Heft 
(1892) 70
Seite
404
Einzelbild herunterladen

404

Deutsche Rundschau.

fand ihnohne alle eigentliche Poesie, besonders in den Oden"*). Byron, der im0üi1ä6 Harold" auf dem Soracte von ihm Abschied nimmt, rühmt ihn als Aesthetiker, Moralisten und Satiriker, seine Oden bekennt er nicht zu lieben; den Grund sucht er, gewiß mit Unrecht, darin, daß er auf der Schule zu sehr mit ihnen gequält worden sei ^). Andererseits hat es natürlich auch zu keiner Zeit an Solchen gefehlt, die Catull nach seinem ganzen Werth zu würdigen wußten. Der größte Dichter, den Rom gehabt hat," sagt Niebuhr,ist Catullus: er sucht nicht die Worte, nicht die Formen; die Poesie strömt aus ihm heraus, sie ist ihm dieselbe Sprache, derselbe Ausdruck, den das Bedürfniß hervorbringt; jeder Gedanke, jedes Wort bei ihm ist Ausdruck des natürlichen Gefühls. Er hat ganz dieselbe Vollkommenheit wie die griechischen lyrischen Dichter bis aus Sophokles, und er steht ihnen gleich" '*). Macaulay, der die antike Literatur kannte und liebte wie Wenige, schrieb einmal:Ich habe fast Alles, was ich von Catull am meisten liebe, auswendig gelernt. Er wird mir immer vertrauter. Eines ist an ihm, ich weiß nicht, ob es zu seinem Wesen oder zu einem Theil des weinigen gehört aber es gibt gewisse Seiten in meiner Seele, die er in einer Weise berührt, wie sonst Niemand. Einige Stellen ergreifen mich mehr, als ich erklären kann: sie rühren mich stets zu Thränen"^). Ein andermal: Beendete Catull 3. August 1835 (in Calcutta). Ein bewundernswürdiger Dichter. Kein römischer Autor ist so griechisch. Die Einfachheit, die Leidenschaft, die vollendete Anmuth, die ich in den großen Attischen Mustern finde, Alles das ist in Catull und in ihm allein unter den Römern" o). Ueberraschend ist es, auch Fsnelon unter den Bewunderern Catull's zu finden. Der Verfasser des Rtzltziuaquö sagt:Oatulls, qu'ou ns xeut nonuner saus avoir üorreur do 868 0d8e6nit68, 68t UN 60iiidl6 d6 1a x6rt'66tion xour UU6 8iiuMeit6 p388ioun66:

Oäi 6t UINO, lZMl'6 tüetam, Iortu886 r6<iuiri8:

1168610 , 86<1 ttori 86ntio 6t 6xeruoior.

Ooiudwn 0vid6 6t Nartial, av66 I6ur8 trait8 iiig6ni6ux 6t täqonns8, 80 nt 118 au ä6880U8 ä6 668 MI'0l08 N60'ÜM68, 16 eosur 83.181 xarlo 86u1 dan8 UN6 68P666 Ü6 ä6868POir" *).

Die Uebersetzung des Catull von Theodor Heyse (18031884) ist in Wahrheit eine Nachdichtung, die das Original so vollkommen wiedergibt, wie es in einer modernen Sprache überhaupt möglich ist: wenn freilich auch (nach Goethe's Gleichniß) manche Blumen in dem Strauße, den der römische Dichter bietet, sich in der Hand des Uebersetzerszur Erde gewandt" haben. Eine solche Reproduction konnte nur durch ein glückliches Zusammentreffen selten vereinter

1) Riemer, Mittheilungen über Goethe, Bd. II, S. 643.

2 ) 6Mä6 R-u-oia, IV. 77.

3) Niebuhr, Bonner Vorträge über römische Geschichte (herausgegeben von Jsler), Bd. III, S. 127.

4) Er meint die ersten Zeilen des 8., des 38. und einen Theil des 76. Gedichts, welche sämmtlich unten in Heyie's Uebersetzung folgen.

ö) 4>6V6! v!m, Vite anä I6tt6r8 ol Vorä Mwü.uluv, II, p. 448.

«) Daselbst I, p. 468.

i) Bei VInnro, 6ritiei8in8 anä 6lueiäa.tion8 ol OatuIIiw, p. 233. Hehse's Uebersetzung des Catullischen Distichons (85) folgt unten.