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Meöer Land und Weer.
seltsam hell und farblos, wie eine blasse Zeichnung, vor den Fenstern.
Sie konnte sich gar nicht zurechtfinden. Wo war sie nur? Was war geschehen? Was hatte sie verbrochen, daß ihr diese tödliche Angst wie ein Alp auf dem Herzen saß und drückte und würgte?
Sie lag ganz regungslos und besann sich. Und allmählich kam ihr Stück um Stück die Erinnerung des Traumes.
Sie hatte im Garten ihres Vaters gestanden und Rosen geschnitten für Hubert, Rosen und.wieder Rosen, rote, rosa, gelbe. Sie türmten sich um sie auf, sie quollen über den Rand des Korbes hinweg; aber die Stöcke wurden nicht leerer — ihre Arbeit nahm kein Ende.
Auf einmal fühlte sie, daß ein Blick sie traf. Sie wandte den Kopf. Da stand auf der Straße vor dem Gitter die junge, blasse Frau im schwarzen Kleide und sah ihr zu.
Und der Blick dieses sanften, traurigen Gesichts hatte ihr so ins Herz geschnitten, daß sie hingelaufen war und alle ihre Rosen über sie ausgeschüttet hatte.
Da aber war die Frau hocherhobenen Hauptes zurückgetreten. „Wohlthaten?" hatte sie in flammendem Zorn gerufen. „Räuberin! Gieb mir mein Recht!"
Diesen Traum wurde Lotte gar nicht wieder los. Sein Zusammenhang mit dem Briefe ihres Vaters lag ja auf der Hand. Und ob die junge Frau nun wirklich „Johanna" war, wie Lotte einen Augenblick gedacht hatte, oder eine gleichgültige kleine Schneiderin oder Putzmacherin — Lottes Phantasie bemächtigte sich ihrer. Bisher hatte sie nur ins Blaue hinein gehaßt und gefürchtet. Jetzt nahm der drohende Schatten Gestalt an, wurde Fleisch und Blut.
Hubert bemerkte zuweilen eine leise, nervöse Unruhe an seiner Frau.
Er selber, dem alles, was er sah und erlebte, zum Studienobjekt diente, war vollauf mit Einheimsen beschäftigt. Dies scheinbare Genießen war für ihn strenge, Zielbewußte Arbeit. An jedem Abend ging Er an der Hand von Reisebuch und Karte die Ein- . drücke des Tages durch, buchte den Gewinn und machte feinen Plan für die Aufgabe des nächsten Tages. Und immer war er mit voller Spannkraft bei der Sache; ja, je mehr er sich znmutete, desto frischer, heiterer, glücklicher schien er zu sein.
Lotte aber kam nicht auf ihre Kosten. Kaum fand sie Zeit, ein Skizzchen aufzunehmen; denn Hubert drängte rastlos weiter. Lange bedachte sie sich, ihm die Freude zu stören. Aber die Sehnsucht nach Arbeit, nach Pflichten, nach ihrem eignen Nest wurde Zuletzt unbezwinglich.
Endlich wagte sie's, ihm ihren Wunsch mitzuteilen. Und wie erlöst atmete sie auf, als sie nach sechs Wochen zu Hause anlangten.
(Schluß folgt.)
Ich Liebe öich.
von
Karl Bulcke.
^eut früh am Morgen, ein Viertel auf zehn, Ließ im Kolleg ich mal wieder mich sehn; Machte mein strengstes Juristengesicht,
War wie noch nie auf die Arbeit erpicht.
Die Weisheit sprudelte hell vom Katheder,
Ich schrieb sie nach mit fliegender Feder,
Und meine Begeist'rung fürs römische Recht War nie noch so tief, war nie noch so echt.
War es das Licht, das durchs Fenster sich stahl? War's Langeweile? Ich träumt' auf einmal; Sah vor mich hin, still und versonnen,
Wohl fünf Minuten sind drüber verronnen.
Der Herr Professor las unterdes Immer weiter über Zivilprozeß,
Die Feder, das alte Gewohnheitstier,
Glitt immer weiter übers Papier,
Und mein Nebenmann, was mich baß verdroß,
Las immer weiter die „Tante Voß" . . .
Prozeßeinteilung ... Verfahren ... und Leitung ... Römisches Recht... „Freisinnige Zeitung" ...
Lin roter Hut... darunter ein Kops...
Dahinter ein faustdicker Mozartzops...
Lin süßes Mädel von sechzehn Jahren... Prozeßeinteilung ... Prozeßverfahren ...
Hat wieder der Sonnenstrahl mich geweckt?
Ich bin aus einmal emporgeschreckt.
was stand da? Nein Gott, Hab' ich das geschrieben?!
Wo sind denn nur meine Gedanken geblieben?
Was stand da?! Da stand fein säuberlich In gotischen Lettern: „Ich liebe dich."
Nun ward es Abend. Ich lies umher Ueber Gassen und Plätze, die Kreuz und Euer',
Hab' kaum drei Happen zu Mittag gegessen,
Hab' meinen Nachmittagsskat vergessen,
Ließ mich von drei Marktweibern foppen,
Ging nicht einmal zum Dämmerschoppen,
Hab' schließlich daheim mich zu retten gesucht,
Habe gewettert und habe geflucht:
„Das dumme Mädel, was fällt ihr denn ein? Schleicht mir nichts dir nichts ins Herz sich mir ein, Dies blutjunge Ding von sechzehn Jahren Hält solch alten Gnkel zum Narren! —
Nein doch, was es für Thorheiten giebt:
Glaube noch selber, ich bin verliebt!"
Nun sitz' ich hier und bin auf einmal Ganz furchtbar gerührt und sentimental.
Ich seh' vor mich hin und denk' drüber nach, Mir schlägt das Herz mit so seltsamem Schlag, Ich denk' an das Mädel und denk' daran,
Wie alles so lieb und wohlgethan,
Ich denk' an das Mädel und habe betreten All meine Flüche ihr abgebeten,
Ich den?' der drei Worte, — ich freue mich. Ach ja... ach ja . . . „ich liebe dich."