Heft 
(1879) 27
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Theodor Fontane in Berlin.

ling!" sagte sie. Und die Bilder vergangener Tage stiegen vor ihr ans; ihr Schmerz löste sich, und sie warf sich nieder und weinte bitterlich.

Als sie sich erhob, sah sie, daß Ilse, die mit den Andern gegangen war, zwischen den Rundbögen wieder heraus und auf sie zu kam, allem Anscheine nach, um ihr eine Botschaft zu bringen. Und so war es.Komm, Grete," sagte sie,die Domina will Dich sprechen;" und Beide gingen nun, außerhalb des Kreuzganges, zwischen diesem und dem See-Ufer hin, und auf das epheu-umsponnene Haus mit dem hohen Dach und den rothblühenden Laubstauden zu.

Es war schwül, trotzdem schon Octobertage waren, und die Domina, die nach Art alter Leute die Sonnenwärme liebte, hatte Tisch und Stühle in Front ihres Hauses bringen lassen. Hier saß sie vor den: dichten, dunklen Gerank, durch das von innen her der Wiederschein des Kaminfeuers blitzte, und auf das Tischchen neben ihr waren Obst und Lebkuchen gestellt, Ulmer und Basler, und eine zierliche Deckelphiole mit Syrakuser Wein.

Grete verneigte sich.

Ich habe Dich rufen lassen," sagte die Dominaweil ich Dir helfen möchte, so gut ich kann. Es soll keiner ungetröstet von unsrer Schwelle gehen. So haben es die Arendsee'schen von Anfang an gehalten, und so halten sie's noch. Und auch Ilse wird es so halten. Nicht wahr, Ilse? . . . Und nun sage mir Kind, woher Du kommst und wohin Du gehst? Ich frag' es um Deinetwillen. Sage mir, was Du mir sagen kannst und sagen willst."

Und Grete sagte nun alles, und sagte zuletzt auch, daß sie zurück zu den Ihren wolle, zu Bruder und Schwester, um an ihrer Schwelle Ver­zeihung und Versöhnung zu finden.

Das ist ein schwerer Gang."

Grete schwieg und sah vor sich hin. Endlich sagte sie:Das ist es. Aber ich Hab' es ihm versprochen. Und ich will es halten."

Und wann willst Du gehen?"

Gleich."

Das ist gut. Ein guter Wille kann schwach werden, und wir müssen das Gute thun, so lange wir noch Kraft haben und die Lust dazu lebendig in uns ist. Sonst zwingen wir's nicht. Und nun gieb ihr einen Imbiß, Ilse, und eine Zehrung für den Weg. Und noch eins, Grete: bezwinge Dich wenn es fehlschlägt und wisse, daß Du hier eine Freistatt hast. Und eine Freistatt ist fast so gut wie eine Heimstatt. Und nun kniee nieder und höre mein Letztes und mein Bestes: ,Der Herr segne Dich und behüte Dich, und gebe Dir seinen Frieden? Ja, seinen Frieden; den brauchen wir alle, aber Tu Arme, Du brauchst ihn doppelt. Und nun geh und eile Dich und laß von Dir hören."

Grete küßte der Alten die Hand und ging. Ilse mit ihr. Als diese zurückiam und ihren vorigen Platz an der Epheuwand eingenommen hatte, sagte die Domina:Wir sehen sie nicht wieder."