Grete Minde.
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auf das Nah- und Nächstliegende kamen und sie sich in Gerdt's Haus ein- treten und die Knie vor ihm beugen sah, da wurd' ihr wieder so bang unrs Herz und sie hatte Mühe sich zu halten. Und sie nahm das Kind und küßte es. „Es muß sein," sagte sie, „und es soll sein. Ich Hab' es ihm versprochen, und ich will es halten und will Demuth lernen. Ja, ich will um einen Platz an seinem Herde bitten, und will seine Magd sein, und will mich vor ihm niederwerfen. Aber — und ihre Stimme zitterte — w enn ich mich niedergeworfen habe, so soll er mich auch wieder aufrichten. Weh' ihm und mir, wenn er mich am Boden liegen läßt." Und bei der bloßen Vorstellung war es ihr, als drehe sich ihr alles im Kopf und als schwänden ihr die Sinne.
Endlich hatte sie sich wiedergefunden und ging rascheren Schrittes weiter, abwechselnd in Furcht und Hoffnung, bis sie plötzlich, aus dem Walde heraustretend, der Dächer und Thürme Tangermündens ansichtig wurde. Da ging Alles in ihr in alter Lieb' und Sehnsucht unter, und sie grüßte mit der Hand hinüber. Das war Sanct Stephan, und die hohen Linden daneben, das waren die Kirchhofslinden. Lebte Gigas noch? Blühten noch die Rosen in seinein Garten? Und sie legte die Hand auf ihre Brust, und schluchzte, und ward erst wieder ruhiger, als sie die Goldkapsel fühlte, das Einzige, was ihr aus alten Tagen her geblieben war. Und sie öffnete sie, und schloß sie wieder, und preßte sie voll Inbrunst an ihre Lippen.
^8. Grete bei Gerdt.
Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Schritt, und binnen Kurzen: hatte sie die nur aus wenig Häusern bestehende Vorstadt erreicht. Eins dieser Häuser, das sich nach seinem bemalten und vergoldeten Schilde leicht als ein Herbergshaus erkennen ließ, lag in Nähe des Thores, und sie trat hier ein, um eine Weile zu ruhen und ein paar Fragen zu stellen. Die Leute zeigten sich ihr in allem zu Willen, und eh' eine Stunde vergangen war, war sie fertig und stand gerüstet da: die Kleider ausgestäubt und geglättet, und das während des langen Marsches wirr gewordene Haar wieder geordnet.
Es schlug eben fünf, als sie, das Kind unterm Mantel, aus der Herbergs- thüre trat. Draußen im Sande scharrten die Hühner ruhig weiter und nur der Hahn trat respektvoll bei Seit' und krähte dreimal, als sie vorüberging. Ihr Schritt war leicht, leichter als ihr Herz, und wer ihr in's Auge gesehen hätte, hätte sehen müssen, wie der Ausdruck darin beständig wechselte. So passirte sie das Thor, auch den Thorplatz dahinter, und als sie jenseits desselben den inneren Bann der Stadt erreicht hatte, war es ihr als wäre sie gefangen und könne nicht mehr heraus. Aber sie war nicht im Bann der Stadt, sondern nur im Bann ihrer selbst. Und nun ging sie die große Mittelstraße hinauf, an dem Rathhause vorüber, hinter dessen durchbrochenen Giebelrosetten der Himmel wieder glühte, so roth und prächtig wie jenen Abend, wo Baltin sie die Treppe hinunter in's Freie getragen und von jähem Tod errettet hatte. Errettet?