aus dem inneren Gebälk ins Freie und schlägt atemlos seine roten Feuerflügel zur Turmspitze empor. Gierig rast er aufwärts und, als suchte er ihn als sein eigentliches Opfer, dem Turmhahn zu. Starr vor Schreck sieht dieser den übermächtigen Gegner näher und näher wüten. Ein Hahnenkampf elementarster Art wird Ereignis, schauriger als der rohe Sport barbarischer Völker, ein Kampf entfesselter Natur gegen beseeltes Menschen-
Wer ^’ denn die Elemente hassen
das Gebild von Menschenhand.
Stolz und streitbar von Natur nimmt er den Kampf auf. Allen Stürmen hat er getrotzt, hat auf festem Grunde fußend sich gewandt allen Angriffen gestellt. Aber gegen die Flammenschläge dieses Gegners, der ihn von allen Seiten zugleich packt, ist er machtlos, wehrlos dreht er sich hierhin, dorthin, kreist wie ein Irrer in Glut und Qualm. Der Turm, auf dem er steht, der ihm sonst Festigkeit und Halt gab, wird ihm zum Scheiterhaufen. Wohl sieht er für Augenblicke durch dichte Rauchwolken da unten aller Augen zu sich empor gerichtet, sieht beherzte Männer das Kirchendach ersteigen. Kann ihm noch Hilfe kommen von Menschenhand? Aber schon fühlt er es unter sich schwanken und beben, kein Flügelschlag hebt ihn befreit empor, die Macht der Tiefe bannte ihn,
Da war’s um ihn geschehn,
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.
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Da lag er nun den Menschen zu Füßen, über deren Erdenleben er vordem turmhoch erhaben war. Zimmerleute aus demselben Baugeschäft, dessen Gesellen ihn einst zur Höhe brachten, befreiten ihn von dem verkohlten Gebälk und trugen ihn ins Rathaus, an ebendieselbe Stelle, wo er einst in goldener Pracht zur Schau stand. Wieder konnte jedermann ihn betrachten, eine wahre Jammergestalt, verbeult und verbrannt, mit verrenkten und zerschlagenen Gliedern. Berufene Hände entnahmen der geborstenen Kugel sein bis zum Tode treu bewahrtes Vermächtnis, drei kupferne Kapseln. Die eine enthielt Schriftstücke, die 1826 bei einer Turm-Ausbesserung eingelegt worden waren. Eine zweite verschloß Nachrichten aus dem Jahre 1854 über die derzeitigen Verhältnisse der Stadt und im besonderen über die Baugeschichte des Turm-Neubaus. Hierin findet sich auch der Satz: „Es ist zwar in jetziger Zeit die Verzierung der Turmspitzen mit einem vergoldeten Kreuz üblich; mit Rücksicht darauf jedoch, daß die Kirche zu einer Zeit gebaut ist, wo solche Kreuze noch nicht angebracht waren, ist im Sinne des älteren Baustils ein Hahn gewählt worden.“ Die größte Überraschung bot die dritte Kapsel, die offenbar heimlich hineingemogelt worden war! Sie enthielt von dem damaligen Bauführer verfaßte „wahr-
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