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Der schwarze Urtier.
oder was bist du, daß du es wagst, die ohnehin weitgesteckten Grenzen der Maskenfreiheit in so unerhörter Weise Zu überschreiten?"
„Ich sprach die Wahrheit," entgegnet er kalt. „Und ich darf sie aussprechen, denn ich gehöre nicht unter deine Vasallen. Ich bin ein freier Mann, der nach deiner Gunst nicht fragt und die Maskenfreiheit dazu benutzt, dir den Beweis zu liefern, daß es Rüstungen giebt, an denen dein Zauber machtlos abprallt."
Fürstin Myra meint vor Zorn zu ersticken. „Wäre mein Gatte hier, so würde er dir besser antworten, als ich es vermag!" stößt sie zwischen den Zähnen hervor. „Zum Glück fehlt es mir nicht an Freunden, die bereit sind, für mich einzutreten —"
„Und die du dann, zum Dank für ihre Ergebenheit, vor die Mordwaffe deines Gatten stellst," vollendet er kaltblütig. „Denke an Marcel d' Aubray!"
Sie zuckt zusammen. Ihr Herz beginnt ungestüm zu pochen. Im gleichen Moment hebt die Musik wieder an, und der schwarze Ritter tritt mit eleganter Wendung vor sie hin. „Darf ich bitten, Königin?"
„Nimmermehr! Keinen Schritt, kein Wort mehr mit Ihnen!" will sie sagen, bringt es aber nur zur Hälfte über die Lippen, denn seine Augen — die Augen, die so sehr an Marcel erinnern und jetzt so gebieterisch blicken — zwingen sie dazu, sich zu erheben. Halb willenlos läßt sie sich wieder von ihm in die Reihen der Tanzenden führen. Ein herrlicher Galopp, in den: sie wie auf Schwingen dahingleiten, währenddessen jede andre Empfindung in einem unbeschreiblichen, berauschenden Wonnegefühl untergeht, drängt vorläufig ihren Zorn in den Hintergrund. Und als der Tanz beendet ist, da kann sie diesen Zorn nicht wiederfinden; da wohnt nur ein seltsames, nie gekanntes Empfinden, eine weiche, sehnsuchtsvolle Traurigkeit in ihrer Brust — neben dem heißen Wunsche, ihn, der so viel gewagt, der sie so schwer beleidigt, von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Sie streift den schweigend neben ihr Stehenden mit ihren Blicken. „Höre mich, schwarzer Ritter," sagt sie, und ihre Stimme hat niemals vordem so mild zu einem Manne gesprochen, „du hast das Maskenrecht mißbraucht, aber ich will dir nicht Zürnen, sondern beweisen, daß ich hochsinnig genug bin, die Wahrheit zu ertragen; laß uns Freunde werden!"
„Das kann nicht sein. Mich reizt kein Weib vhne Seele. Ich habe nur ein Gefühl für dich: das Mitleid."
„Wahnwitziger!" sagt sie mit zuckenden Lippen. „Weißt du denn nicht, daß ich alles besitze, was das Dasein schön und lebenswert macht? Daß ich aus seinen Höhen stehe?"
„Ich weiß es. Aber du wirst eines Tages herabsteigen müssen," erwidert er gleichmütig. „Jedermann muß es. Du wirst alt und reizlos werden. Und dann wird dein Leben arm und leer sein."
Fürstin Myra bebt vor Entrüstung. Noch niemand hatte daraus anzuspielen gewagt, daß ihre Jugend, ihre Schönheit nicht von ewiger Dauer.
^ „Bleibt man in dem Reiche, aus dem^dn kommst, immer jung und immer schön?" fragt sie höhnend.
„Keineswegs. Aber in meinem Reiche besitzt jedermann einen Talisman gegen den Lebens- ' Überdruß."
Da ist es! Da ist das Wort, das sie vor allen andern haßt und fürchtet, das ihre geheime Qual ausmacht! Ungestüm bewegt Kleopatra ihren Fächer ans schillernden Pfauenfedern. Sie muß ihre Erregung bemeistern, denn ein Teil ihrer Verehrer hat sich wieder um sie versammelt. Man möchte von ihr Näheres über den Calatrava-Nitter erfahren. Sie vermuten hin und her; der eine rät auf diese, der andre auf jene Persönlichkeit ihres Kreises; Myra weiß, daß keiner das Rechte getroffen. Sie beschließt, allein an die Lösung des Rätsels zu gehen. Ihr Kopf brennt, ihre Pulse fliegen. Was hat der Mann ihr alles gesagt! Wie schonungslos hat er jede ihrer Schwächen beim Namen genannt! Wie gut scheint er sie zu kennen und — wie kalt läßt ihn augenscheinlich ihre Schönheit! Das letztere schmerzt sie fast am meisten.
Ihr Blick verfolgt den Geheimnisvollen — er mischt sich ins Gedränge. Seine stolze Haltung, der eigentümliche Geschmack seiner tiefschwarzen Rüstung fallen aus, hie und da nähern sich ihm, eine Anknüpfung versuchend, elegante weibliche Masken, doch er läßt sich nur vorübergehend fesseln. Die Nolle des stillen Beobachters scheint ihm am meisten zuzusagen.
Fürstin Myra hat es einzurichten gewußt, wie zufällig wieder in feine Nähe Zu gelangen. Seine Persönlichkeit übt einen geheimnisvollen Zauber aus sie ans. Eine der herrischen kleinen Handbewegungen, durch die ihr Fächer zum Zepter zu werden scheint, und mittels deren sie ihren Anbetertroß nach Gefallen zu dirigieren weiß, ruft auch den schwarzen Ritter an ihre Seite zurück.
„Ich werde die Demaskierung nicht abwarten, sondern das Fest sogleich verlassen," sagt sie. „ Laß mich zuvor dein Antlitz sehen und sage mir, wer du bist."
Er verneigt sich, ohne das Visier zu lüften. „Für dich bin ich niemand. Lebe wohl, Königin. Und wenn du in der That ,wohll leben willst, versuche menschenfreundlicher, milder, selbstloser zu werden. DaS sind Eigenschaften, die den Lebensüberdruß verscheuchen und dauerhafter als Jugend und Schönheit sind."
Er ist gegangen. Fürstin Myra befindet sich wieder im Kreise ihrer Freunde, aber noch immer liegt eine seltsame Starrheit über ihrem ganzen Wesen. Etwas, das sie nicht mit Namen zu nennen weiß, brennt und bohrt in ihrer Seele, auch dann noch, als sie den Ball bereits verlassen hat. . .
Den folgenden Tag bringt die Fürstin beinahe vollständig im Bett Zu. Sie will „ausschlafen", doch wird ihr Schlummer durch fieberhafte Träume gestört, in denen ihr der schwarze Ritter, sein Visier entfernend, Marcels blasses Totenantlitz und dann wieder eine höhnisch grinsende Teufelsfratze Zeigt.
Bleich und übernächtig sitzt sie abends wieder vor ihrem Toilettentisch, um sich zu den: von: