Weites vom Wüchertisch.
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-gehende Interessen haben. Da kann es nicht wundernehmen, -daß das allgemein menschliche Gefühl über allen Hader der politischen Differenzen den Sieg davonträgt. Hans Christian Munk bleibt monatelang unangefochten im Hause seiner Großmutter, trotzdem jeder der benachbart wohnenden Dänen es weiß, daß er nicht, wie es heißt, das Opfer eines Jagdunfalls ist, sondern daß er für die deutsche Sache gefochten hat, und als er genesen ist, bittet ihn Gras Trolle, den erkrankten Hauslehrer seines Sohnes zu vertreten. Während das Ende der Revolution gegen Dänemark, an der er teilgenommen hat, schon nicht mehr zweifelhaft ist, erlebt der wiedergenesene Hans Christian Munk die Revolution in seinem Innern, die keinem Jüngling erspart bleibt, und die den Jüngling zum Manne macht. Die schöne Gräfin Trolle flößt ihm eine schüchterne Bewunderung ein und den dringenden Wunsch, ihr von dem stillen Kummer um den gefangenen Bruder und von noch einigen Sorgen zu helfen, und die Nichte des Pastors Möller, ein Künstlerkind, das sich aus den engen Schranken des Pastorhauses nach Freiheit sehnt, macht sein Herz in Leidenschaft brennen. Für den jungen Munk ist die Zeit, die er in Verborgenheit auf der Heide zubringt, eine Zeit innerlichen Ausreifens; als er in die Welt zurückkehrt, hat sich zwar keiner der stillen Wünsche, die dort in ihm aufgekeimt sind, erfüllt, aber er ist zum Alaune gefestigt. Die vielverzweigte Handlung, die zwischen Trolleborg und Kamphöved hinüber und herüber spielt, ist reich an Ueberraschungeu, die mit feiner Kunst vorbereitet sind. Selbst die Geschichte von dem verloren gegangenen und im Erbbegräbnis der Familie wieder entdeckten Schatz der Trolles wirkt in dieser Motivierung und künstlerischen Darstellung nicht wie eine Frucht der Romanphantasie, sondern wie ein Stück Wirklichkeit. So lebenswahr dargestellte Figuren, wie Charlotte Niese sie schildert, kann der Erzähler das Unglaublichste erleben lassen, ohne dem Leser zu viel zuzumuten. Von „historischen" Persönlichkeiten läßt Charlotte Niese nur Lowise Nasmuffeu, die ehemalige Putzmacherin und spätere Gemahlin des dänischen Königs, eine Rolle in ihrem Roman spielen, eine bescheidene noch dazu. Aber die Gestalt dieser Favoritin ist so meisterhaft fein und diskret gezeichnet, daß sie mehr erzählt und mehr enthüllt, als es ein ausführliches biographisches Werk vermöchte. „Auf der Heide" ist das erste größere Werk Charlotte Rieses, das sich ihren Skizzen künstlerisch ebenbürtig au die Seite stellt. Mögen die vielen Freunde der kleineren Erzählungen nicht versäumen, sich mit diesem Roman bekannt zu machen.
Adolf Sch mitthenn er, der Verfasser des vielgelesenen Romans „Psyche", der als Erstlingswerk seinen Namen mit einem Schlage bekannt machte, zeigt sich auch in seinen Novellen (Leipzig, Fr. W. Grunow) als ein Erzähler, der den Leser im Innersten packt, weil er aus der Tiefe schöpft und in dis Tiefe geht. Die sieben Novellen, die der Band umfaßt, sind in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden; aber alle tragen den Stempel der gleichen Frische und der gleichen Kraft. In der ersten, „Ein Michel Angela", schildert Adolf Schmitthenner den Werdegang eines jungen Künstlers, der sich vom Steinmetzgesellen zum Bildhauer durcharbeitet, in der Novelle „Kopf und Herz" spricht das letztere das entscheidende Wort, „Der Ad'm" läßt Liebe und Strenge sich um einen aus dem Arbeitshaus entlassenen jungen Burschen mühen, und die Liebe trägt den Sieg davon. „So ihr die Liebe nicht habt," das predigen auch die drei folgenden Novellen „Der Handwerksbursche", „Was der Vetter von seinem Nachbar, dem Wittlinger, erzählte" und „Friede auf Erden", eine ergreifende Schilderung, wie die Nachricht von der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges ihren Einzug in ein entlegenes Dörfchen hielt. Historisches Kolorit trägt auch die letzte der Novellen, „dlon eras Leck lioäiGsi die spannendste
vielleicht des Bandes, was das Stoffliche anbetrifft. Adolf Schmitthenner ist Stadtpfarrer in Heidelberg; sein Beruf weist ihn darauf hin, in der Seele der Menschen, zumal der Bedrückten, zu lesen, und von dem, was er darin gefunden hat, findet sich manche Spur in seinen Dichtungen. Aber da ich vorher davon gesprochen habe, daß seine Dichtungen Liebe „predigen", so möchte ich auch nicht mißverstanden werden. Das bezog sich auf die Quintessenz seiner Novellen, nicht auf die Form feiner Darstellung. Die ist ganz künstlerisch, groß und frei und schlicht und kräftig. Aber gerade weil sie das ist, kommt die Quintessenz um so wirksamer heraus, meiner Ueberzeugung nach nicht nur für litterarische Feinschmecker, sondern für jeden, der zu lesen versteht.
