Ein geheimnisvoller Zusammenhang bestand bei den Menschen vergangener Zeiten zwischen Kind und Storch. Der Ursprung läßt sich bis ins frühe Heidentum hinein verfolgen. Man hält die Neugeborenen für ein direktes Geschenk der von ihnen verehrten Göttin Holda (Hulda, Frau Holle), welche die kleinen Kinder durch ihren Boten, den Storch, überbrachte.
Ein Vogel aber, der im Menschenleben eine so große Rolle spielt wie der Storch, konnte kein schlechter Vogel, sondern mußte ein höheres Wesen sein,, und so bildete sich der Glaube aus, die Störche seien verwandelte Menschen. Die Araber glauben gar, der Storch sei einst ein Marabu (Heiliger) gewesen, den Allah einer Sünde wegen verwandelt habe. Den Glauben an die Verwandlung des Storches hat der Dichter Hauff in seinem Märchen „Kalif Storch“ wiedergegeben.
Besonderes Interesse wird dem Storch schon bei seiner Ankunft entgegengebracht. Man achtet schon vom ersten Tage seiner Ankunft an auf seine Gebaren. Hat z. B. der erste Storch, der erblickt wird, ein schmutziges Gefieder, „so gibt es einen nassen Sommer“. Wer den ersten Storch stehend sieht, „wird faul“, wer ihn fliegend sieht, „fleißig arbeiten“. Ein fliegender Storch bringt Glück, ein sitzender Unglück Und Krankheit.
Als ein weiterer Prophet unter den Vögeln gilt der Kuckuck. Hört man ihn zum ersten Mal schreien, so kann man genau erfahren, wie lange man noch leben wird. Demjenigen mangelt es nicht an Geld, d<jr beim ersten Schrei des Kuckucks an die Geldbörse klopft und sie ordentlich schüttelt, so daß die Geldstücke vernehmlich erklingen. Auf die Annahme der Allwissenheit des Kuckucks beruht auch die noch heut viel gebrauchte Redensart: „Das weiß der Kuckuck.“
Von besonderer Bedeutung für das Glück des Hauses werden die Schwalben angesehen. Sie sind Künder des Frühlings und Beschützer des Hauses. Wegen ihrer rötlichen Brust einst dem rotbärtigen Gewittergotte Donar heilig, haben sie nach dem Aberglauben wunderbare Eigenschaften. Sie schützen die Häuser vor Blitz und Feuergefahr. Ein Haus, an dem sie alle Jahre ihr Nest wieder auf suchen, wird nicht von Unglücksfällen heimgesucht. Jeder Bauer sieht gern Schwalben an seiner Behausung. Ein Schwalbennest zu zerstören, gilt für ebenso furchtbar wie das Vernichten eines Storchennestes. Darum hütet sich jeder Junge, ein Schwalbennest zu zerstören.
Schwalben galten außerdem als Wetterkünder. Allgemein ist man der Ansicht, das Hochfliegen der Schwalben bedeutet gutes Wetter, Tieffliegen dagegen bedeutet schlechtes Wetter, und zwar nicht mit Unrecht. (Wenn Regenwetter im Anzuge ist, so füllen sich zunächst die oberen Luftschichten mit Feuchtigkeit. Mücken und andere Insekten ziehen sich mehr nach dem Boden, wo die trockene Luft ihnen mehr zusagt. Die Schwalben folgen und fangen zahllose Mengen.) Zieht die Schwalbe in ihrem Auffluge eine lange und stille Bahn und berührt mit ihren Flügeln das Wasser
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