Heft 
(1897) 12
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Weber Land und Meer.

oben wie auf einem Hügel, und drunten bewege sich eine Menge Volks herum, ans welcher halblaute Gesänge und auch Weihrauchwolken bis zu ihm herauszogen. Was war aber das für ein Lager, aus dem er, aus den Rücken hingestreckt, ruhte? Hart wie hartes Holz war es, und wie seine Hände herumtasteten, da fuhren sie über schuppige Rinde, gerade als wären es frisch abgehauene Baumstämme, und aus diesen Baumstämmen lag er, lang dahin­gestreckt wie ein Toter aus dem Scheiterhaufen! Tot war er ja auch gewesen, und bleischwer lag es ihm noch in allen Gliedern, aber jetzt die all­mächtigen Götter seien gelobt!, jetzt lebte er wieder. Er wollte sich ausrichten, aber es ging noch nicht recht; da schielte er nach rechts, und da lag seine Tuba; und da schielte er nach links, und da lag sein Schwert; und nun schielte er nach oben, und da hing von seiner Stirn etwas herunter, das aussah wie eine Ranke mit Blättern, ja, beim Jupiter, wie ein Lorbeerkranz sah das Ding aus, aber wie kam er zu einem Lorbeerkranz?

Allmählich kehrte ihm das Bewußtsein und die Erinnerung an die Schlacht wieder zurück, an die Schlacht und auch au seine. . . nun ja, was war daran zu ändern? an seine Flucht, an seine schmähliche, feige, memmenhafte Flucht! Ja, ein Feigling war er gestern gewesen, er und alle, alle andern auch alle, alle, nur nicht Sempronius und der Konsul und jene paar alten Krieger. . .

Wie seltsam aber war jetzt die Antwort, die von dort unten zu ihm heraustönte! Eine Stimme erhob sich salbungsvoll und langsam, als sei es ein alter Priester, der zum Volke spreche:

Ja, ihr wackeren Bürger! Dort oben liegt ein Held, ein römischer Krieger, der war brav bis in den Tod! Für ihn und für die andern, die mit ihm den Heldentod erlitten, ist dieser Holzstoß aus­gebaut, daß ihre ruhmvolle Asche ausbewahrt werde zum ewigen Beispiel für Kinder und Kindeskinder!"

Galten diese Worte ihm? Ihm, dem Calpurnicus Tuba? Nein, das war wohl ein Irrtum. Auf diesem Holzstoß mußte wohl, au einem Ehrenplatz, der edle Sempronius liegen, und ihn, den Tuba, den Korbflechter, den Posaunenbläser hatte man nur so nebenhin dazu gelegt, weil er sich gerade unter den Toten befand! Aber der Irrtum war aus Tubas Seite, denn mit lauter Stimme ries nun der Priester über die andächtig lauschende Menge:

Heil dir, Tuba! Du braver Held! Dein Pferd hast du gegen den anstürmenden Feind angetrieben! Den Rückzug Zu blasen konntest du deiner Viktoria­posaune nicht Minuten! Mit Verachtung hast du sie ins Gras geworfen und stürmtest voran! Und ein Stein aus Feindeshand zerschmetterte dir deinen Nömerschädel! Legt nun das Feuer unter dem Holz- ! stoß an, ihr wackern Bürger, daß die himmlischen Götter die Seele des toten Helden ausnehmen neben den Helden und Halbgöttern der Vorzeit, neben Herkules, neben Nomulus, neben. . ."

Weiter konnte der Priester aber nicht sprechen, denn plötzlich regte sich's oben auf dem Holzstoß, und den toten Helden sah man sich mit einem Male

wie unter Anstrengung aller seiner Kräfte in die ! Höhe richten, und mit den Armen fuchtelte der j Wiedererstandene in der Lust herum, und herunter schrie er zu der vor Schrecken erstarrten Menge:

Halt! halt! Nicht anzünden! Ich bin lebendig! Ich steige hinunter!"

Und richtig! Gerade als hätte er gestern keinen Hufschlag aus seinen Römerschädel erhalten, kletterte der flinke Tuba wie ein Eichhörnchen von Baum­stamm zu Baumstamm herunter bis zu der Stelle, wo inmitten einer vor freudigem Entsetzen sprach­losen Menge ein alter Priester mit ansgerissenem Munde und ausgebreiteten Armen stand.

Auf der untersten Stufe versagten ihm seine zitternden Hände den Dienst, und er kollerte hinab bis zu des Priesters Füßen, und seine Zähne klapperten geradeso, als stünde er noch neben Sempronius. Wie er aber nun flehend des Priesters Kniee umfaßte, da geschah etwas unsagbar Unglaubliches.

Er sah, wie die vordersten Reihen der hinter dem Priester im Halbkreis aufgestellten Menge sich plötzlich lösten und eine Anzahl von Menschen mit Hellem Jubelgeschrei aus ihn zueilten, und diese Männer, mit dem blanken Helm auf dein Kopse und dem Schwert an der Seite, er kannte sie ja! Er erkannte sie, einen nach dem andern! Das waren ja die Flüchtlinge, die gestern den Hügel herauf- stürmten, die ein Wehegeschrei anstimmten, die den edeln Sempronius mit sich Zerrten! Ter edle Sem­pronius aber hatte gerade diese da Feiglinge, Memmen und Gesindel gescholten, und gerade aus dieses Gesindels Kehlen drang ihm, dem andern Gesindelsflüchtling, jetzt der begeisterte Ruf ent­gegen:

Heil dem Helden Tuba! Dem von den Göttern beschützten Braven! Dem von den Toten anferweckten Braven! Heil! Dreimal Heil!"

Der arme Tnba wnßte nicht, wie ihm geschah; einen nach dem andern sah er mit großen Augen an; sie schüttelten ihm die Hand; er schüttelte ihre Heldenhände wieder; sie begrüßten ihn als einen Braven, er begrüßte sie wieder als eben solche Brave, stotternd zwar und wie seiner selbst nicht bewußt; aber er fühlte sich ja noch so schwach, noch so geistes­verloren, daß er all dies Heldentum über sich er­gehen ließ, ohne anch nur den Versuch zu machen, sich dieser ungerechten Huldigung zu entziehen.

Nun hatten auch die andern alle die Sprache wieder gewonnen, und der Volkshanfe drängte sich, Männer, Weiber und Kinder, um ihn herum, und der alte Priester konnte auch wieder sprechen und stimmte einen Lobgesang aus die Götter an, die den toten Helden gerade in dem Augenblick wieder er­weckt hatten, wo man die Fackel an den Holzstoß legen wollte.Heil dir, römischer Held!" sang es aus hundert Kehlen dem sprachlos die Menge An­starrenden zu.

Er mußte wohl wie ein vom Tode Erstehender aussehen, der arme Tuba, denn einer seiner Kame­raden brachte ihm nun einen Becher mit frischem Wasser, und sich liebevoll über ihn beugend, sagte er:

Trinke, Tuba! Tu mußt dich erholen!"