Heft 
(1957) 9
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ereignisreichen Geschichte der alten Bischofsstadt behandelt. Das 700- jährige Pritzwalk ließ auf dem Trappenberg eine riesige Freilichtbühne erbauen, bei deren Errichtung die Einwohner viel Solidaritätsarbeit leiste­ten. Tausende waren von dieser schönen Kulturstätte begeistert, nur der Architekt murrte, er hatte noch einen Teich zwischen Bühne und Zu­schauerraum geplant,- aber die Pritzwalker hatten zu einem Teich hoch oben auf dem Trappenberg kein rechtes Zutrauen. Bei mir wurde von seiten der Stadt ein Spiel nach der alten Kiemensage bestellt, und Walter Timm wurde gebeten, auch in Pritzwalk die Regie zu übernehmen. Wir nannten das Stück nach einem Satz aus dem überlieferten Kiemenbrief:Der Kiemen bleibet Euer Feind. Hiermit war auch die Aussage des Stückes erläutert: Jedes Versöhnlertum mit den Mächten einer vergangenen Epoche ist verderblich. Der Beifall, den die etwa 12 000 Besucher diesen Aufführungen spendeten, war enthusiastisch. Statt der vorgesehenen drei mußten sechs Aufführungen durchgeführt werden, und es gab manche, die alle sechs besuchten. Die Aussage des Stückes wurde richtig verstanden, die Worte dejs Kiemen:Ich bleibe Euer Feind, mit allen, die ich kann' zuwege bringen, gelten 1957, wie sie um 1400 galten. Jetzt fragte niemand mehr wie 1950 in Potsdam:Was gehen uns heute noch die ollen Ritter an? Man hatte erkannt, daß man heute gültige Wahrheiten auch an histo­rischen Stoffen beweisen kann, und daß sie in dieser Form vom Publikum sogar lieber abgenommen werden. Für 1957 wurden zwei neue Spiele ge­braucht. In Kyritz wollte man des Todes der Bürger Schulze und Kersten gedenken, die im April 1807 von nassau-usingischen Truppen erschossen worden waren, und Putlitz brauchte ein Spiel für seine 1000-Jahrfeier.

Ich schrieb für Kyritz eine dramatische Reportage:Saat des Sturmes, ein Spiel in neun Bildern, das an Regisseur und Spieler Anforderungen stellt, die über das übliche, Laien zuzumutende Maß hinausgehen. Einen drama­tischen Konflikt enthält die traurige Hjpisode aus der Geschichte der Stadt Kyritz nicht, um so deutlicher zeigt sie, daß heute verhindert werden muß, was damals geschah, daß Westdeutsche auf Befehl einer fremden Macht auf uns schießen müssen. Die Wahlen machten eine Verlegung des Basse- witzfestes auf die Tage vom 5. bis 8. September notwendig. Bis dahin müssen wir dieses Spiel trotz aller Schwierigkeiten auf die Bühne bringen.

Putlitz schuf in seiner alten Burgruine eine Freilichtbühne, die nicht nur in einer idyllisch schönen Umgebung liegt, sondern in ihrer Anlage auch den Intendanten des Landestheaters Parchim befriedigte. Hier wird noch manches Schauspiel über die Bretter gehen, die die Welt bedeuten. Zur 1000-Jahrfeier war es das heitere Spiel'Als sich die Gans die Flügel brach. Die Fabel ist frei erfunden, den geschichtlichen Hintergrund bildet der Machtkampf der Herren zu Putlitz gegen den ersten Hohenzollern auf dem Markgrafenstuhl Brandenburgs. Ich wollte in diesem Spiel zeigen,

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