Heft 
(1897) 12
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Ueber Land und Meer.

zugleich erschließen. Ihn hatte nur das Stoffliche, das Aeußere der Vorgänge gelockt; er servierte die Handlung, fein sorgsam wie eine Bratwurst in fünf Teile abgeschuürt, und goß eine leider völlig mißratene Verssance darüber. Als das Publikum zu zischen anhob und ärgerlich in die Scene hineinlachte, schüttelte der Autor höchst verwundert den Kopf, hielt es nicht für möglich und kam nach jedem Aktschlüsse wie gerufen.

Wenn die offiziellen Theater ihre Mußnovitäten zu geben beginnen, blüht der Weizen der sogenannten Freien Bühnen. Vor einem aus den paar Mitgliedern und deren weiblichem Anhang, den eventuellen Onkeln und Tauten des Verfassers und den fluchenden Mitternachtkritikern bestehenden Publikum gehen die Matineen vor sich, die jedesmal der Welt ein neues Kunstwerk bescheren sollen, in Wahrheit jedoch nur den satanischen Zweck haben, arglose Menschen um ihr Nachmittagsschläscheu zu bringen. Eine Ausnahme von der Regel machte Heuer MacchiavellisMaudragola", dies un­glaublich freche und für unsre bescheidenen Ansprüche über­trieben geistvolle äoeumknb liumuin aus der Renaissance. Aber Macchiavelli ist schon lange tot und überdies dank seinem Principe so weltberüchtigt, daß man mit einer Aus­grabung, die ihn betrifft, weder seinen noch den eignen Ruhm erhöhen kann. In derMandragola" dreht sich's um einen Zaubertrank, der nach der Behauptung des Be­sitzers wirksamer ist als alle Schenkschen Methoden. Der übliche Ehemann, der sich schon lange einen Stammhalter wünscht, fragt den üblichen liebenden Jüngling, unter welchen Bedingungen der Trank helfe, und erhält die Ant­wort, daß der erste Mann, den die Frau nach Genuß der geheimnisvollen Tropfen begnade, sterben müsse; erst der zweite werde sich seiner Wirkung erfreuen. Wer seinen Boccaz kennt, weiß, daß nun der sehnende Liebhaber in passender Vermummung ins Haus schleicht, vom Ehemann zum Todesopfer erkoren und glücklich wird. Macchiavelli würzt den wenig schamhaften Spaß noch dadurch, daß er die tugcndsame junge Frau erst den dringenden Bitten und sophistischen Vorstellungen ihrer Mutter und ihres Beicht­vaters weichen läßt. Der feine Kopf Niccolo hat hier sehr starken Tabak geboten und ist mitunter selbst für den modernen Geschmack, dem man gewiß keine übertriebene Prüderie verwerfen darf, unerträglich. Indes spiegelt sich in der Arbeit ein wichtiges Stück Kulturgeschichte, und die Mandragola" nicht kennen heißt das Cinquecento nicht kennen. Nebenbei verpufft in der Komödie ein wahrhaft blendendes Feuerwerk von Witz und Geist, so daß es wirklich ein Vergnügen ist, an ihr Historia zu studieren.

Außer dieser eigenartigen, in kunstvollen Facetten ge­schliffenen Gabe brachte das Dramaturgische Institut den ersten Versuch eines Herrn Michalski heraus. Es ist er­freulich, daß es in unsrer nervösen und eitelu Zeit, wo jeder sich selbst seine Bibliothek schreibt, noch Leute giebt, die die Schöpfungen andrer lesen. Herr Michalski zählt zu dieser begrüßenswerten Gruppe und hat nur die eine kleine Untugend, daß er ans seinen Lesefrüchten vieraktige Schauspiele zusammenstellt. Diesmal heißt die leider nicht gedrängte Uebersicht seines kunstkritischen, nationalökonomi- schen, politischen und philosophischen WissensDas Eigene". Der Titel ist ein gelungener Witz des Autors, der zu dem Drama außer einer unsinnigen und unverständlichen Fabel nichts Eignes gegeben hat.

