Neues vom Mücherlisch.
Von
Uaul von Szczepanski.
^.wei neue Novellen von Helene Böhlau, „Ver- spielte Leute" und „Des Bäckerlehrlings Johannisnacht", in einem Bande von Engelhorns allgemeiner Romanbibliothek vereinigt, sind charakteristisch sür die Verfasserin. In der letzteren Erzählung den Stoff ganz künstlerisch objektiv fassend, giebt sie ein vollendetes Bild uns dem Leben kleiner Leute, und in der Figur des Bäckerlehrlings und der kleinen, hungrigen und überlasteten, glücksdurstigen Marie zwei Figuren von packendster Lebenswahrheit. In den „Verspielten Leuten" dagegen kommt Helene Böhlaus ganz subjektive Unterschätzung jedes normalen Lebenslaufes so stark zum Ausdruck, daß die Freude des diese Anschauungen nicht teilenden Lesers au der kräftigen und originellen Schilderung stark eingedämmt wird. Zugegeben, daß die Familie Schnaase in keiner der von Helene Böhlau vorgeführten Generationen sehr interessant ist. In diese Familie hineinzuheiraten, mag nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber der junge Oelwein, der sich mit dem Erbtöchterlein der Familie Schnaase verlobt, wird von niemand zu dieser Partie gedrängt, er hat Zeit genug, sich die Sache zu überlegen und sich klar zu machen, ob er sich in dieser Atmosphäre von starker Selbstschätzung, geistiger Bedeutungslosigkeit und zweifelloser Neputierlichkeit wohl- sühlen wird. Daß er da an falscher Stelle ist, fällt ihm erst ein, als die Hochzeit bereits ausgerichtet ist, und als sein Rücktritt für die Familie Schnaase einen Eclat bedeutet. Daß die Braut ihn nicht freigeben will, scheint mir ganz natürlich, ganz gesund und höchst berechtigt empfunden, und wenn des jungen Oelwein Kraft nicht weiter reicht, als der unbequemen Situation, in die er selbst mit offenen Augen hineingerannt ist, durch einen Pistolenschuß ein Ende zu machen, so mag er Mitleid verdienen, aber die Schuld an seinem Schicksal trägt er selbst und nicht die Familie Schnaase. Helene Böhlau behandelt den Typus Schnaase mit einer Ironie, die manchmal die Grenze der Brutalität streift. Das wäre selbst dann verfehlt, wenn sie diesem Typus in dem jungen Oelwein einen Menschen von besonders starkem Charakter oder von besonderer Eigenart gegenübergestellt Hütte. Aber der junge Oelwein ist ein Schwächling, weiter nichts, trotzdem auch er in seinem Empfinden und in seinem Handeln es nicht an Brutalität
^ fehlen läßt; kein Wunder, da das Brutale schwachen ' Naturen viel näher liegt als starken.
In ihrem Roman „Auf der Heide" (Leipzig, Fr. Wilhelm Gruuow) ist Charlotte Niese ihrer Heimat treu geblieben, die sie bereits in so vielen meisterhaften Skizzen geschildert hat. Aber es kam ihr hier nicht nur darauf an, Menschen zu schildern, sondern sie wollte auch eine historisch interessante Zeit Wiedererstehen lassen, die Zeit vor fünfzig Jahren, in der die Schleswig-Holsteiner ! den ersten Versuch machten, sich von dem dänischen Joch i zu befreien. Dieser zeitgeschichtliche Hintergrund, den Char- ! lotte Niese mit großer Meisterschaft und mit großer Fein- i heit gezeichnet hat — nicht indem sie die die Entwicklung und den Verlauf bestimmenden Ereignisse schildert, sondern vielmehr ihre Ursachen und ihre Wirkungen —, giebt dem Roman ein erhöhtes Interesse. Nach dänischen Anschauungen ! war's eine Revolution, nach deutschen ein Freiheitskampf; beide Anschauungen haben ihre historische Berechtigung, und Dänen und Deutsche glaubten das Recht auf ihrer Seite. Aber Dänen und Deutsche hatten in dem Teil des Landes, in dem Charlotte Niese ihren Roman spielen läßt, zu lange friedlich nebeneinander gewohnt und zn viel gemeinsame Lebensinteressen gewonnen, als daß die Anschauung von Recht und Unrecht allein die Gemüter hätte beherrschen können. Da ist Graf Trolle auf Schloß Trolleborg, dänischer Kammerherr und ein guter Däne seiner Gesinnung nach. Aber seine zweite Frau entstammt einem deutschen Adelsgeschlecht, ihr Bruder hat gegen die Dänen gefachten und ist in dänische Gefangenschaft geraten. Und der alten Frau Swenstrup auf dem Bauerngut Kamphöved bringt ein treuer Knecht ihren Enkel, den er schwerverwundet auf dem Schlachtfelde von Jdstedt aufgelesen, auf den Hof. Frau Swenstrup ist die Witwe eines dänischen Kapitäns und gut dänisch gesinnt, aber ihre Tochter heiratete einen Deutschen, und ihr Enkel, Hans Christian Munk, hat für die Befreiung der Herzogtümer gefachten, und ein dänischer Soldat war es, der ihn dem Tode nahe gebracht hat. Wie die Entscheidung in diesem Kampfe auch fallen mochte, sie traf beide, Deutsche und Dänen, beinahe gleich hart — die wenigstens, die in diesem stillen Winkel auf der Heide wohnen und weit mehr zusammengehende als auseinander-