Heft 
(1879) 27
Seite
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Grete Min de.

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Rundbogen-Reihe, zu der ein paar flache Sandstein-Stufen von der Seite her hinaufführten. Drinnen an den Gewölbekappen befanden sich halbverblaßte Bilder, von denen eines sie fesselte: Engelsgestalten, die schwebend einen

Todten trugen. Und sie sah lange hinauf und ihre Lippen bewegten sich. Tann aber stieg sie, nach der andren Seite hin, die gleiche Zahl von Stufen wieder hinab und sah sich alsbald inmitten des Klosterkirchhofes, der fast noch wirrer um sie her lag, als sie beim ersten Anblick erwartet. Wo nicht die Birnbäume mit ihren tiesherabhängenden Zweigen alles überdeckten, standen Dill- und Fencheldolden, hoch in Samen geschossen; dazwischen aber allerhand verspätete Kräuter, Thymian und Rosmarin, und füllten die Lust mit ihrem würzigen Tust. Und sie blieb stehen, duckte sich und hob sich wieder, und es war ihr, als ob diese wuchernde Gräberwildniß, diese Pfadlosigkeit unter Blumen, sie mit einem geheimnißvollen Zauber umspinne. Endlich hatte sie das Ende des Kirchhofes erreicht, und sie sah zwischen den Bogen hindurch, die das Viereck auch nach dieser Seite hin abschlossen, auf den in der Tiefe liegenden Klostersee, den nach links hin, ein paar hundert Schritt weiter abwärts, einige Häuser umstanden. Eines davon, das vorderste, steckte ganz in Epheu und war bis in Mittelhöhe des Daches von fleischblättrigem und rothblühendem Hauslaub überdeckt. All das ließ sich deutlich erkennen, und als Grete bis dicht heran war, sah sie, daß eine Magd aus dem Schwellsteine stand und den großen Messingklopfer putzte.

Wer wohnt hier?" fragte Grete.

Das Fräulein von Jagow."

Ist es eine von den Nonnen?"

Das Mädchen lachte.Von den Nonnen? Wir haben keine Nonnen mehr. Es ist die Domina."

Das ist gut. Die such' ich."

Und das Mädchen, ohne weiter eine Frage zu thun, trat in den Flur zurück, um ihr den Weg frei zu machen, und wies auf eine Thür zur Linken.Da."

Und Grete öffnete.

Es war ein hohes, gothisches, auf einem einzigen Mittelpfeiler ruhendes Zimmer, drin es schwer hielt sich auf den ersten Blick zurecht zu finden, denn nur wenig Sonne fiel ein, und alles Licht, das herrschte, schien von dem Feuer herzukommen, das in dem tiefen und völlig schmucklosen Kamine brannte. Neben diesem, einander gegenüber, saßen zwei Frauen, sehr verschieden an Jahren und Erscheinung, zwischen ihnen aber lag ein großer, gelb und schwarz gefleckter Wolfshund, mit spitzem Kopf und langer Ruthe, der der Jüngeren nach den Augen sah und wedelnd auf die Bissen wartete, die diese ihm zuwarf. Er ließ sich auch durch Gretens Eintreten nicht stören und gab seine Herrin erst frei, als diese sich nach der Thür hin wandte und in halblautem Tone fragte Wen suchst Du, Kind?"

Ich suche die Domina."

Dies ist sie." Und dabei zeigte sie nach den: Stuhl gegenüber.

Tie Gestalt, die hier bis dahin zusammengekauert gesessen hatte, richtete

Nord und Süd. IX. 27. 21