Rauhe, aber gesunde Luft weht in Clara Viebigs Novellen „KinderderEifel" (Berlin, F.Fontane L Co.). Die Verfasserin greift mit kräftiger Hand in das volle Leben hinein und schildert Land und Leute aus intimer Kenntnis und mit intimem Verständnis nicht nur, sondern auch mit der Liebe des Dichters für seinen Stoff. So bringt sie dem Leser das Land und die Menschen nahe, und der Eindruck ihrer meist tragisch ausgehenden Geschichten ist ein außergewöhnlich packender; am stärksten zweifellos in der ersten Erzählung „Simson und Delila", in der sie alle Näuberromantik in ganz realistischer Form wieder aufleben läßt und in den Figuren des herzenskalten Försters, seiner gebrochenen Frau, des dem väterlichen Zwang entfliehenden Sohnes und der Verführerin, die den letzteren verlockt und verrät, Figuren von ganz überzeugender Lebenswahrheit zeichnet. Da die Erzählerin wirklich aus dem Leben schöpft, ist sie auch vielseitig wie das Leben, und jede ihrer Novellen schlägt einen andern Ton an.
Ein ebenso starkes künstlerisches wie menschliches Interesse erwecken die „Erlebnisse mitNichard Wagner, Franz Liszt und vielen anderen Zeitgenossen" von W. Weißheim er (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt). In einem stattlichen Bande erzählt der als Komponist wie als Kapellmeister bekannte Verfasser von seinen Begegnungen mit berühmten Kunstgenoffen, und den breitesten Raum in seinen mit zahlreichen, zum Teil in Faksimile reproduzierten Briefen belegten Erinnerungen nimmt sein freundschaftlicher Verkehr mit Richard Wagner ein. Daß diese Veröffentlichungen in Bayreuth sehr angenehm berühren werden, erscheint mir unwahrscheinlich, denn sie fördern sehr viel Menschliches, allzu Menschliches zu Tage, das dem Bilde des vergötterten Meisters ein paar tiefe Schatten aufsetzt. Aber es wäre sehr unrecht, wenn man dein Verfasser deshalb seine Veröffentlichungen verübeln wollte. Von Wagner selbst und von seinen enragiertesten Verehrern ist oft genug und immer wieder der sich gegen das ganze deutsche Volk richtende Vorwurf erhoben worden, es sei ihm das ruhige Schaffen erschwert und fast unmöglich gemacht worden durch die Teilnahmlosigkeit, die ihm überall begegnet sei, und die ihn den elendesten materiellen Sorgen überlassen habe. Von den großherzigen und ganz selbstlosen Förderern, die Wagner mit wahrem Genie ständig gesucht und immer wieder gefunden hat, ist immer nur die Rede gewesen, als hätten sie zwar etwas, aber niemals genug gethan. Dieses „niemals genug" stellen auch Weiß- heimers Erinnerungen als eine unwiderlegliche Thatsache fest, denn von dein Augenblicke an, wo Weißheimer Wagner kennen lernte, bis zu dem, wo König Ludwigs Begeisterung das Füllhorn königlichen Reichtums verschwenderisch über ihn ausschüttete, befand sich Wagner in ständiger und immer wachsender Geldverlegenheit. Aber diese Geldverlegenheit war nicht die Folge der Teilnahmlosigkeit feiner Freunde, von denen die Wesendoncks, Liszt, Bülow und zahlreiche andre immer wieder ihrer Freundschaft und Bewunderung materielle Opfer brachten, bis sie endlich mehr oder weniger schnell zu