Die Handelsverträge.
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künstliche Industrie groß zu ziehen, bildete der niedrige Tarif damals das einzige Mittel, die in ihren Interessen so verschiedenen Provinzen näher mit einander Zu verschmelzen. Unter der Herrschaft dieser mäßigen Zölle ist Preußen stark geworden und die Industrie des Zollvereins langsam, aber gesund emporgewachsen. Die zu keiner Zeit ausgeschlossene fremde Concurrenz feuerte den Eifer der Gewerbetreibenden an und stählte ihre Kräfte. Nur einmal, zur Zeit der vierziger Jahre, ist ein ernstlicher Sturmlaus gegen die Regierung unternommen worden, um sie zur Einführung höherer Zölle zu veranlassen. Aber die damals und in den fünfziger Jahren erfolgten Abänderungen haben den gemäßigten Charakter des Tarifs nicht wesentlich beeinflußt. Es folgten dann die Zeiten des ausgesprochenen Freihandels, in welchen viele wichtige Zollpositionen ganz oder theilweise aufgehoben wurden. Vielleicht wären auch diese Schritte von der Industrie ohne besonderen Nachtheil ertragen worden, wenn nicht gerade zu jener Zeit die allgemeine wirthschaftliche Krise Deutschland schwer heimgesucht hätte. Unter ihrem Drucke und bei der Unmöglichkeit, neue Absatzmärkte zu finden, da das Ausland für die einseitigen, freiwillig erfolgenden Zollherabsetzungen Deutschlands keinerlei Entgegenkommen bewies, kam die schutzzöllnerische Reform von 1879 zu Stande. — Von Seiten der Schutzzöllner wird der seit jener Zeit statt- gesundene Aufschwung der Industrie der Zollresorm zugeschrieben, während die Freihändler behaupten, daß der Fortschritt ohne die hemmenden Zollschranken ein noch weit größerer gewesen sein würde. Eine Entscheidung dieses Streites ist natürlich unmöglich. Im Allgemeinen wird man wohl annehmen können, daß die Bedeutung der Zolltarife überhaupt einigermaßen überschätzt wird. In Frankreich ist unter fortwährendem hohen Zollschutze eine sehr gewaltige, der deutschen kaum nachstehende Industrie erwachsen, in England ist das gleiche Resultat bei vollständiger Freiheit der Einfuhr aller Gewerbserzeugnisse erreicht worden, und die Zollvereinsindustrie ist ebenfalls unter der Herrschaft sehr niedriger Tarife erstarkt. In Rußland herrscht seit hundert Jahren und in den Vereinigten Staaten seit nicht viel kürzerer Zeit ein wenig schwankendes Hochschutzzoll- und Verbotsystem. Manche Industrien sind dabei zu außerordentlicher Entwicklung gelangt, andere aber in ganz ausfälliger Weise zurückgeblieben. Auch in Oesterreich hat das übertriebene Schutzsystem nur wenigen Industrien genützt. Mit Zolltarifen allein wird man also nie die Blüthe der Gewerbe, den ausreichenden Lebenserwerb der Arbeiter sicher zu stellen im Stande sein. Wichtiger und einschneidender als sie sind sicherlich andere Ursachen: die geographische Lage, die Consumfähigkeit und Culturhöhe der Abnehmer, die Sicherheit der Absatzmärkte, der Unternehmungsgeist der Bevölkerung, die Billigkeit der Lebensmittel, Löhne, Transportmittel u. s. w. Der Zollverein konnte ruhig seine Grenzen dem fremden Wettbewerb öffnen, da die große Dichtigkeit und der Wohlstand seiner Bewohner der Industrie den Absatz verbürgten, und die Intelligenz, der Schaffensdrang der Bürger durch das fremde Beispiel angeregt wurde. Erst in dem Momente, wo seine Industrie mehr hervorbrachte als im Jnlande abgesetzt werden konnte, entstand für ihn die Nothwendig- keit, sich der Concurrenz zu erwehren und durch Zollmaßregeln neue Märkte zu gewinnen. Hätte Deutschland denselben ungeheuren sicheren Markt, welchen England in seinen Kolonien besitzt, so könnte es ebenfalls, trotz seiner ungünstigeren geographischen Lage, seine Grenzen frei den fremden Gewerbserzeugnissen öffnen und seine finanziellen Bedürfnisse durch wenige Zölle aus Genußmittel decken. Aber die gesicherten überseeischen Märkte fehlen uns leider. Von Jahr zu Jahr verschließen sich die dem deutschen Handel erst mit sehr großen Anstrengungen gewonnenen Länder mehr und mehr. Nordamerika droht bereits ganz verloren zu gehen, und auch die wenigstens theilweise Sperrung Südamerikas ist in den Bereich der Möglichkeit getreten. In Ostasien drohen die Japaner mit Nachahmung der amerikanischen Politik. Auf China ist noch nicht viel zu rechnen. Centralasien ist durch Rußland versperrt. Nur Indien bietet noch einen ergiebigen Markt, aber bei dem raschen Wachsthum seiner Industrie ist auch hier eine Einschränkung der Kauflust zu fürchten. Australien umwallt sich immer mehr mit Zöllen. Afrikas Bevölkerung ist in der Hauptsache zu wenig consum-