Von andrer Art ist Johannes SchlafsGertrud", mit deren Aufführung sich die Dramatische Gesellschaft dem schwergeprüften Dichter gegenüber ein Verdienst erworben hat. Hier scheint die letzte Konsequenz des konsequenten Naturalismus gezogen: kein Fünkchen äußerer Handlung lodert mehr durch das Scenengebäude, alles ist innerlich, bloßes Nervenerlebnis, bloße Stimmungsmalerei. Drei Akte hindurch kämpft die Heldin mit dem Entschlüsse, sich

aus dem grauen Philisterium zu befreien , das sie um­spinnt, sich dem Einzigen zu Füßen zu werfen, dem Un­abhängigen, Freien, Wilden aus den Wäldern Amerikas aber sie wagt den Schritt nicht. Der Gewaltige reift ab, und Gertrud ist wieder allein allein mit ihrem skatfrohen Manne. In die tiefsten Schächte, die dunkelsten Gänge einer müden und kranken Seele läßt Schlaf das Licht seiner Laterne fallen, und die Ausbeute, die er zu Tage fördert, ist groß. Wenn sie trotzdem nicht befriedigt, so ist im vorliegenden, besonderen Falle nicht allein die an sich theaterwidrige Kunstrichtung schuld, die es nun einmal ihrer Ueberfeiuheit wegen zwischen den grell bunt beinalten Pappdeckeln der Bühne zu keinem vollen Erfolge bringen kann. Es kommt vielmehr hinzu, daß Schlafs Amerikaner etwas Ausgeklügeltes an sich hat, eine unlebendige Phantasiegestalt scheint. Statt des dröhnend angekündigten Thatenmenschen sehen wir einen Schönredner wie andre mehr und begreifen Gertruds Erregung und Begeisterung nicht.

Den: regen Wettbewerb ihrer jüngeren Nebenbuhlerinnen gegenüber fühlte sich die ältesteFreie Bühne" oder doch ihr neuer Vorsitzender, Herr Fulda, verpflichtet, nach langer Pause auch wieder ein Lebenszeichen zu geben. Sie trat mit zwei Werken einigermaßen unbekannter Autoren hervor, die weniger durch ihre litterarischen Eigenschaften als da­durch Interesse erwecken, daß sich in ihnen die geistigen Physiognomien der beiden deutschen Hauptstädte, Berlin und Wien, mit seltener Klarheit spiegeln. Das Drama Tote Zeit" eines sicheren Ernst Hardt wurde von vorn­herein der Nachsicht des geehrten Publikums dringend em­pfohlen, indem man ausgiebig auf die hoffuungsgrüue Jugend des noch nicht einmal großjährigen Ver­fassers hinwies. Es ist erstaunlich, was die ganz jungen Leute, die bestenfalls eben von den Bänken der Prima ge­kommen sein können, meistenteils ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz aber schon in der unteren Sekunda für immer gebändigt habeir was die modernen Jünglinge heut­zutage alles erleben.Tote Zeit" sind die den Flitterwochen folgenden Jahre eines Ehepaares, das sich seelisch nicht zu finden verstand. Eine Freundin des Mannes, ein Freund der Frau thnn, was sie können, den Dornbusch in einen Feigenbaum zu verwandeln und die sumpfige Langeiveile der beiden so gründlich zu unterbrechen, daß der Manu am Ende in den zu diesem Zwecke komfortabel vorbereiteten Theatersee geht, während die Frau an seiner Leiche zn- sammeiibricht. Mit zwanzig Jahren liest mau viel, Jugend neigt immer zur Nachahmung und die Berliner Dichter­jugend ganz besonders. Herr Hardt aber macht von diesem stillschweigend anerkannten Vorrechte einen allzu ausschweifen­den Gebrauch, und seine Ibsen-Imitation entartet im Laufe des Stückes immer mehr zur Ibsen-Parodie. Auch die Sprache des Norwegers wird nachgeäfft, und eine Flut geheimnis- voll-dummer Sentenzen muß den kraftvollen Wellengang wirklicher Entwicklung der Charaktere ersetzen. Mit dieser aufgedonnerten, neuberlinischen Scherenarbeit verglichen wirkt dieMadonna Dianora" des Wieners v. Hoffmauus- thal fast wie eine echte Dichtung. Schwüle Sommernacht atmet um die kurze, bei allem Verspomp knapp geschürzte Scene, südländische und doch verhaltene Sinnlichkeit, ver­schleiertes Feuer, wie man es bei den jungen Wiener Poeten durchweg findet, und dabei eine tigerhafte, wilde Grazie. Die Heldin erwartet in zitternder Sehnsucht ihren Liebsten, der Mann überrascht sie dabei, erwürgt sie und legt sich dann mit dem scharfen Messer aus die Lauer, um auch ihren Mitschuldigen nbzufangen. So die einfache Handlung, die aber etwas ungemein Aufregendes an sich hat und am Schluß von packender Furchtbarkeit ist. Der Dichter macht auf größere Arbeiten aus seiner Feder gespannt.

Während so die ernste Muse trotz der vorgerückten Jahreszeit noch immer hingebende Jünger in Deutschland