Heft 
(1897) 11
Seite
189
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Sagen vom Kaukasus.

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Sagen vorn Kaukasus.

Von

Gregor Dadian.

II.

Die stumme Fatima.

^^iemand hatte Fatima reden hören, nicht einmal vor dein Priester, der ihren Bund mit Sahak Betzlarjan gesegnet. Ihre süßen Lippen waren fest geschlossen geblieben, und nur ein zustimmendes Neigen ihres schönen Hauptes war das Zeichen ihrer Einwilligung.

Sahak Betzlarjan führte fein junges Weib in das Haus seines Vaters, wo es nicht nur von diesem, sondern auch von seinen Brüdern, deren Frauen und Kindern auf das herzlichste bewillkommnet wurde. Eintracht und Friede hatten allezeit im Hanse Betzlarjans ihren Wohnsitz aufgeschlagen, und Fatimas Gemach, obgleich das kleinste auf dem Gehöft, war herrlich geschmückt mit mancherlei Zierat an den Wänden und mit kostbaren persischen Teppichen belegt. Sahak hatte ein hoch mit Sammet, Seide, Schmuck und Narben beladenes Kamel von Tiflis heimgebracht, die Geliebte zu erfreuen und ihre herrlichen Glieder in die köstlichsten Stoffe zu hüllen.

Fatimas Schönheit erregte bald den Neid ihrer Schwäge­rinnen, noch mehr aber that dies Sahaks Liebe, die keine Grenzen zn kennen schien. Bewundernd folgten ihr seine Blicke, wenn sie, die verkörperte Anmut, schwebenden Ganges die Gartenpfade wandelte. Mit ängstlicher Sorge hielt er sie von jeder ihm unwürdig scheinenden Beschäftigung zurück. Während Sahaks Schwestern und die Gattinnen seiner Brüder bisweilen wenigstens an den Gartenarbeiten sich be­teiligten, blieb Fatima in den Frauengemüchern, damit nicht die zarte Weiße ihrer Haut durch der Sonne Glut Schaden erleide.

Aber trotz der großen Liebe ihres Gatten, mit welcher er ihr jeden Wunsch zu erfüllen bemüht war, machte die junge Frau nicht den Eindruck einer Glücklichen. Gar bald zeigte sich in ihrem Gang etwas Müdes, und ihre Be­wegungen verrieten nichts mehr von Anmut und Elasticität, wie ihre Augen jenes strahlenden Feuers entbehrten, dessen verräterische Glut seinen Weg auch durch den Schleier orien­talischer Schönen findet. In der Einsamkeit verbrachte sie ihre Tage, und neugierige, argwöhnische Lauscherohren ver­nahmen nicht selten in Fatimas Gemach ein Seufzen und Stöhnen, das von den Lippen einer Verzweifelnden zu kommen schien.

Keine Frage, Sahak Betzlarjan hatte nicht wohlgethan, die schöne Fatima als sein Weib in das Haus seines Vaters zu führen. Wer war sie? Unzweifelhaft eine aus dem Geschlecht der Dschinnen, und zwar der bösen. Sahak wollte sie, als er sie zum erstenmal gesehen, schlummernd unter einein blütenbedeckten Pschatbaum in dem Garten eines großen, prächtigen, von einen: Säulengang umgebenen Hauses, unweit des Weges von Tiflis, gefunden haben. Niemand ^ hatte das von ihm geschilderte Haus je zuvor gesehen, ! und Sahak selbst fand nachmals keine Spur desselben ^ mehr. Das änderte aber an seiner Liebe zu dem jungen , Weibe nichts, es hatte vielmehr den Anschein, als ob seine Leidenschaft nur in: Wachsen begriffen sei. Sie machte ihn krank und bleich, in feinen Augen loderte ein un­heimlich düsteres Feuer, das man vorher nie darin erblickt hatte, und nicht lange dauerte es, so neigte man in dem Gehöft Betzlarjans zu der Meinung, daß die junge Frau ^ des Sahak diesen: und den Seinen Unheil bringe. Das Vieh erkrankte, die Früchte des Feldes verdarben, und die Unternehmungen der Söhne des Hauses waren nicht mehr von glänzenden Erfolgen gekrönt. Alan wollte die

Neber Land und Meer. Jll. Okt.-Hefte. XIV. II.

