„Aber Du hast ihr eine Freistatt geboten!"
„Weil wir das Unsre thun sollen . . . Und die Wege Gottes sind wunderbar . . . Ich sah den Tod auf ihrer Stirn. Und Hab' Acht, Ilse, sie lebt keinen dritten Tag mehr!"
wieder gen Tangermünde.
Grete war in weitem Umkreise bis an das Gasthaus zurückgegangen, um hier von den Leuten, die's gut mit ihr und ihrem Todten gemeint hatten, Abschied zu nehmen. Vor allem von Zenobia. Dann wickelte sie das Kind, das diese bis dahin gewartet hatte, in den Kragen ihres Mantels, und schritt aus der Stadt hinaus, auf die große Straße zu, die von Arendsee nach Tangermünde führte. Hielt sie sich zu, das waren der Wirthin letzte Worte gewesen, so mußte sie gegen die vierte Stund' an Ort und Stelle sein.
Der Weg ging anfänglich über Wiesen. Es war schon alles herbstlich; der rothe Ampfer, der sonst in breiten Streifen an dieser Stelle blühte, stand längst in Samen und die Vögel sangen nicht mehr; aber der Himmel wölbte sich blau und die Sommerfäden zogen, und mitunter war es ihr, als vergäße sie alles Leids, das sie drückte. Ein tiefer Frieden lag über der Natur. „Ach, stille Tage!" sagte sie leise vor sich hin.
Nach den Wiesen kam Wald. Junge Tannen wechselten mit alten Eichen, und überall da, wo diese standen, war eine kräftigere Luft, die Grete begierig einsog. Denn es war immer schwüler geworden und die Sonne brannte.
Mittag mochte heran sein, als sie Rast machte, weniger um ihret- als um des Kindes willen. Und sie gab ihm zu trinken. Das war dicht am Rande des Waldes, wo zwischen anderem Laubholz auch ein Paar alte Kastanien ihre Zweige weit vorstreckten. Die Straße verbreiterte sich hier aus eine kurze Strecke hin, und schuf einen sichelförmigen Platz, an dessen znrückgebogenster Stelle halbgeschälte Birkenstämme lagen, hinter denen wieder ein Quell aus Moos und Stein hervorplätscherte. Hier saß sie jetzt, und um sie her lagen abgefallene Kastanien, einzelne noch in ihren Stachelschalen, die meisten aber aus ihrer Hülle heraus und braun und glänzend. Und sie bückte sich, um einige von ihnen aufzuheben. Und als sie so that, und ihrer immer mehr in ihren Schooß sammelte, da sah sie sich wieder auf ihres Vaters Grab und Baltin neben sich, und sie hing ihm die Kette um den Hals und nannt' ihn ihren Ritter. War es doch, als ob jede Stunde dieses Tages Erinnerungen in ihr wecken sollte, süß und schmerzlich zugleich. „Alles dahin," sagte sie. Und sie stand auf und schüttete die Kastanien wieder in das Gras zu ihren Füßen.
Sie hing ihren Erinnerungen noch nach, als sie das Klirren einer Kummetkette hörte und gleich darauf eines Gefährtes ansichtig wurde, das, von derselben Seite her, von der auch sie gekommen, um die Waldecke bog. Es war eine Schleife mit zwei kleinen Pferden davor, und ein Bauer vorn auf dem