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Ueöer Land und Meer.
höchst wahrscheinlich zu einem Spottpreise, angekaust wurde.
Nun entfaltete sich ein „Bum", das heißt ein plötzlicher Zuzug von Ansiedlern, wie er auch heute noch gelegentlich der Eröffnung eines neuen Territoriums vorkommt. Fabelhaft stieg das Grundeigentum im Preise, trotz des überall vorhandenen unbebauten Landes, so daß Bauplätze von 1000 bis 5000 Dollars verkauft werden konnten; für jene Zeit und jene Verhältnisse eine enorme Summe. Aus allen Staaten des Ostens und Südens strömten neue Zuzügler nach dem alten Mahn-a-wau-kie, und Milwaukee wie der ganze Staat Wisconsin waren in aller Munde. Lebensmittel, die zu Schiff teils von den oberen Ansiedlungen, teils vom Osten kamen, hatten einen im Verhältnis zu unsrer Zeit sehr hohen Preis, und hauptsächlich Bodenprodukte wurden teuer bezahlt. So kostete Welschkorn, das in den letzten Jahren den Preis von 25 bis 40 Cent per Bushel hielt, per Bushel 2 bis 2 Hg Dollars. Einen weiteren Begriff von der Steigerung aller Bedürfnisartikel und, damit verbunden, der Arbeitskräfte, erhält man, wenn man hört, daß G. H. Walker für Bretter, die er zum Bau eines Warenschuppens gebrauchte, 75 Dollars per Taufend bezahlen mußte, ein Preis, der heute um das Vierfache niedriger ist, ganz abgesehen davon, daß damals das Rohmaterial so gut wie gar keinen Wert hatte.
Der erste Deutsche, der sich in Milwaukee niederließ, war ein Drechsler aus Detroit Namens Bleyer; seine Nachkommen sind heute noch in Milwaukee ansässig. Nach und nach siedelte sich eine stattliche Anzahl Deutscher der verschiedensten Berufsklassen im jungen Milwaukee an, stetig wuchs der Zuzug, und heute haben die Deutschen die Majorität im Staate wie in der Stadt.
Die erste Zeitung, „Milwaukee Advertiser", erschien im Herbst 1835. Im Jahre 1837 siedelte sich der schon vorerwähnte Matthias Stein, ein Büchsenschmied, auf dem ehemaligen heiligen Berge der Indianer an, wo er in einem kleinen Häuschen seinem Geschäfte mit den Ansiedlern und Indianern oblag. Bunt und wechselvoll waren die Erzählungen des nun dahingegangenen Greises, wenn er von seinen jungen Tagen am Mahn-a-wau-kie, von seinen Jagd- und Streiszügen mit den Indianern berichtete, und beim Glas Bier habe ich oftmals seinen Worten gelauscht.
Ein reges Geistesleben entwickelte sich von Anfang an unter den aus Angehörigen aller Nationen zusammengesetzten Bewohnern des jungen Milwaukee. Schon 1836 tauchte die Idee zur Gründung einer „Nilvvaullss ob
Loianoss uvü Uitsruturo^ auf, und 1844 erfchien die erste deutsche Zeitung. Ihr folgte bald eine zweite, und so besaß Milwaukee schon 1851 zwei täglich erscheinende deutsche Zeitungen, deren eine noch heute als eines der leitenden Blätter im Staate gilt.
Ich übergehe die weiteren Entwicklungsphasen der letzten zwanzig Jahre, um nur noch einige Worte über die heutigen Zustände zu sagen.
