aus Häusern und Gärten, nach rechts hin aus Klostergebäudeu uud zwischenliegenden Heckenzäunen bestand. Hinter einem dieser Heckenzäune, der abwechselnd von Dorn und Liguster gebildet wurde, ließ sich ein aus Säulen ruhender Kreuzgang erkennen, in dessen quadratischer Mitte der Klosterkirchhos lag, wild und verwahrlost, aber in seiner Verwahrlosung nur um so schöner. Einige hochaufgemanerte Grabsteine schimmerten