Heft 
(1897) 11
Seite
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Weber Land und Meer.

der Ueberzeugung gebracht wurden, daß sie Danaidenarbeit verrichteten, sondern sie war die Folge von Wagners zwingen­dem Bedürfnis, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen, so­bald er welches anfgetrieben hatte. Und im Geldherau- fchafsen war er so skrupellos, daß es nicht wundernehmen könnte, wenn alle seine Freunde sehr bald die Ueberzeugung gewonnen hätten, sie seien für ihn nur auf der Welt, um seinen Zwecken zu dienen, für ihn zu arbeiten, sich von ihm aussaugen zu lassen. W. Weißheimer scheint sich gegen diese Ueberzeugung zwar noch heute zu wehren oder sie mit einer enthusiastischen Bewunderung des Wagnerscheu Genies nicht für vereinbar zu halten, aber der Verlauf auch seiner Freundschaft mit Richard Wagner läßt nur die beiden Möglichkeiten zu, daß der letztere entweder Freundschaften ganz bewußt nur als Mittel zum Zweck kultivierte, oder daß er das Gefühl der Dankbarkeit nicht kannte. Eine Empfehlung von Liszt, als dessen Schüler Weißheimer in Weimar gelebt hatte, vermittelte die erste Bekanntschaft zwischen dem letzteren und Richard Wagner, äks dieser noch in Zürich lebte. Ein intimerer Verkehr bahnte sich an, als Wagner 1862 von Paris nach Biebrich übersiedelte, um dort dieMeistersinger" zu vollenden, während Weißheimer Kapellmeister am Mainzer Stadttheater war. Weißheimer stammte aus einem wohlhabenden Pfälzer Hause, Wagner sah sich bald in Verlegenheit, da sein Verleger Schott die Vorschüsse einstellte, nachdem Wagner ihn mehrfach im Stich gelassen hatte. In dieser Situation kommt der erste Brief Wagners an Weißheimer, der das für lange Zeit charakte­ristische Hauptthema ihres brieflichen Verkehrs anschlägt: Lieber Wendeln:!

Es ergeht mir recht übel. Aus dem beigelegten Briefe ersehen Sie, welch traurigen Verlaß ich auf Schott habe. Somit muß ich ernstlich daran gehen, mir Geld ausznnehmen. Bei wem?

Ich bitte, reden Sie ausführlich mit Ihren: lieben Vater. Soll ich zur Ruhe kommen und die gerade jetzt wieder außerordentlichen Schwierigkeiten meiner Lage in der Art überwinden, daß ich für meine fernere Zukunft das einzig mir gedeihliche Wohnungsverhältuis gründe, so ist es eben jetzt die höchste Zeit, daß mir prompt und sicher die nötigen Geldfonds zu Gebote gestellt werden. Ich hatte von Schott 3000 Gulden verlangt, wovon ich die Hälfte sofort wohl für die Niederlassung meiner Frau, und was damit zu­sammenhängt, zu verwenden gehabt haben würde. Woran nur vor allem liegt, ist, die Zeit bis zur Vollendung meiner neuen Oper mir sorgenlos gesichert zu sehen: der Erfolg derselben ist für meine weiteren Lebensverhältnisse unrechen­bar, und ich thue wohl recht, für weiter hinaus jetzt nicht zu sorgen. Allein, will ich bis dahin ohne neue Unter­brechung durch Geldsorgen gelangen, so muß ich jetzt noch auf etwas mehr als die von Schott zuletzt geforderte Summe Bedacht nehmen, namentlich da die von nur so sehr ersehnte definitive Niederlassung auch für mich in diese Zeit noch fallen und unausbleiblich besondere Kosten noch verursache:: würde. Soll jetzt mit einen: Zuge meine Lage vollkommen beruhigt werden, so bedarf ich eines General- anleihens von 5000 Gulden" und so weiter. In der immer schwieriger werdenden Situation entschloß sich Wagner, Konzerte zu geben, und eine in kurzer Zeit auf diese Weise in Rußland verdiente Summe vou 8000 Rubeln hätte ihn mit andern Einnahmen um so sicherer in den Stand setzen müssen, seineMeistersinger" in aller gewünschten Ruhe voll­enden zu können, als ihm Baron von Rochow sein Land­haus in Penzing bei Wien zur Verfügung gestellt hatte aber in unglaublich kurzer Zeit war seine Lage schlimmer als je. Statt an denMeistersingern" zu arbeiten, mußte er heimlich aus Wien abreisen, um der Schuldhaft zu ent­gehen. An: 29. April 1864 erhielt Weißheimer ein Tele­gramm aus Stuttgart:Bin einige Tage hier, Hotel

