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Ueöer Land und Meer.
zierliche Ausschmückung sich die Putzmacherinnen nicht erfolglos alljährlich die feenhaftesten Roben aus Paris zu holen pflegen, lassen wir sie im Takte des schottischen Walzers dahinschweben. Wir wollen frühzeitig zur Ruh', froh, daß hier in der Höhenluft kein Kuli unsertwegen zum Nachtwachen verurteilt werden muß, um über unsre Betten den Pankafächer, einer: mit Tuch bespannten, an der Decke hängenden Holzrahmen, hin und her zu schaukeln. In: Flach lande Indiens ist in der heißen Jahreszeit an kein Speisen, kein Zeitunaslesen, kein Schlafen ohne dieses den Neuling nervös machende Pankafächeln zu denken.
In aller Frühe machen wir den beliebtesten Ausflug der Darjeeling-Sommerfrischler, den Spaziergang auf den Sanchal oder Tigerhügel, auf dem die Tiger aber abgewirtschaftet haben, seitdem ihn so viele europäische Reisende mit ihren: Besuche unsicher machen. Das Steigen der tausend Fuß lohnt sich immerhin, dem: die Aussicht ist umfassender als von Darjeeling; unter sehr günstige,: Wetter
gleichfalls Hals und Kragen an eine echte, rechte^Himalajareise zu setzen — eine solche selbstdiktierte Marschroute in gefahrdrohendes Hochgebirge hinein ist keine Vergnügungsreise —, aber ein klein wenig näher als bis zun: Tiger- hügelchen sollte denn doch jeder rüstige deutsche Reisende den: eigentlichen Himalaja auf den Leib zu rücken wagen. Gelegenheit dazu ist vorhanden. Einige Schutzhäuser, Bungalows, sind einige Tagreisen weit dem Hochgebirge entgegen errichtet. Diese vorgeschobenen Posten von Darjeeling sind auf leidlichen Saumwegen zu erreichen. Weiter als bis zu diesen Bungalows zu gehen, möchte ich freilich den: nicht zun: Forschnngsreisenden angelegten Touristen keineswegs raten, denn schon beim Bungalow Sandagghu, den unser Bild darstelltF) hört bei 12 000 Fuß Höhe mit einem prächtigen Zedernwald die Baumvegetation, bald darauf jegliche Wegspnr auf. Aber bei Sandagghu steht der Jndien- reisende denn doch weit mächtiger unter dein Bann dieser Hochgebirgsschönheit und kann den Hymnus auf das „Wunder-
Stratzenbarbiere.
Verhältnissen ist dort — wenn auch nur am alleräußersten Horizont — der Gaurisankar (Normt. Ilv6r68k) als winziges Hügelchen zu sehen. Ganze Gesellschaftsreisen und Extrazüge rasseln mittels der Himnlajabahn nach Darjeeling, nur um ans die bequemste Weise — das heißt vom tiger- llllt — wenigstens einen staunenden Blick auf den geheimnisvollen Himalaja und auf das noch fünfzig englische Meilen ferne Schneegebirgslabyrinth des Kanchinjinga- gebirges zu werfen. Ich gehöre zu den wenigen Sterblichen, denen es vergönnt war, nach ungeheuer,: Strapazen oen Schnee des wirklichen Himalaja, das Eis des Kanchinjinga- gletschers unter den Füßen knirschen gehört zu haben. Lächeln muß ich jetzt freilich, wenn fast jeder Tigerhügelersteiger die ungeheure Entfernung, die ihn von dein eigentlichen Himalaja noch trennt, vornehm verschweigt und zu Hause erzählt, auch er sei i»: Himalaja gewesen. Ein Gymnasiast auf einer Ferienreise, der schlaftrunken aus den Fenstern des Rheinfallhotels bei Schaffhansen zu den fernen Schweizer Schneebergen hinanfguckt, kann mit ähnlichem Recht daheim seinen Tanten versichern: „So was wie die Alpen vom Montblanc über die Jungfrau bis zum Glärnisch — das sah ich noch nie!" Ich will zwar niemand zumute,:,
bild" des Himalaja-Anblicks weit inbrünstiger anstimmen,kals er in allen Zungen von: tigorllill zu ertönen pflegt.
Das Geheimnis der Wirkung dieses Panoramas liegt nicht allein in der geradezu unglaublich scheinenden Höhe, bis zu der sich die fernen schneeigen Gebirgsspitzen durch und über die ziehenden Wolkenmassen in den klaren Aether strecken, und in dein Gedanken, daß es die höchsten bekannten Erhebungen unsrer Erdrinde sind, die dort aus den Falten dieses Hermelins in einsamer Majestät emporstarren; es liegt auch nicht in den: außergewöhnlich umfassenden Bildwinkel dieses ausgedehnten Hochgebirgs- panoramas oder in dem kontrastreichen Ueberblick über die üppige Stufenleiter der Vegetationsprodnkte aller Zonen — denn mehrere tausend Fuß unter dein Beschauer glitzert aus dem Tistathal ein brausender Silberstrom zwischen Palmen, Bananen und Kakteen herauf —, nein, es liegt in dem Zusammenwirken all dieser Erwägungen und Eindrücke und der scheinbaren Unnahbarkeit jener schneetragenden Bergriesen, die dort von der alles mit zauberhaftem Glanz vergoldenden Sonne Indiens überstrahlt werden.
I Dies Bild ist vr. Boecks Prachtwerk: „Himalaya-Album" entnommen.