Sprache und Aegyxtische Sprache.
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Der Werth, welchen das ägyptische Sprachstudium somit für alle Sprachgeschichte erhält, rechtfertigt die Erwähnung zweier anderer Züge, die aus den ersten Blick ebenso fremdartig erscheinen werden, als die genannten. Im Aegyptischen können die Worte — wir wollen zunächst sagen, scheinbar — sowohl Laut wie Sinn umdrehen. Angenommen, das deutsche Wort gut wäre ägyptisch, so könnte es neben gut auch schlecht bedeuten, neben gut auch tug lauten. Tug wiederum könnte ebenfalls sowohl gut als schlecht besagen, und in einer geringen, lautlichen Modification, wie sie sich so leicht im Leben der Sprachen ergiebt, — etwa zu tuch -— Veranlassung zu erneuter Umdrehung in chnt erblicken, welches seinerseits noch einmal beide Bedeutungen zu vereinigen vermöchte. Was kann unglaublicher sein?
Da man sich bei der Würdigung von Mirakeln zunächst mit dem That- bestande bekannt zu machen hat, so sei die Bemerkung gestattet, daß des Verfassers Koptische Untersnchumgen ein 90 Seiten langes Verzeichniß derartiger Metathesen enthalten. Beispielshalber seien einige wenige angeführt. 1) Lautmetathese; all ^ lla, Stein; äin ^ inn komm; ün ^ na Verzeichnis;; är i'ä machen; llsn nsk zerschlagen, zerstoßen; Konti ^ llnoll blühen; ponll^ )(6np sangen, nehmen; tell ^ llet Feige; snr ^ rss zerschneiden, theilen; kos ^ sek reinigen, waschen; pell ^ llop gehen; Znü ^ ans Wind, wehen. 2) Sinnwechsel: kok nehmen V liegen lassen; Kon stark V schwach; insu, stehen V inonnron sich bewegen; tun ehren V verachten; kein zerschneiden V verbinden; torp nehmen V geben; ^or stehen V gehen; noll trennen, zerschneiden V noll Band. 3) Laut- und Sinnwechsel: sos geziemend, O 868 ungeziemend; Zoll mischen O p6Z trennen; ll6n binden m N6ll trennen; llot zerbröckeln o toll festigen; llon nicht vorhanden sein o noll alle; sorp zusammennähen o proo zerbrechen, zertheilen u. s. w. Wie man an einigen dieser Beispiele bemerken wird, kann Lautwandel die Erscheinung begleiten.
Kann somit über die Thatsache kein Zweifel sein, so stehen wir vor der Frage nach einer rationellen Erklärung. Im Lichte der beobachteten Homonymie bietet sich zunächst eine ausweichende Antwort dar. Wie wenn wir nur scheinbar Laut- und Sinuverkehrungen, in Wahrheit aber verschiedene Wurzeln vor uns haben, welche sich zufällig in den genannten Weisen entsprechen? Dies gälte besonders in Bezug auf die Sinnverkehrung. Wenn es eine Menge gleichlautender Wurzeln giebt, die verschiedenes bedeuten, so könnte ja unter ihnen eine Anzahl vorhanden sein, die sich geradezu widersprechen. Wenn Kon alles mögliche bedeuten kann, warum sollte es nicht neben stark, zufällig auch schwach besagen? Einer absichtlichen, bewußten Sinnverkehrung Hütte es unter solchen Umständen nicht bedurft.
Ohne zu leugnen, daß eine Anzahl Sinnverkehrungen in dieser Weise entstanden sein können, läßt sich dennoch nicht annehmen, daß sie alle so mechanisch geschaffen, oder angewendet worden sind. Man stelle sich einmal vor, es habe sich ein Kon „stark", und ein Kon „schwach" im Wege zufälliger Homonymie ergeben, so würde sofort die Neigung, wenn nicht die Nöthigung
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