Heft 
(1897) 11
Seite
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Weöer Land und Meer.

sie als Väterchen Dimitrij die ganze Wahrheit er­fahren! Myra wollte die Geschichte vomschwarzen Ritter" preisgeben, auf die Gefahr hin, dadurch ihres Gatten unbarmherzigen Spott herauszuforderm Fürst Koljasfow war ein stolzer Mann; er würde die seiner Gemahlin widerfahrene Schmach als seine eigne an- sehen, und damit war das Schicksal des Verhaßten entschieden.

DasMorgen" bot indessen zunächst keine Ge­legenheit zu den geplanten Enthüllungen. Der Fürst war fast den ganzen Tag abwesend; abends kehrte er aus dem russischen Klub in sehr animierter Stim­mung heim und brachte dieselbe Myra gegenüber, wie das so seine Art war, durch einige plumpe Liebkosungen zum Ausdruck. Myra lag aus dem Sofa und langweilte sich.

Reiße mir nicht die Ohren ab, Dimitrij," sagte sie, die großen, zudringlichen Hände verdrießlich ab­wehrend.Es war sehr unhöflich von dir, den ganzen Nachmittag auszubleiben, da wir doch be­sprochen hatten, miteinander einige Besuche zu machen."

Larifari! Zur Visitenschinderei paßt ein Tag so gut als der andre," erwiderte der Fürst gleich­mütig.Ich hätte mir doch nicht etwa deshalb die Pönitenz anthun sollen, den Klub zu verlassen, wo es gerade so höllisch amüsant war? Wilnau gab ein süperbes kleines Frühstück, zu dem er mich sehr liebenswürdig einlud. Er verläßt noch diesen Abend Berlin, um sich aus seine Güter zu begeben, kehrt aber, wie er sagt, bald wieder hierher zurück. Wirklich ein schneidiger, hochinteressanter Mensch, dieser Wil­nau! Stelle dir vor, in welcher originellen Weise er sich über die intimen Lebensdetails der Berliner Aristokratie, die sein nächster Roman beleuchten soll, zu unterrichten wußte: er trat für einige Monate bei dem Hosfriseur Herzberg als Gehilfe in Dienst und entwickelte so viel Fleiß und Anstelligkeit in der Ausübung der edlen Haarpflegekunst, daß sein Prinzipal ihm, um so mehr, als auch seine Erscheinung eine durchaus salonfähige, den Verkehr mit seiner vornehmsten Kundschaft anvertraute. Wilnau fand aus diese Art überall freie Bahn, sah seine Studien­objekte ungeschminkt, moralisch und Physisch ,im Neglige' und that tiefe Einblicke, die er sich zu nutze machen wird natürlich in der taktvollsten, deli- I katesten Art, so daß sich kein Vorwurf gegen das , Buch und die Person des Autors erheben kann. ^ Ist das nicht ein verteufelt guter Spaß, Myra ^ Jwanowna, mein Seelchen?" !

Die Fürstin antwortete nicht. Alles um sie her drehte sich vor ihren Augen im Kreise. Sie bedurfte einiger Minuten, das soeben Vernommene ganz zu fassen und ihre Erregung so weit zu bemeistern, um sprechen zu können.

Ich weiß wirklich nicht, ob man dieser roman- ^ tischen Fabel Glauben schenken darf," sagte sie end­lich.Ist dir nie der Gedanke gekommen, dieser Mann, den du so sehr bewunderst, könnte ein Aben­teurer, ein Betrüger sein, der sich den guten, alten Namen jener kurländischen Adelsfamilie aus irgend- ! welchen unlauteren Gründen unrechtmäßig beigelegt? Dergleichen ist ja schon wiederholt dagewesen." !

Warum nicht gar! Dieser Wilnau ist so echt wie ich selbst. Viele im Klub kennen ihn genau. Uebrigens wünsche ich, daß du das Vernommene vor­läufig für dich behältst; der Baron macht nicht gerade ein Geheimnis daraus, doch möchte er aus leicht begreiflichen Gründen die Sache nicht auf allen Gassen ausgeläutet haben."

Die Fürstin blieb, nachdem ihr Gatte sie ver­lassen hatte, in einem schwer zu beschreibenden Gemütszustände zurück. Der kleine Roman, in dessen Mittelpunkt die geheimnisvolle Gestalt des schwarzen Ritters stand, erschien ihr jetzt in einem völlig neuen Lichte; je mehr sie über seine Einzelheiten nachdachte, um so glaubhafter ward ihr das anfangs An- gezweifelte. Wie hatte es sein können, daß sie nicht sofort unter der Maske des Friseurs deu Mann von Stand erkannte mindestens dann, als er ihr, während der letzten Unterredung, so sicher und mit so viel Kühnheit entgegentrat!

Wie sich wohl Melitta zu der Neuigkeit stellen würde? Myra läutete und befahl ihrer Zofe, die Comtesse herbeizurufen. Melitta kam und hörte das Fabelhaste mit der ihr eignen Gelassenheit an.

Ich erkannte den .Friseur', den du damals in deinem Ankleidezimmer so lange warten ließest, gestern abend sogleich wieder, als mir Baron Wilnau vorgestellt wurde," sagte sie.Das Unerklärliche verwirrte mich momentan, aber dann beschloß ich, in Wilnau für diesen Abend nur den Verfasser der .Weltkinder', nach dessen Bekanntschaft ich ja schon längst verlangt, zu sehen und die natürliche Lösung des Rätsels mit Ruhe abzuwarten. Was dich an­betrifft, liebe Myra, so konntest du den Baron schon nicht auffallender ignorieren, als es geschah. Natür­lich empfand er das auch und blickte bisweilen mit einem mir unverständlichen Gesichtsausdruck zu dir hinüber."

Davon weiß ich nichts," sagte die Fürstin. Aber wenn du meinst, daß sich der Baron durch mein Benehmen verletzt gefühlt hat, so will ich es bei nächster Gelegenheit wieder gut machen. UebrigenS haben auch wir ihm etwas zu verzeihen."

Ohne Zweifel," erwiderte Melitta lächelnd. Wir und viele andre. Wilnau wird es ruhig hin­nehmen müssen, wenn man ihn dafür gebührend ausschilt. Aber seinen Zweck hat er erreicht."

Von jenem Tage an beschäftigten sich die Ge­danken der Fürstin Koljasfow fast unablässig, wenn­schon in einer ganz neuen Weise, mit dem schwarzen Ritter, der nicht länger ein Gegenstand der Ge­ringschätzung für sie war. Er hatte ihr einige ernste Lektionen erteilt; er war der einzige Mann, den ihre Schönheit nicht zu beeinflussen vermochte, aber auch der einzige das fühlte sie jetzt oder glaubte es wenigstens zu fühlen, dessen Neigung ihr wirklich erstrebenswert erschien. Sie wollte sich diese Neigung erkämpfen! Der Sieg mußte ihr gehören, wenn sie sich Mühe gab. Sich Mühe geben, um einem Mann zu gefallen, das war neu, aber es war auch anregend und pikant und versprach den schönsten Lohn. Welcher Triumph würde es sein, den Stolzen zu bezwingen, in Liebe weich werden zu sehen!