Wahrnehmung gemacht haben, daß Fatima dem Eisei: aus- weiche, und daß das Wort Hadid (Eisen) sie erschrecke,*) und man begehrte von dem Patriarchen des Hauses, daß er einen weisen Mann um Rat befrage, wie weiterem Unheil zu wehren sein möge.

Lange Zeit blieb Wierap Betzlarjan taub gegen alle Einflüsterungen. Fatima gefiel seinen Augen wohl, und ihre Herzensgüte, die er oft erprobt, erfreute seine Seele. Sollte doch auch Balkis, die herrliche Königin von Saba, die durch ihre Weisheit die Bewunderung Salomos erregt, von einer Dschin geboren fein. Fatima zeigte sich außerdem als eine gläubige Christin. Schließlich aber konnte ihn: die Veränderung, welche mit feinen: Lieblingssohne Sahak vorgegangen war, nicht verborgen bleiben, und bange Sorge erfüllte ihn. Auf die Frage nach seinen: Kummer gab Sahak nur ausweichende Antworten.

Da begann auch Wierap ernsten Befürchtungen sich hin- zngeben, und er beschloß, den: Drängen seiner Angehörigen nicht länger auszuweichen, sondern gen Eriwan zu pilgern, um dort den: Melik, der sich eines großen Ansehens in: wei­testen Umkreise erfreute, seine Kümmernis vorzutragen und ihn um Rat zu befragen, wie derselbe!: abzuhelfen sei.

Der Melik empfing den ihm wohlbekannten Wierap mit herzlicher Freude und bat ihn, vor allen andern, die bereits in früher Morgenstunde im Vorhause seiner harrten, um Sprüche der Weisheit aus seinem Munde zu hören oder seinem strengen Richterspruch sich zu beugen, sein Anliegen vorzutragen. Demütig begann der Patriarch des Hauses Betzlarjan:

Mächtiger Gebieter! Zwar bii: ich weniger als Staub vor dir, aber deine Güte und Menschenfreundlichkeit kennet keine Grenzen. So wagt dein demütiger Knecht, seine Augen zu dir zu erheben und dich zu bitten, ihn: zu ge­statten, daß er dir die Kümmernisse, in welchen er versunken ist, vortrage und um Hilfe und Rat in seinen Nöten an­flehe."

Sprich offen, mein Sohn ich will dir Rede stehen. Einer aus den: Hanse der Betzlarjan soll nicht ungetröstet von dannen gehen," lautete die milde Entgegnung.

Wierap begann den: Melik ausführlich den Grund seines Kommens vorzutragen. Aufmerksam folgte dieser seinen Worten, und noch lange, nachdem der greise Hauspatriarch seine Mitteilungen beendet, saß er in ernstein Sinnen ver­loren.

Endlich Hub er an:

Neige dein Ohr zu mir, damit ich dir künde, wie dir und deinem Hause zu helfen sein möchte. Das Weib deines Sohnes ist nicht stumm. Ein mächtiger Zauberer hat es ihr angethan, um sich zu rächen, weil sie mit Abscheu sich von ihm gewendet. Ihr Leib beherbergt eine Schlange von: Ararat, die beim ersten Worte, das sie sprechen wird, ihren Lippen entschlüpft und den geliebten Gatten tötet.

Nimm ein Gefäß mit geweihtem Wasser und verbirg dich abends in: Gemach des jungen Paares. Sobald dieses eingeschlafen ist, überschütte das Haupt der jungen Frau mit diesen: Wasser. Erschreckt wird sie einen Schrei aus­stoßen und die Schlange ihren Lippen entschlüpfen. Halte deii: gutes Schwert bereit, dieser deu Kopf abzuschlagen, ehe sie deinen Sohn mit tödlichem Biß verwundet. Laß es dir aber niemals einfallen, deine Schwiegertochter nach ihren: Herkommen zu fragen. Sie ist von edler Abkunft, Segen ruhet auf ihrem Haupte und mehret, was ihre Hände be­rühren."

Sinnend ritt Wierap heimwärts, die Worte des Meliks sorgsam erwägend.

Nachdem der Abend hereingebrochen war und alles in: Hause sich zur Ruhe begeben hatte, schlich er, in der einen

*) Tic Dschinnen haben einen großen Abschen gegen Eisen.

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