Heft 
(1892) 70
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Deutsche Rundschau.

fünf zur Zeit im Dienst waren. In diesen, wie auch in den andern Depar­tements des Marstalls, der Hofsägerei u. f. w. fand man schon eine Reihe be­kannter Namen aus der alten Aristokratie, z. V. Rämusat, Broglie, Caussy, Villoutreys, Girardin, Crillon und Contades. Ueberwiegender war noch die Zahl solcher Namen im Hofstaat der Kaiserin. Derselbe bestand aus den beiden Hofdamen de la Rochefoucauld und de Lavalette und dreißig Palastdamen, meistens Gemahlinnen der Marschälle und Kammerherren, welche nach bestimmtem Turnus zum Dienst herangezogen wurden, ferner einem Almosenier, Ferdinand de Rohan, acht Kammerherren und drei Stallmeistern. sJu demVudlsan äs tu eour" von 1807 sind alle diese Namen noch ohne Titel und Prädikat (äue, nmrgui8) eomts rc.) verzeichnet. Erst 1810, nach der Heirath mit Marie Luise, wurden die alten, historischen Adelsprädicate officiell wieder eingeführt.s Ein Corps von vierzig Pagen, welche unter einem Pagen-Commandanten militärisch ausgebildet und mit achtzehn Jahren als Officiere angestellt wurden, versah den Dienst in den Gemächern der Kaiserin und an der Tafel.

So glänzend und zahlreich dieser Hofstaat, so üppig die Tasel, und so reich die Ausstattung der Schlösser war, so herrschte doch große Ordnung und eine weise Sparsamkeit in den Ausgaben. Marschall Duroc führte ein strenges Regiment; das Hofgesinde stand in einer Art von militärischer Zucht. Um es mit den Traditionen der alten Hofetiquette vertraut zu machen, hatte Napoleon aus Mademoiselle Campan's Verwendung einen Theil der einstigen Diener Ludwig's XVI. wieder angestellt. Die Lever's und Coucher's waren wieder ein­geführt, zwar nicht in ihrer alten Form einer wirklichen Toilette, aber doch als eine Art Audienz, zum Zweck intimer persönlicher Aussprache mit den zum Zutritt Berechtigten. Dieser Zutritt, der auch durch Gunst verliehen werden konnte, galt als eine besondere Auszeichnung. Der Kaiser trat gewöhnlich um neun Uhr, völlig angekleidet, aus seinem Cabinett, verweilte eine halbe Stunde in dieser Versammlung und begab sich dann zum Frühstück, welches er stets allein einnahm; ein Palastpräfect stand neben ihm, und ein Haushofmeister Wartete auf. Manchmal ließ er auch Personen eintreten, um sich während des Frühstücks mit ihnen zu unterhalten, meistens Männer der Kunst und Wissen­schaft. Diese Auszeichnung genossen häufig die Gelehrten Monge, Berthollet und Denon, die Maler David und Jsabey, die Architekten Costaz und Fontaine, der Schauspieler Talma, Doctor Corvisart u. a. In sein Arbeitscabinett zurück­gekehrt, nahm der Kaiser die Vorträge entgegen, die sich bis in die Nachmittags­stunden ausdehnten. Um sechs Uhr war Tafel, welche ca. zwanzig Minuten währte. Napoleon trank gewöhnlich nur Chambertin und auch diesen meist mit Wasser vermischt. Wenn keine Gäste geladen waren, speiste er mit der Kaiserin allein; Familientasel fand nur Sonntags statt. Nach Tisch begab sich der Kaiser wieder in sein Arbeitscabinett und erschien dann später in den Gemächern seiner Gemahlin, wo die Herren und Damen vom Dienst und einige geladene Gäste versammelt waren. Diese an sich regelmäßige Lebensweise ward natürlich durch Revuen, Jagden, Audienzen und Besichtigungen verschiedener Art vielfach unterbrochen.