mit, daß ihr diesen Abend zu dem Märzdorfschen j Souper wollt." >
„Allerdings. Melitta geht selten aus, doch da ! die Baronin Märzdorf, deren Geburtstag man heute feiert, ihre Patin ist, so konnte sie nicht wohl ab- ! lehnen. Begleitest du uns?"
„Ohne Zweifel, mein Liebchen. Einigemal im Jahr muß sich doch wohl statt eines beliebigen andern Kavaliers der Gatte an der Seite der vielumschwärm- ten Fürstin Koljasfow sehen lassen. Was meinst du?"
Dabei umfaßten seine Finger liebkosend Myras entblößten Arm, und sie stieß einen leisen Schmerzensschrei aus.
„Wie hart du mich ansaßt! Es wird einen roten Fleck geben!"
„Wachspuppe! So decke ihn mit einer deiner tausend Armspangen zu. . . Nun werde ich gehen und mich eine Stunde aufs Ohr legen. Laßt mich rufen, wenn ihr bereit seid." —
Das Palais Märzdorf umschloß an diesem Abend nur eine kleine, auserwählte Gesellschaft.
„Heute servieren wir euch eine Berühmtheit, Myra," sagte der alte Baron Märzdorf Zu der Fürstin, die er, wie alle HildhausenS, duzte.
„Du machst mich neugierig, Onkelchen! Wer ist es?"
„Kein Geringerer als Herbert Wilnau, der Verfasser der ,Weltkinder', der gegenwärtig alle Federn und Zungen in Bewegung setzt."
„Wir kennen den Noman, Onkel. Melitta ist ganz begeistert davon, und auch mich hat er bis zu Ende gefesselt, obschon der Verfasser mit uns armen ,Weltkindern' nicht gerade glimpflich umgeht. Wenn er übrigens Zur Familie der reichen knrländischen Freiherren v. Wilnau-Schöningen gehört, so geht seine Kunst nicht nach Brot."
„Thut sie auch nicht — und ebensowenig nach dem Lorbeer. Wilnau hat den Mut zur Wahrheit; er will reden, will gehört werden und mit seinem Worte nutzen."
„Also ein moderner Apostel," spöttelte die Fürstin. „Da darf ich ihn mir Wohl dementsprechend in seinem Aeußern vorstellen?"
Der alte Graf lachte belustigt auf. „Darüber sollst du gleich selbst urteilen, kleine Malitiöse, ich hole dir meinen Apostel."
Im nächsten Augenblick öffnete die Fürstin Kol- jassow ihre schwarzen Augen, wie wenn sie ein Gespenst sähe. Ihr Atem stockte, der Fächer wollte ihrer Hand entgleiten, und sie fand, zum erstenmal im Leben, das liebliche Konvenienzlächeln nicht, mit dem sie sonst ihre Opfer schon bei der ersten Vorstellung zu umgarnen pflegte.
„Freiherr Herbert v. Wilnau, liebe Myra." Und dann schritt der Hausherr eilig einigen Neu- angelangten entgegen. Sie standen einander wieder gegenüber: die Königin Kleopatra und der schwarze Ritter.
Ja, es unterlag keinem Zweifel: er war es! Er war es, der in tadellosem Gesellschaftsanzuge, in tadelloser Haltung und mit einer tadellos ehrerbietigen Miene, in welcher niemand außer ihr selbst
einen ganz schwachen Anflug von Hohn zu entdecken vermocht hätte, vor ihr stand und nun mit weltmännischer Gewandtheit eines jener kleinen Augenblicksgespräche begann, wie sie im Salon zwischen Zwei einander wildfremden Menschen aus der flüchtigen Minute hervorzugehen pflegen.
Myra mußte antworten, um bei ihrer Umgebung kein Aufsehen zu erregen; sie durfte ihre Entrüstung nicht laut werden lassen, da mit der Bloßstellung des dreisten Eindringlings ihre eigne verbunden gewesen wäre. So hieß es: sich bezwingen und die rechte Stunde abwarten. Aber Dimitrij konnte vorbereitet, konnte sozusagen aus ihn gehetzt werden.
Sobald es unauffällig anging, zog sie ihren Gatten beiseite. „Du mußt wieder einmal für meine Ehre eintreten, Dimitrij. Unter den Gästen dieses Hauses befindet sich ein Mann, der mich tödlich beleidigte!"
Der Fürst antwortete nicht, allein die quer überfeine niedrige Stirn laufende Ader trat bläulich hervor — ein böses Zeichen. Myra wußte, daß er nun sein Ziel mit Hartnäckigkeit verfolgen würde, und daß der hochmütige, kaltblickende Mann dort drüben so gut wie verloren war, welche Waffe man zum Zweikampf auch wählen mochte.
„Zeige ihn mir," sagte Koljaffow endlich.
„Du darfst nur geradeaus schauen."
Es war, als ob Wilnau den Blick des Fürsten fühle; er wandte ihm sein ruhiges, dunkles Auge zu; die Männer fixierten einander sekundenlang, und Myra gewahrte danach mit Staunen, daß hinüber und herüber ein verbindlicher Gruß gewechselt wurde. „Das ist ja einer der famosen Burschen, mit denen Pawel Jaruschkin mich im Klub bekannt machte!" sagte der Fürst mit völlig aufgehellter Miene. „Sei keine Gans, Myra! Der kann dich unmöglich beleidigt haben. Er ist ein Prachtkerl, wahrhaftig! Ich glaube auch, daß ich ihn eingeladen habe, mich zu besuchen."
„Wenn du alles gehört haben wirst, Dimitrij —"
„Hat er dir in einer unerlaubten Weise den Hof gemacht?"
„ Nein — aber..."
„Schon gut. Dann hat die Sache Zeit, bis wir zu Hause sind. Und nun stecke sofort ein fröhliches Gesicht auf, Myra Jwanowna, sonst — der Teufel soll mich holen, wenn ich es dir nicht anstreiche! Ich will nicht, daß die Leute meinen, es habe sich ein ehelicher Zwist zwischen uns abgespielt."
Wohl oder übel mußte die Fürstin ihre gesellschaftliche Maske wieder vornehmen. Der Abend erschien ihr endlos lang. Die heitere Ungezwungenheit, mit der sich Wilnau unter den Anwesenden bewegte, der offenbare Beifall, den seine Persönlichkeit bei jedermann und nicht zum wenigsten bei dem Fürsten Koljaffow fand, steigerten ihre Verstimmung fast bis Zum Unerträglichen. Beim Diner war Wilnau der Nachbar ihrer Schwester.
Melitta, die in ihrer meerfarbigen Seidenrobe sehr zart und anmutig aussah, unterhielt sich augenscheinlich gut mit ihm. Nun, morgen sollten sowohl