Adelsklub veranstalteten Nachtfeste frisieren zu lassen. „Heute wünsche ich das Haar leicht gekräuselt — und bringen Sie seitwärts eine oder zwei von diesen Granaten an," sagt sie zu dem Coiffeur, der bereits seines Amtes waltet. „Der gestrige Abend hat mich ein wenig angegriffen; ich werde Not anflegen müssen . . . was meinen Sie?"
Diese Frage ist an den Haarkünstler gerichtet; dabei sieht sie ihn eigentlich zum erstenmal an, flüchtig, interesselos.
„Wenn gnädige Fürstin meinen Rat hören wollen: ich ziehe die natürliche Blässe dem künstlichen Rot unter allen Umständen vor."
Diese Stimme! Wo vernahm sie dieselbe schon einmal? Durch eine ungestüme Kopsbewegung zwingt sie ihn, in seiner Arbeit innezuhalten, und blickt nun mit gespannter Aufmerksamkeit in das blasse, stolze Gesicht mit den mandelförmigen, dunkelbraunen Augen, die eine so peinliche Aehnlichkeit mit denjenigen Marcels besitzen!
„Träume ich?" flüstert sie und streicht sich mit den schlanken Fingern über die Stirn. „Sie sind . . . Sic sind . . . Reden Sie! Ich will wissen, wer Sie sind!"
Um seinen ausdrucksvollen Mund spielt ein ironisches Lächeln. „Wem: gnädige Fürstin es ganz genau wissen wollen: erster Gehilfe im Atelier des Hossrisenrs Ferdinand Herzberg in der Dorotheenstraße. Das heißt: ich war es bis gestern. Heute arbeite ich nur noch einmal freiwillig in meinem Beruf, aus — Passion zur Sache."
„Unverschämter! Sie haben es gewagt, sich gestern in einen für Ihresgleichen verschlossenen Gesellschaftskreis einzudrängen, den Kavalier zu spielen, eine Dame der höchsten Aristokratie Zu beleidigen! Sie ! haben —
„Gnädige Fürstin werden gut thun, etwas leiser zu sprechen," sagt wieder die kühle, wohllautende Stimme, „die Dienerschaft könnte sonst Unzusammenhängendes erlauschen und einen gefährlichen Roman über die Fürstin Koljassow unter die Leute bringen."
„Sie sind ein Wahnwitziger! Ein Teufel!" Die Fürstin stößt es Zwischen den Zähnen hervor. „Wie gelangten Sie Zu all jenen Einzelheiten über mein Leben, meinen Charakter? Ich befehle Ihnen, wahrheitsgemäß zu antworten!"
„Und ich komme dem Befehl Ihrer Majestät der Königin Kleopatra mit dein größten Vergnügen nach. Alles, was ich weiß und unter der Maske anwandte, verriet mir Eurer Majestät eigner, reizender Mund. Ich mußte es wohl oder übel mit anhören, als ich gestern abend beinahe eine Stunde meiner kostbaren Zeit wartend in diesen: Zimmer verbrachte."
„Wissen Sie, daß Ihnen dieser schlechte Spaß Ihre Stellung und mehr noch kosten — daß ich ! Sie verderben kann?!"
„Nein," sagt er lächelnd, „ich weiß aber, daß die Geschichte von der Fürstin Koljassow und dem schwarzen Ritter unter Umständen die pikanteste Anekdote dieser Wintersaison werden kann. Gnädigste Fürstin thun also wirklich am besten, sich ruhig ! weitersrisieren zu lassen, dann bleibt der Masken- i
scherz', der, wie wir wissen, auch seine ernste Seite hat, das Geheimnis der Königin Kleopatra und des schwarzen Ritters."
Fürstin Myra findet, daß er recht hat. Seine ruhige Energie unterjocht ihren Willen. Bebend, beinahe ohnmächtig vor Zorn, hält sie unter seinen Händen still; rasch und graziös komponieren diese aus dem vollen, schwarzen Gelock und einigen brennendroten Blüten eine Frisur, die zweifellos auf dem Klubballe ihresgleichen nicht finden und von Myras Verehrern ein „Gedicht" genannt werden wird. Als die letzte Nadel befestigt ist, schnellt die Fürstin empor und steht ihn: nun hochanfgerichtet in ihrem Weißen, schleppenden Morgengewande gegenüber. Ihre großen, schwarzen Augen flammen ihn drohend an. „Sie werden nur niemals wieder unter die Augen kommen! Verstanden? Wenn ich eines Coiffeurs bedarf —"
„Ich hatte bereits vorhin die Ehre, der Frau Fürstin mitznteilen, daß ich seit gestern meine Stellung nicht mehr bekleide; also würden meine Hände dieses bewundernswürdige Haar ohnedies nicht mehr berührt haben. Daß wir einander aber dennoch an andrer Stelle wieder begegnen, vermag ich nicht zu verhüten."
Sie mißt ihn mit einen: Blicke tiefster Verachtung. „Meine Stellung verhütet das genugsam. Und nun können Sie gehen. Halt! Noch eines wünsche ich zu wissen: was hat Sie zur Ausführung Ihres maßlos dreisten,Maskenscherzes' veranlaßt?"
„Einige Worte ans Ihrem Munde, gnädigste Fürstin, welche Sie mich gleichfalls anzuhören zwangen, und die ich, hätte ein Mann sie ausgesprochen, noch anders beantwortet haben würde, gaben mir die Anregung dazu."
„Wiederholen!" herrscht sie ihn an.
Er verneigt sich, schon die Thür in der Hand haltend, tief und spöttisch:
„Lächerlich, Mama! Ein Friseur ist kein Mensch'!"
„Guten Abend, Myra Jwanowna, mein Täubchen!"
„Heilige Jungfrau! Da hast du mich wieder einmal aus den Tod erschreckt, Dimitrij! Es ist dir doch bekannt, daß meine Nerven dergleichen Ueber- raschungen ganz und gar nicht vertragen können!"
„Müssen es eben lernen, Duschinka! Und nun komm her und gieb mir einen Kuß!"
Der Fürst pflegte mit Vorliebe in dieser Weise ganz unerwartet vor seiner Gemahlin aufzutanchen, wenn sie ihn am fernsten wähnte, seiner Existenz am wenigsten gedachte, und ihr niemals ausbleibendes Erschrecken verfehlte auch niemals, ihn herzlich zu belustigen.
Resigniert aufseufzend erhob sich Myra vom Divan und legte ihren Roman — „ckom-aal ä'uae ikunture" von Maizeroy — beiseite.
„Warst du schon bei Mama? Hat man dir eine Erfrischung gereicht?"
„Ich speiste im Klub, mit Pawel Jaruschkin und ein paar andern netten Kerlen. Deine Alte versuchte ich zu begrüßen, doch ließ sie mich nicht vor. Melitta, die ich flüchtig sprach, teilte mir