Heft 
(1897) 11
Seite
194
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Was für ein angenehmes Organ der Mann hatte. Und wie gentil er aussah in seinem schwarzen Anzuge. Irene würde ihn alsChilde Harold" malen, sagte Melitta, an die begabteste unter ihren Schwestern und an deren Vorliebe für Byronsche Gestalten denkend, Zu sich selbst und betrachtete sekundenlang mit rein objektivem Interesse die hohe, elegante Gestalt, das blasse, ovale Antlitz mit dem gedankenvollen Zuge um Augen und Lippen.

Vielleicht war auch dieser Mann, wie so viele Stiefkinder des Schicksals, zu Höherem geboren und litt unter der Sklavenkette, die ihn niederhielt.

Ihr Beruf ist nicht leicht," bemerkte sie zögernd.

lieber sein Antlitz ging der Schimmer eines Lächelns.Er hat auch seine Lichtblicke," erwiderte er, und obschon sein Ton sehr respektvoll blieb, so sagten doch seine sprechenden braunen Augen recht deutlich: du bist einer dieser Lichtblicke!

Melitta fühlte, wie sie errötete; ihr Antlitz nahm einen abweisenden Ausdruck an. Sie wandte sich zum Gehen und sagte kühl, ohne ihn noch ein­mal anzusehen:Ich werde die Frau Fürstin davon unterrichten, daß Ihre Zeit beinahe um ist." Dann verschwanden die anmutige Gestalt, das feine, seelen­volle Gesicht, die so viel unerlaubte Bewunderung in des Mannes Augen entzündet, und gleich darauf rauschte die Fürstin Koljassow ins Zimmer. Sie blickte nicht den Coiffeur, sondern sich selbst an, während sie, vor dem Spiegel sitzend, ihre Befehle gab.

Ich wünsche eine zur Kleopatra-Maske passende Frisur," sagte sie nachlässig.Hat man Sie davon unterrichtet?"

Ich bin durch den Herrn Hosfriseur genau instruiert, gnädigste Fürstin."

Entfesselt sinkt die Flut des rabenschwarzen Haares über das schneeweiße Morgenkleid herab. Mit solchem Material läßt sich etwas ansangen. Bald ist die klassische Frisur, zu welcher er die bereit­liegenden Goldstreisen kunstgerecht verwendet, ans dem schönen Kopse arrangiert. Fürstin Myra ist eine vollendete Kleopatra, als sie eine Stunde später zum Abschiednehmen die Zimmer der alten Gräfin betritt. Ihr Anzug ist blendend schön und kostbar er ist auch bis ins kleinste getreu nach Pariser Kostümbildern angesertigt.

Die alte Gräfin findet ihn zwar ein wenig herausfordernd, aber sie erfährt daraus von ihrer klugen Tochter, daß sie altmodisch sei und vom Geiste der Neuzeit keine Ahnung habe.

Andre Zeigen noch weit mehr von ihrem Körper als ich, ohne von der Natur in gleichem Maße bevor­zugt zu sein," sagt Fürstin Myra, schon im Weg­gehen, verdrießlich.Dimitrij äußerte es noch neulich."

*

Das sashionable Maskenfest hat bereits seinen Höhepunkt erreicht, als Kleopatra das Gesandtschafts­hotel betritt. Sie ist in ihrer eignen, eleganten Troika man kennt dieselbe in ganz Berlin, da die Fürstin auf Wunsch ihres Gatten stets drei­spännig fährt dorthin gelangt und mit Aus­zeichnung empfangen worden. Huldigte man ihr

schon, als sie noch die arme Comtesse Hildhausen war, so herrschte sie jetzt als reiche, unabhängige Frau noch unumschränkter in der Welt des Glanzes und der Schönheit.

Das Kleopatra-Kostüm der Fürstin die trotz ihrer schwarzen Halbmaske sofort erkannt wird und auch erkannt werden will erregt allgemeine Be­wunderung, umsomehr, als es so ganz dem Charakter ihrer gefährlichen, berückenden Schönheit entspricht. Fürstin Myra muß zahllose Schmeichelreden an- ^ hören, in denen viel Uebertreibung und wenig Geist ! zu finden ist. Sie vergnügt sich nur in der ersten halben Stunde daran; die Gewohnheit jahrelanger gesellschaftlicher Triumphe hat ihre Empfindnngs- frische abgestumpft, und sie sieht mit Entsetzen noch ahnt es niemand! den Dämon des Lebens­überdrusses heranschleichen. Noch nicht! Noch ist es nicht so weit! sagt sie zu sich selbst. Noch habe ^ ich Freude an meinen Diamanten, am Tanze, am

! Spiel mit Herzen!

!Tanzen wir!" sagt sie zu ihrem Kavalier, als soeben ein elektrisierender Straußwalzer einsetzt.

^ Und dann bemerkt sie, daß nicht mehr der Kammer- . Herr v. Boethlingk in seinem malerischen Briganten­kostüm hinter ihrem Sessel steht, sondern ein andrer. Ein spanischer Ritter, hoch, schlank, völlig schwarz gekleidet, den Calatrava-Orden der Cistercienser aus der Brust tragend.

Im Augenblick erkennt sie ihn nicht, doch muß , er zu ihrem Bekanntenkreise gehören, denn er bietet ihr den Arm und führt sie zum Tanze. Und wie tanzt er! Fürstin Myra weiß gewiß, im Ballsaal ist er ihr noch nicht begegnet, sie würde sich sonst ! dieser unvergleichlich leichten und sicheren Führung, ! dieser eigenartigen Rhythmik in den Bewegungen er­innern.

^ Sie bedauert es, als der Walzer zu Ende geht, und fragt ihren Tänzer, als er sie auf ihren Platz znrückführt, ob er nicht ihr gegenüber sein Visier lüften will. Sie gebraucht dabei das karnevalistische Du.

Nein, Kleopatra," sagt er.Es verlohnte sich auch nicht für dich, denn ich bin kein Antonius."

Dann vielleicht ein Cäsar?" fragt sie spottend, durch den Hohn in seiner Stimme gereizt.

Auch das nicht. Ich bin nicht gekommen, um Fehde mit dir zu führen. Und du besitzest nichts, das mir des Erstrebens wert wäre."

Seine Stimme ist kalt und mutet sie seltsam bekannt an. Dunkel blitzen seine Angen durch das geschlossene Visier und erinnern sie an diejenigen des jungen Marcel, der für sie gestorben.

Du willst mich neugierig machen," sagt sie, einen kleinen Schauer tapfer niederkämpfend,aber das ist verlorene Liebesmüh'!"

Du solltest das Wort,Liebe' nicht aussprechen, Königin. Aus deinen allerdings wunderschönen Lippen verwandelt es sich in eine Schlange."

Was willst du damit sagen?!"

Daß du kein Herz besitzest, Kleopatra. Daß du oberflächlich und egoistisch, genußsüchtig und er­barmungslos, kurz alles, nur kein echtes Weib bist."

Die ägyptische Königin atmet heftig.Und wer