Heft 
(1897) 11
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Salontalentchen, mittels dessen es die ihm erwieseneGastfreundschast gewisser­maßen bezahlen konnte. Melitta allein war absolut talentlos und bei weitem nicht so geschmeidig wie ihre Schwestern, sondern eher ein bißchen herb. Viel­leicht hatte sich die alte Gräfin gerade deshalb an sie am engsten angeschlossen. Auf Melitta konnte sie sich in jedem Sinne stützen, und im Verkehr mit ihr entwickelte das Mädchen eine liebevolle Zartheit, welche die alte Frau bei ihren übrigen Kindern vermißte.

Von den Geschwistern wurde die Jüngste als eine Art Aschenbrödel an­gesehen und in keiner Hinsicht für voll genommen. Die Brüder allerdings wußten ihre hausmütterlichen Leistungen zu schätzen, wenn sie aus ihren ver­schiedenen Offizierschulen auf Urlaub kamen, und nannten sie herablassend ein gutes Ding". Das war aber auch alles. Ganz anders imponierte ihnen Myra, dasGlückskind"!

Die alte Gräfin allein konnte nicht daran glauben, daß Myra glücklich fei, und fragte diese während.ihres winter­lichen Aufenthaltes in der Tiergarten­villa immer wieder mit mütterlicher Besorgnis über die Einzelheiten ihres Lebens und über den Zustand ihres Gemütes aus, erhielt aber allemal den gleichen Bescheid:Ich bin mit meinem Lose zufrieden."

Fürstin Myra sprach die Wahr­heit; sie hatte kein Herz. Die alte Gräfin sagte es sich auch heute wieder, als sie mit ihrer schönen, erst vor wenigen Tagen aus Petersburg ein- getroffenen Tochter am abendlichen Theetifche saß.

Myra hatte von ihren Erlebnissen, ihren Triumphen gesprochen, hatte in­time kleine Geschichten von Männern, die aus Leidenschaft für sie die tollsten Streiche ansgesührt hatten und zum Teil darüber zu Grunde gegangen waren, erzählt, während die furcht­samen Augen der alten Gräfin sich vor Entsetzen immer weiter öffneten.

Myra lachte dazu, schob hie und da ein Stückchen Backwerk zwischen die spitzen Weißen Zähne und markierte mit dem Theelöffel ein paar Takte ansMadame Angot" ans dem Tassenrande.Es ist nicht anders, Mama! Daß der arme Marcel d'Aubray im Duell fallen mußte, ist nicht meine Schuld. Warum erzürnte er Dimitrij durch seine allzu offenbare Anbetung meiner Person?!"

Weil du eine Kokette bist!" sagte

Ueöer Land und Meer. Der schwarze Kitter.

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Zcene vor einem Rekrutievungsbnreau in Nack einer g>eicknm>g von tv. A. Rogers.

Melitta, die gerade durch das Zimmer ging.Weil du mit deinen Mit­menschen wie mit Marionetten spielst. Sage ihr, daß das verwerflich ist, Mama! Und daß sie es eines Tages bitter bereuen wird!"

Melitta hat recht," bestätigte die alte Dame, durch den Eifer ihrer Lieblingstochter angefeuert.Der arme Marcel! Er war so hübsch in seiner weißen Uniform! Und ans seinen ernsten braunen Augen sprach so viel Liebe für dich! . . . Ich glaube, er wird dir in deiner letzten Stunde erscheinen, Mvra neben andern möglicherweise, von denen ich nichts weiß, und dir das Sterben schwer machen."

Spart eure Moralpredigten!" !es die Fürstin ärgerlich.Ich bin ,errin meines Thuns und fürchte dessen Konsequenzen nicht. Ich fürchte nur wei Dinge: das Alter und den Lebens- berdruß und mit diesen beiden l-at es noch gute Wege."

Durch die den Nebenranm ab­schließenden kupferfarbenen Portieren schob sich jetzt das pikante Spitzmaus­gesicht der französischen Zofe.

Gnädigste Fürstin, der Coiffeur! Er sagt, er könne nicht länger warten."

Du hast den Menschen in der That lange warten lassen, Myra," bemerkte die alte Gräfin schüchtern.

Lächerlich, Mama! Ein Coiffeur ist kein Mensch'. Und das Warten muß er gelernt haben: e'esl 8ou

metwi-! Ich denke nicht daran, diesen Theetisch zu verlassen, bevor ich meine zweite Tasse mit Behagen zu mir ge­nommen."

Jmdlebenranm, dem Ankleidezimmer der Fürstin, herrschte ein malerisches Durcheinander. Tie schimmernden Ein­zelheiten des Maskenkostüms, in dem die schöne Frau auf dem heutigen Ge­sandtschaftsballe glänzen wollte, lagen über alle Möbel verstreut. Vor dem Toilettentisch brannten bereits die Wachs­kerzen irr den hoher: Armleuchtern, und der Coiffeur stand in bescheidener Hal­tung daneben. Seine gesenkten Blicke erhoben sich erst, als in seiner Bähe das Rauschen eines Frauengewandes hörbar wurde. Melitta war in ihrer geräuschlosen Art eingetreten.

Es thnt mir sehr leid, daß Sie so lange warten müssen; Sie Hütten Platz nehmen sollen," sagte sie freundlich.

Gnädigste Comtesse sind zu gütig. Ich hoffe, daß die Frau Fürstin bald über mich verfügen wird, da meine Zeit in fünfzehn Minuten abgelaufen ist."