Eines Nachmittags — es wurde schon Frühling in Berlin, und Myra Jwanowna erhielt von ihren Verehrern die ersten Veilchen — brachte ihr der Fürst die Nachricht von Wilnaus Rückkehr.
„Ich habe ihn bereits begrüßt, und er hat mich in dieser ersten Minute ersucht, ich möge ihn bei deiner Mutter einführen," sagte er, seine Gemahlin mit halbgeschlossenen Angen anblinzelnd.
„Thue es, wenn es dir gefällt," antwortete sie in gleichgültigem Tone, „sprich aber Zuvor mit Mama."
„Sie wird nichts dagegen haben, wenn sie hört, wie viel ihm daran liegt," meinte der Fürst. „Ich denke, wir können Wilnau dann gleich nächster Tage zum Diner bei uns sehen.,,
Noch niemals hatte es Myra mit ihrer Toilette so ernst genommen wie bei dieser Gelegenheit. Sie wollte sich an Schönheit selbst übertreffen. Eine Robe von schwerem schwarzen Atlas, am Halsausschnitt und am Rande der weiten offenen Aermel durch einen schmalen Saum von weißem Schwanenpelz gehoben, entsprach ihrem Zwecke am meisten. Es gab aber noch ein Halsgeschmeide, eine dreifache Schnur von seltenen schwarzen Perlen, „Teufels- thränen" genannt, das unbedingt dazu gehörte und für jetzt noch im Laden des Hofjuweliers lag. Dimitrij mußte es kaufen, und Myra mußte, um das zu erreichen, eine ihrer kleinen Zärtlichkeitskomödien anfsühren, so widerwärtig ihr das auch war.
Der Fürst zeigte sich willig.
„Du sollst die ,Teufelsthräuew haben und dich mit ihnen für meinen Freund Wilnau schmücken," sagte er. „Sende sogleich danach. Hier ist ein
Chek, der hinreichen wird."
„Ich will mich nur für mich allein schmücken, Dimitrij."
„Schon recht. Eins ist so gut wie das andre," sagte er, seiner schönen Gemahlin einen kleinen, liebkosenden Backenstreich versetzend, der etwas zarter hätte aussallen können.
Die Fürstin Koljassow mußte sich selbst gestehen, daß sie niemals bewundernswerter ausgesehen hatte als an dem Tage, der ihr den Ersehnten bringen sollte. ,Er wird mir vergeben; er wird nicht umhin können, mich zu lieben!' sagte sie sich und lächelte strahlend ihr reizendes Spiegelbild an. ,Und vielleicht ist er sich dessen schon bewußt, denn was sollte ihn sonst dazu veranlassen, Mamas Zirkel aufzusuchen? Er wird kommen! Er wird entdecken, daß Kleopatra jetzt eine Seele hat, und ihre Augen werden ihm sagen: du hast mir diese Seele gegeben — sie ist dein!' Ihre Hände streckten sich nach der auf Weißen Sammet gebetteten Perlenschnur ans; sie war im Begriff, das seltene Geschmeide anzulegen, da trat, gleichfalls schon für das Diner angekleidet, der Fürst bei ihr ein.
„Ich komme eigens, um deinen schönen Hals mit den ,Teufelsthränen' Zu schmücken," sagte er, die Jungfer durch einen Wink entfernend.
Erstaunt blickte Myra auf. Das war gar nicht seine Art! Was mochte ihn in diese gehobene Stimmung versetzt habend Immerhin war es gut, ihn bei Humor zu erhalten. So neigte sie anmutig den
Nacken. „Ich danke dir. Und nun sage einmal, Väterchen Dimitrijewitsch, gefalle ich dir?"
„Ich bin hingerissen!" entgegnete der Fürst. „Und Baron Wilnau, unser geschätzter Gast, wird zweifellos mein Empfinden teilen und beinahe ebenso stolz auf seine wunderschöne Schwägerin als ans seine Braut sein."
„Schwägerin? Braut?" Sie brachte diese beiden Worte nur stockend über die erblassenden Lippen.
„Ganz recht, meine Liebe. Baron Wilnau steht im Begriff, sich um die Hand deiner Schwester Melitta zu bewerben. Das ist auch der Zweck seiner Einführung bei deiner Mutter. Ich nahm an, du habest das mit der den Weibern eignen Schlauheit bereits geahnt und deine verführerische Toilette sei eine zarte Huldigung für den neuen Schwager."
„Darin irrst du! Ich . . . ich bin aufs äußerste überrascht!"
„Hoffentlich freudig!" sagte er nachdrücklich und seine Hand legte sich wie ein eiserner Ring um ihr Armgelenk. „ Solltest du die Sache mit andern Augen an- sehen als dein Gatte, so könnte die Harmonie dieses Verlobungstages empfindlich gestört werden. Hast du mich verstanden, Myra Jwanowna, mein Goldherzchen?"
Die Fürstin Zitterte. Ihre Zähne schlugen wie im Fieber auseinander. Er bot ihr den Arm, und sie ließ sich in die Empfangsräume führen.
Sie sah wunderbar schön ans, aber wie eine wandelnde Statue, mit dem klassisch modellierten, marmorweißen Halse, aus dem die tiesschwarzen „Teufelsthränen", das Symbol ihres einzigen, echten Gefühls und ihrer einzigen Niederlage, ruhten — mit dem gleichsam versteinerten, marmorweißen Antlitz, in welchem nichts lebte als die großen, flammenden, nachtschwarzen Augen.
Zu unfern Mlöern.
Zu dm vielen Berühmtheiten, die das Haus des Meisters Leubach iu München von Zeit zu Zeit immer wieder sieht, gehört auch Italiens gefeierte Tragödin Eleonore Düse. Ihre Freundschaft mit Leubach ist schon über ein Jahrzehnt alt und stammt noch von seinem Aufenthalt in Rom her; die Künstlerin hat ihm ihre Anhänglichkeit bewahrt, und alljährlich, wenn die geistvolle Darstellerin ihre Schritte nach München lenkt, versäumt sie es nie, den liebgewonnenen Räumen und seinen Bewohnern einen Besuch abzustatten. Es ist erklärlich, daß sich die Freundschaft der Frau Düse auch aus des Meisters blondlockiges Töchterlein Marion übertragen hat, den Stolz und die Freude des Hauses, den Liebling aller Gäste; erst in späteren Jahren dürfte der Kleinen zum Bewußtsein kommen, wessen Ar>u sie einst in glücklicher Stunde umschlungen hat.
Eduard Grützner, der in seinen reiferen Jahren seine Stoffe vornehmlich dem Kloster- und Weidmannslebeu entnahm, kehrt mit der von uns wiedergegebenen Figur des Shylock gewissermaßen zu den Anfängen seiner Laufbahn zurück, denn mit der lebendigen Vorführung Shakespearescher Gestalten begründete er feinen Ruhm. Indessen läßt er diesmal nicht dem fröhlichen Humor, wie er namentlich in den Falstaff-Scenen sich äußert, freien Raum, sondern mit seiner Personifikation des Kaufmanns von Venedig schuf er ein scharf gezeichnetes Charakterbild, das kaum ein Darsteller der Bühne gleich wirksam gestalten könnte.