Marquardt, und bitte um Ihren Besuch. Besten Gruß. Richard Wagner." Schon am 30. April traf Weißheimer in Stuttgart ein.Welch trauriges Wiedersehen," schreibt Weißheimer,den Genius ratlos und in Verzweiflung zu finden! Wie erschrak ich bei seinen Worten: ,Jch bin am Ende ich kann nicht weiter ich muß irgendwo von der Welt verschwinden, können Sie mich nicht davor be­wahren? Auf meine bestürzte Frage, wie denn dieser jähe Umschlag erfolgt sei, ich hätte ihn wohlgeborgen an der Arbeit gewähnt, gab er mir eine ähnliche Auskunft wie in dein bereits angeführten Brief an Frau Wille, und mit Schrecken wurde mir der fluchtartige Charakter seiner Reise allmählich klar es bestand damals noch die Personalhaft, die der Gläubiger über den Schuldner gesetzlich verhängen lassen konnte. Ein solcher immerhin möglicher Eclat mußte unter allen Umständen vermieden werden, und wenn er es auch nicht direkt aussprach, so war ich dennoch nicht im mindesten davon überrascht, als mir Wagner von der Wahl eines stillen und abgelegenen Aufenthaltsortes sprach, an dem er so lang verschwinden wollte, bis weiter Rat würde. Als er mich dann mit Thränen in den Augen fragte, ob ich ihn dorthin begleiten mitverschwinden wolle, sagte ich unbedingt zu. In solcher Lage durfte er nicht allein gelassen werden, hätte sich auch allein gar nicht durch­bringen können, da er absolut mittellos war. Ich war daher fest entschlossen, mit ihm zu gehen, und aus mein ,Ja' fiel er mir in höchster Freude um den Hals. Schnell einigten wir uns über die Wahl irgend eines abgelegenen Ortes in der Rauhen Alb, wo ich so rasch als möglich den Klavierauszug des ersten Meistersingeraktes beenden sollte, un: damit den Verleger Schott zu weiterer Zahlung zu veranlassen. Die Abreise wurde auf übermorgen oder spätestens Dienstag festgesetzt, da morgen, Sonntag den 1. Mai, Mozarts ,Don Juan' im Hoftheater angesetzt war, den Wagner gern noch einmal hören wollte." In diesen Stunden höchster, wenn auch zweifellos selbst­verschuldeter Not nahte Wagner die Hilfe von einer Seite, die er bis dahin gar nicht in Betracht gezogen hatte der Abgesandte Ludwigs II. von Bayern erschien im Hotel Marquardt, um Wagner die glänzendsten Anerbietungen zu machen und ihn sofort nach München zu entführen. Weißheimer erzählt:Auf Wagners Zimmer in der ersten Etage angelaugt, wurde mit dem Packen seines großen Koffers begonnen seine Gemütsstimmung sank während dieser Arbeit wieder weit unter Null: da brachte der Kellner eine Visitenkarte herein, die die Inschrift trug: ,v. Pfister­meister, Leerätuire unUcine äe 8. ls rol äo Luviöre'. Da Wagner derartig entmutigt war und sich von nichts, was es auch sei, noch etwas Gutes versprach, stand er erst unschlüssig da, ob er Herrn von Pfistermeister empfangen wollte, und nur als dieser betonen ließ, er komme in: Allerhöchsten Auftrag des Königs Ludwig II. und bäte dringend um Gehör, ließ er ihn eintreteu. Um bei dieser zweiselos hochwichtigen Unterredung nicht zu stören, ent­fernte ich mich während derselben. Sie dauerte lang und immer länger ein gutes Zeichen! Als der genannte Herr sich endlich empfahl, und ich wieder eintreteu konnte, zeigte mir der von seiner plötzlichen Glückswende geradezu überwältigte Wagner einen kostbaren Brillantring des Königs und dessen in wunderbarem Glanz leuchtende Photographie auf dem Tisch, und mit den Worten: ,Daß mir das passiert und gerade jetzt passiert!' fiel er mir, vor Freude außer sich, laut weinend um den Hals." Wie gänzlich abgebrannt Wagner zu dieser Zeit und wie gänz­lich fremd ihm der Begriff des Geldes überhaupt war, zeigen zwei kleine Züge, die Weißheimer von der am nächsten Tage erfolgenden Abreise nach München erzählt. Bei»: Verlassen des Hotels bezahlte Wagner seine Rechnung nicht in bar,sondern gab an Zahltungsstatt den: Oberkellner