Heft 
(1879) 27
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Theodor Fontane in Berlin.

wir gehören ja nun zusammen in Leben und in Sterben, aber ich fühl' es so, wie ich Dir's sag', und Du mußt mir zu Willen sein. Versprich es."

Ich versprech' es. Alles was Du willst."

Und hältst es auch?"

Und halt' es auch."

Und nun nahm sie wieder seine Hand, und sie schlugen den Weg ein, der sie bis an die große Waldwiese führte. Hier war es taghell fast, und sie zeigten einander die Stelle, wo der Maibaum damals gestanden, und wo sie selber, am Schattenrande der Lichtung hin, auf den umgestülpten Körben gefefsen und dem Taubenfchießen und dem Tanz um die Linde her zugesehen hatten. Und dann gingen sie weiter waldeinwärts, immer einen breiten Fuß­pfad haltend, der sich nur mitunter im Gestrüpp zu verlieren schien.

Sie sprachen wenig. Endlich sagte Grete:Wohin gehen wir?"

Ins Lüneburg'sche, denk' ich. Und dann weiter auf Lübeck zu. Da Hab' ich Anhang."

Und weißt Du den Weg?"

Nein, Grete, den Weg nicht, aber die Richtung.. Immer stromabwärts. Es kann nicht weiter sein als fünf Stunden; dann haben wir die Grenze, die bei Neumühlen läuft. Und die Tangermünd'schen Stadtreiter, auch wem: sie hinter uns her sind, haben das Nachsehen."

Glaubst Du, daß sie sich eilen werden, uns wieder zurückznholen?"

Vielleicht."

Ja. Aber auch nichts weiter. Sie werden uns ziehen lassen und froh sein, daß wir fort sind. Und wenn Dein Vater es anders null, so wird's ihm Emrentz ausreden. Und wenn nicht Emrentz, so doch Trud." Und nun erzählte sie das Gespräch zwischen Trud und Gerdt, das sie von der nur angelehnten Thüre des Hinterzimmers aus belauscht hatte.

So mochten sie zwei Stunden gegangen sein, und der Mond war eben unter, als Grete leise vor sich hin sagte:Laß uns niedersitzen, Valtin.

Meine Füße tragen mich nicht mehr." Und es war alles wie damals, wo sie sich als Kinder im Walde verirrt hatten. Er aber bat sie, brav aus­

zuhalten, bis sie wieder an eine hellere Stelle kämen. Und siehe, jetzt war es wirklich, als ob sich der Wald zu lichten begänne, die Stämme standen in größeren Zwischenräumen, und Valtin sagte:Hier Grete, hier wollen

wir ruh'u." Und todtmüde, wie sie war, warf sie sich nieder, und streckte sich in's Moos. Und schon im nächsten Augenblicke schlossen sich ihre Wimpern. Er schob ihr ihr Reisebündel als Kissen unter und deckte sie leise mit seiner Winterjacke zu, vou der er sich selber nur ein Zipfelchen gönnte.

Und dann schlief er an ihrer Seite ein.

Aus dem Floß.

Als sie wieder erwachten, lag Alles um sie her in Hellem Sonnenschein. Sie hatten dicht am Rande des großen Lorenz-Waldes geschlafen, der hier mit