Literarische Notizen.
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Tains ohne Frage den ersten Platz einnimmt, welche aber überhaupt, wie uns scheinen will, ihren demokratischen Gegnern an Wissen und Urtheil erheblich überlegen sind. Die Auffassung, welche durch das epochemachende Werk Heinrich von Sybel's bei uns begründet worden ist, hat auch jenseits der Vogesen sehr viele Anhänger, und zwar durchaus nicht bloß in den klerikalen und legitimistischen Kreisen. Wenn nun die gemäßigten Anhänger der Revolution zwar deren Greuel nicht leugnen und nicht verkleinern, aber um so mehr die Nothwendigkeit der Revolution verfechten, so ist auch diese Auffassung hart bestritten. Unter Diejenigen, welche das thun, gehört der Vicomte de Bros. Er hat ein Buch über das binnen rögimo geschrieben, in welchem er eine unparteiische Würdigung desselben gibt und zu dein Schluß gelangt: Reformen waren nothwendig; sie wurden fast allgemein gefordert, und das Königthum hatte Pflicht und Recht, sie durchzuführen. In den vorliegenden zwei Bänden setzt nun de Broc seine Aufgabe fort. Er will keine eigentliche Geschichte der Revolution entwerfen: er beabsichtigt nur, aus den fast zahllosen Aufzeichnungen der revolutionären Periode ein deutliches Bild davon zu entwerfen, wie Frankreich unter dem revolutionären Joche lebte und sich wand. Diese Aufgabe hat der Vicomte in vortrefflicher Weise gelöst: seine Sprache ist knapp, treffend, oft erschütternd; die Auswahl der Einzelheiten ist mit großer Umsicht und Kenntnis; getroffen; das Urtheil ist verständig und patriotisch. Es wird sich auch dem widerstrebenden Leser die Empfindung mittheilen, daß in der That die Revolution sehr wenig Recht hat, sich zu rühmen, daß sie „die Grundsätze von 1789" verfochten habe. Diese waren vielmehr schon vor ihr da, niedergelegt in den 6a1Ü6r8 der Wählerschaften, und die Revolution, welche sich gar nicht auf diese Reformen, sondern gegen die Grundver- fasfung des Staates richtete, hat lediglich die liberale und reformatorische Bewegung aufgehalten und den wahren Grundsätzen von 1789 die Gewaltsamkeit substituirt: sie hat Frankreich in zwei feindliche Nationen gespalten, die Räuber und die Beraubten, „die Henker und die Opfer", und an ihren Folgen krankt, wie de Broc mit Nachdruck und Bekümmeruiß sagt, das Land noch heute.
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nomiguo 6t r6ligi6U86 MX Mat8-11m8 6N 1890. kur Nax Uoolore. 1Mri8, Indruirio 1'tou. 1891.
Der Verfasser hat in der Zeit vom Juli bis October 1890 eine Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika gemacht und seine Beobachtungen und Studien im „.lournal c>68 I)6iiÄt8" und in der „Ilovuo btouo" veröffentlicht. In der vorliegenden Sammlung sind diese Aufsätze vereinigt. Er gibt sieben selbständige Abhandlungen. In der ersten und letzten schildert er Reiseabenteuer — einen Besuch in der neu gegründeten, eine große Zukunft versprechenden Stadt Middlesborough in Kentucky, eine durch die ausständischen Arbeiter der New-Dork-Central- und Hudson- River-Eisenbahn frevelhaft herbeigeführte Zugs
entgleisung. Seine Beobachtungen über die Entstehung, die Entwicklung und die nächsten politischen Folgen der neuen Zollgesetzgebung — des Mac Kinley-Gesetzes — werden in der zweiten, vierten und fünften Abhandlung ausführlich dargestellt. Die sechste Abhandlung beschäftigt sich mit dem Katholicismus in den Vereinigten Staaten, wobei der Verfasser seine Besuche bei dem Erzbischof Jreland in St. Paul und dem Cardinal Gibbons in Baltimore erzählt. Die dritte Abhandlung führt die Ueber- schrist: „Charakter und Sitten. Einige Züge". Sie ist die schwächste. Es ist etwas gewagt die Sitten und den Charakter einer Bevölkerung, wie der der Vereinigten Staaten, auf Grund einiger Reisebekanntschaften, die in der Eisenbahn gemacht sind, und flüchtiger Besuche in amerikanischen Familien schildern zu wollen; und so ist denn auch dieses Capitel voll von schiefen und voreiligen Urtheilen, insbesondere über die Stellung der Frau und die Kindererziehung in den Vereinigten Staaten. In den übrigen Abschnitten finden sich manche frische Erzählungen und anziehende Schilderungen. Der Verfasser ist ein gewandter Stilist und wird gewiß viele Leser der Zeitungen, für welche er ursprünglich geschrieben hat, angenehm unterhalten haben. Von einem Buche verlangt man aber mehr; und wenn Jemand so ausführlich über die amerikanische Zollgesetzgebung, ihren Einfluß aus das Wirthschaftslelien der übrigen Länder, die Mittel, schädliche Einflüsse zu beseitigen u. dgl. schreibt, so erwartet man eine gründlichere volkswirthschaftliche Bildung, als sie der Verfasser besitzt. Auch sucht der Leser vergeblich die Spuren eingehenderer Studien über die in vielen Beziehungen so schwer verständlichen politischen und wirthschaftlichen Zustände der Union. Die Bemerkungen, welche der Verfasser z. B. hie und da über die Eisenbahnen der Vereinigten Staaten einstreut, beweisen, daß es ihm auf diesem Gebiete an jeglicher Kenntniß der thatsächlichen Verhältnisse und deren Entwicklung fehlt. Neben richtigen und zutreffenden, von guter Beobachtungsgabe zeugenden Urtheilen finden sich daher Ueber- treibungen und Jrrthümer- Der Verfasser will nur ein Augenblicksbild bieten; aber auch ein Augenblicksbild soll ähnlich sein- Es ist ein leider viel verbreiteter Jrrthum, daß sich wirthschaftliche Zustände eines Landes wie eine Straßenscene abphotographiren ließen, und daß jeder Reisende, der ein offenes Auge hat, auch befähigt sei zur Aufnahme solcher Bilder.
(i. Sicilianische und andere Streifzüge.
Von Siegfried Samo sch. Minden i.
Wests., I. C. C. Bruns' Verlag. 1892.
„Sie sehen Alles durch Ihre italienische Brille," sagte scherzend der berühmte Maler, dem das vorliegende Bändchen gewidmet ist, als der Verfasser in einem Berliner Thiergartenbild Etwas von dem Widerschein des palermi- tanischen Himmels zu finden meinte. Denn freilich, der Zauber dieses Landes ist so stark, daß, wer ihn einmal wirklich empfunden, sich nie wieder ganz von ihm losmachsn kann, sondern ihn innerlich festhält, gleich eingesogenem Licht, das in der Dämmerung ausstrahlt. Wenn