Heft 
(1879) 27
Seite
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Theodor Fontane in Berlin.

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Den ,SündfalU wollen's. Das Leutvolk laßt uns ka Ruh uit. Aber a ,Sündfalll ohn' n Engel? Das geht halt uit. Und d'rum komm' i. Was meinst, Gret'?"

Diese starrte vor sich hin.

Geh'", sagte Baltin.Rücke den Korb dicht her zu mir und spiele ben Engel. Und wenn die Stelle kommt, wo Du die Palme hebst, danu denk' an mich."

Und sie rückte den Korb näher an sein Lager und beugte sich über ihn. Er aber nahm noch einnial ihre Hand und sagte:Und nun leb' wohl,

Gret', und vergiß es nicht. Ich höre jedes Wort. Geh'. Ich wart' aus Dich."

Und Grete ging und barg ihr Gesicht in beide Hände.

t6. Die Nonnen von Arendsee.

Am andern Morgen ging es in Arendsee von Mund zu Mund, daß einer von den Puppenspielern über Nacht gestorben sei. An allen Ecken sprach man davon, und alles war in Ausregung. Was nnt ihm thnn? Ein Sarg war beschafft worden, das war in der Ordnung; aber wo ihn begraben, das blieb die Frage. War ihr Kirchhof ein Begräbnißplatz für fahrende Leute, von denen keiner wußte, wes Glaubens sie seien, Christen oder Heiden! Oder vielleicht gar Türken. Und dabei dachte jeder an die Frau, die gestern, vor Beginn des Spiels, ein langes rothes Tuch um die Schulter, am Eingänge gesessen hatte.

Es war klar, daß nur der alte Prediger Roggenstroh den Fall ent­scheiden konnte; und ehe Mittag heran war, wußte jeder, daß er ihn entschieden habe und wie. Grete selber hatte, neben einer eindringlichen Ermahnung, das Nein aus seinem Munde hören müssen.

Da war nun große Noth und Trübsal, und es wurd' erst wieder lichter um Gretens Herz, als sich die Wirthin ihrer erbarmte und ihr anrieth, drüben in's Kloster zu den Nonnen zu gehen, die würden schon Rath schassen und ihr zu helfen Nüssen, war' es auch nur, weil sie den alten Roggenstroh nicht leiden könnten. Sie solle nur Muth haben und nach der Domina fragen, oder, wenn die Domina krank sei (denn sie sei sehr alt) nach der Ilse Schuleuburg. Die habe das Herz aus dem rechten Fleck und sei der Domina rechte Hand. Und wenn diese stürbe, dann würde sie's.

Das waren rechte Trostesworte, und als Grete der Wirthin dafür gedankt, machte sie sich auf, um drüben im Kloster das ihr bezeichnet^ Haus auszu­suchen. Ein paar halbwachsene Kinder, die vor dem Thor der Ausspannung spielten, wollten ihr den Weg zeigen, aber sie zog es vor allein zu sein und ging aus die Stelle zu, wo der Heckenzaun und dahinter der Kreuzgang war. Als sie hier, trotz allem Suchen, keinen Eingang finden konnte, preßte sie sich durch die Hecke hindurch und stand nun unmittelbar vor einer langen offenen