Heft 
(1892) 70
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Deutsche Rundschau.

Worden, wodurch die thatsächliche Wirkung herbeigesührt wurde, daß England hinsichtlich der Besetzung Aegyptens in keiner Weise an eine Frist gebunden ist.

Erscheint die Position Großbritanniens in Aegypten von Seiten der europäischen Mächte wenig anfechtbar, so bietet auch der Thronwechsel, der sich soeben im Nillande vollzogen hat, keinen Grund zu ernsthaften Besorgnissen, daß die ruhige Fortentwicklung des Landes gestört werden könnte. Vielmehr darf die englische Regierung sich jetzt darauf berufen, daß das jugendliche Alter des Thronerben Abbas Pascha, der, am 14. Juli 1874 geboren ist, eine weitere Besetzung Aegyptens durch englische Truppen noch besonders geboten erscheinen läßt, weil anderen Falls die turbulenten Elemente derNationalpartei" sich von Neuem regen könnten. Die Regentschaftsfrage selbst ist vollständig geregelt, da der Sultan durch Ferman vom 30. Mai 1866 dem damaligen Chedive Ismail Pascha eine Aenderung der Thronfolgeordnung in dem Sinne zugestand, daß das Mcekönigthum in directer Linie forterben sollte, so daß die Brüder Jsmail's ihres Erbrechts verlustig gingen, und Tewfik Pascha präsumtiver Thronerbe wurde. Im Jahre 1873 erlangte Ismail Pascha von dem Sultan Abdul Afis einen noch günstigeren Ferman, in dem die directe Erbfolge nach dem Principe der Erstgeburt und der Linearsuccession aufrecht erhalten wurde. Zugleich wurde die völlige Unabhängigkeit der Verwaltung und Justiz, ferner das Recht des Chedive, Verträge mit fremden Staaten abzuschließen, Anleihen aufzunehmen, die Stärke des Landheeres zu bestimmen und Kriegsschiffe anzuschaffen, zugestanden. Die Suzeränität der Pforte gelangte im Wesentlichen darin zum Ausdrucke, daß Ismail Pascha sich verpflichtete, dem Sultan einen bestimmten jährlichen Tribut zu entrichten. Erschien auf diese Weise die Unabhängigkeit Aegyptens von der Türkei begründet, so ersetzte eben Ismail Pascha das eine Abhängigkeitsverhältniß durch ein anderes, das abzu­schütteln seinen Nachfolgern sehr schwer fallen würde. Es muß aber immer wieder betont werden, daß dieser von England ausgeübte maßgebende Einfluß für Aegypten selbst, insbesondere für dessen Finanzverwaltung, segensreich geworden ist. Die Fran­zosen allerdings mögen es bedauern, daß die ägyptische Regierung vor Jahren ihre Suezcanalactien an England verkauft hat, das zugleich einen Finanzmann zur Ordnung der Finanzen nach Aegypten entsendete. Sie mögen es ferner bedauern, auf die Mit­besetzung des Nillandes verzichtet zu haben; an der gegenwärtigen Lage kann dadurch jedoch nichts geändert werden. Die Thatsache, daß nach der im Jahre 1879 voll­zogenen Absetzung Ismail Paschccks der Ferman von 1873 vom Sultan wieder auf­gehoben worden ist, kann den Franzosen ebenfalls nicht zu statten kommen. Auch ist die in diesem Ferman bestätigte Erbfolgeordnung von allen Betheiligten bereits an­erkannt worden. Der Großwesir theilte dem Präsidenten des ägyptischen Minister- rathes unverzüglich mit, daß der Sultan den Prinzen Abbas zum Chediveernannt" habe. Ebenso erklärte der Obercommiffar der Pforte in Kairo unverzüglich, daß Prinz Abbas seinem Vater in der Regierung folgen werde. Nicht minder beeilte sich die türkische Regierung, dieErnennung" des neuen Chedive im Amtsblatte zu ver­öffentlichen. Wird aber in den türkischen Versionen auf dieErnennung" Gewicht gelegt, so handelt es sich nur um eine Formalität. Andererseits hat der Präsident der französischen Republik bereits an Abbas Pascha seine Glückwünsche gelangen lassen, so daß an irgend welchen Widerspruch gegen dessen Thronfolge gar nicht gedacht werden kann. Mit Spannung durfte man den Aeußerungeu der dem englischen Kabinette nahe stehenden Organe entgegensetzen. DerStandard" betonte, daß, wenn England nicht in der Lage gewesen wäre, unter der Regierung Tewfik Pascha's Aegypten zu räumen, eine derartige Räumung jetzt einereine Thorheit" sein würde. Die Morning Post" äußerte sich in demselben Sinne und faßte zugleich die Verdienste zusammen, die England sich um die Reorganisation aller Verwaltungszweige in Aegypten erworben habe. Mit Recht wird betont, daß Aegypten durch die englischen Bemühungen der Civilisation erhalten worden sei. Andererseits wird nicht unterlassen, hervorzuheben, daß, wie vier Fünftel aller Schiffe, die den Suezcanal passiren, eng-