Es ist gewiß als eine großartige Leistung amerikanischer Energie und deutschen Strebens zu bezeichnen, wenn in etwa sechzig Jahren aus einer Wildnis, aus Sumpf und Morast eine Stadt von 250 000 Einwohnern entstehen konnte. Der Staat Wisconsin ist heute auf mehrere hundert Quadratmeilen vollständig kultiviert, obwohl noch der weitaus größte Teil an Flächeninhalt wilden Urwald bildet. Milwaukee hat die alten Ansiedlungen Green-Bay und Prairie du Chien weit überflügelt und ist die größte Stadt im Staate. Einen riesigen Aufschwung gewann sie während der letzten fünfzehn Jahre. Dort, ivo noch vor wenigen Jahren, inmitten der Stadtgrenzen, vereinzelte Haferfelder zu sehen waren, wo der Jäger zur Herbstzeit an den vielen zerstreut liegenden Teichen und
Tümpeln Wildenten und Schnepfen schießen konnte, da erheben sich heute stattliche Wohnhäuser, und durch die mit Zederholzblöcken gepflasterten Straßen saust die elektrische Straßenbahn. Der Verkehr der Eisenbahnen nach allen Himmelsrichtungen, von fünf Linien vermittelt, ist ein kolossaler, was die weit ausgedehnten, bis in das Herz der Stadt reichenden Anlagen beweisen, wie auch der Hauptbahnhof inmitten der Stadt sich befindet.
Durch zwei Dampferlinien werden der Michigan-Lake, sowie die oberen Seen befahren, die die Stadt mit den reichen Schätzen des Waldes und der Berge aus dem nördlichen Wisconsin und Michigan, wie Holz, Kohlen, Eisen, Kupfer versorgen. Da, wo ehemals der Indianer am Ufer des Mahn-a-wau-kie sein Wigwam aufgeschlagen hatte, wird heute die ungeheure Fracht der großen, den Ozeandampfern nichts nachgebenden Schiffe des Michigansees gelöscht. Der zu einem tiefen Kanal erweiterte Milwaukee-River, der von Norden nach Süden den Kern der Stadt durchfließt, gestattet den großen Dampfern eine Einfahrt bis an die inmitten der Stadt belegenen riesigen Docks; große, elektrisch betriebene Drehbrücken erlauben die Durchfahrt. Einen großen Seehafen vermeint man vor sich zu haben, wenn das Auge den Wald von Masten überblickt.
Theater, Kunst und Wissenschaft haben in der deutschesten Stadt Amerikas eine Heimstätte gefunden. Drei englische und ein deutsches Theater bieten dem Publikum eine Fülle der mannigfaltigsten Genüsse, und alle Größen des Geistes und der Kunst pflegen auf ihren Amerikareisen in Milwaukee Station zu machen. Eine öffentliche Bibliothek, sowie eine ebensolche Bildergalerie und ein Museum stehen jedermann zur unentgeltlicheil Verfügung. Alljährlich im Herbst finden eine industrielle, sowie eine landwirtschaftliche Ausstellung statt, die mit jedem Jahre eine reichere Beschickung erfahren. Der Geselligkeit dienen Dutzends von deutschen Gesang- und Turnvereinen. Der geschäftliche Verkehr entwickelt sich, wie ja nicht anders zu erwarteil, in englischer Sprache, doch sind wenigstens 50 bis 60, wenn nicht noch mehr Prozent der Bevölkerung der deutschen Sprache mächtig, die auch in den öffentlichen Schulen gelehrt wird. Jir fast jedem Geschäfte, in fast allen Handelshäusern, die großenteils von Deutscheil betriebeil werden, ist das Deutsche neben dein Englischen gebräuchlich, und so wird die Unkenntnis des Deutschen als ein ebenso großer, wenn nicht als ein größerer Fehler betrachtet als die Unkenntnis der englischen Sprache. In jüngster Zeit wurde der Versuch gemacht, die deutsche Sprache aus dem Unter- richtsplane der öffentlichen Schulen zu verdrängen, aber die dieserhalb veranstaltete Umfrage ergab das den Fragestellern sehr verdrießliche Resultat, daß die überwältigende Majorität der nicht deutschen Eltern sich für den Unterricht ihrer Kinder in der deutschen Sprache entschied. So hat auch in diesem Falle Milwaukee seinen Nus als „deutscheste Stadt Amerikas" bewährt.
Sprüche.
Die heiligsten Momente auf Erden Wollen gesammelt genossen werden;
Lasse dich nie von Außendingen Um ihren inneren Segen bringen!
-X-
Das große Glück, das du erreicht,
Birgt in sich die Enttäuschung leicht,
Während ein kleines dir so oft
Mehr Freuden giebt, als dn erhofft. A. Stier.