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Weues vom
eine reiche russische Dose, welche er in St. Petersburg von I einer hochstehenden Persönlichkeit zum Geschenk erhalten. Natürlich hatte sie einen vielfach höheren Wert, als der Betrag der Rechnung erforderte; denn der Oberkellner, die Dose nur flüchtig besehend und ihren hohen Wert sofort erkennend, machte eine tiefe Verbeugung und begleitete uns unter tausend Bücklingen bis an den Ausgang. Schnell fragte ich Wagner, weshalb er mir die Dose nicht vor einer Stunde zum Versilbern übergeben habe, worauf er meinte, nun sei er doch so wie so aller Geldsorgen überhoben. Das; er darin irrte, zeigte sich sogleich am Bahnhof. Der königliche Abgesandte hatte bereits in einem Coups erster Klasse Platz genommen und sah mit sichtlicher Ungeduld dem Kommen Wagners entgegen, der sich etwas verspätet hatte. Schnell stieg er zu ihm ein, und ich verabschiedete mich von beiden Herren, da ich an den Rhein zurückzukehren gedachte. Kauin war ich einige Schritte entfernt, so kam Wagner im Fluge hinter mir her, rufend: ,Um Gotteswillen, Psistermeister hat mir ja kein Billet gelöst; springen Sie schnell, eins zu holen!' Im Galopp eilte ich zur Kasse und vermochte auch noch glücklich, dem bereits im Gang befindlichen Zug nachspriugend, das Billet Wagner in das Coups zu werfen." Vom 20. Mai 1864 erhielt Weißheimer einen Brief von Richard Wagner, welcher bestätigte, daß die an die Reise nach München geknüpften Hoffnungen Wirklichkeit geworden waren. Der Brief lautet: „Liebster Wendelin!
„Nur zwei Worte, um Ihnen das unbeschreibliche Glück zu bestätigen, welches mir zu teil geworden ist. Alles ist so eingetroffen, wie es sich schöner gar nicht träumen läßt. Ich bin durch die Liebe des jungen Königs für alle Zeiten gegen jede Sorge geschützt, kann arbeiten, habe mich um nichts zu bekümmern; keinen Titel, keine Funktion, keine Art von Verpflichtung. Nur sobald ich etwas von mir aussühren will, stellt mir der König alles, was ich irgend brauche, zur Verfügung. Sobald ich die Sänger haben kann, haben wir zunächst den ,Tristan' mit Schnorr und der Tietjens. Dann immer die ersten Musterausführungen.
,Nibelungen' ganz nach meinein Plane und so weiter.
„Der junge König ist für mich ein wundervolles Geschenk des Schicksals. Wir lieben uns, wie nur Lehrer und Schüler sich lieben können. Er ist selig, mich zn haben, und ich ihn. Er ist vollkommen nach meinen Werken und Schriften ausgebildet, nennt mich vor seiner Umgebung unbedingt als seinen einzigen wahren Erzieher. Er ist dabei so schön und tief, daß der Umgang mit ihm jetzt täglich hinreißend ist und mir ein völlig neues Leben giebt.
„Welch ungeheurem Neid ich zu begegnen habe, können Sie sich denken; mein Einfluß auf den jungen Monarchen ist so groß, daß alle, die mich nicht kennen, in der größten Sorge sind. Der große Gehalt, den mir der König ausgesetzt hat, wird deshalb geflissentlich geringer angegeben; ich selbst aber halte mich, wie es auch meine Natur und mein Bedürfnis erfordert, gänzlich zurück und beruhige nach allen Seiten hin, so daß allmählich die Furcht verschwindet. Lachner ist bereits um den Finger zu wickeln. Der König verachtet mit mir das Theater. Wir lassen hier alles gehen und behalten uns mit der Zeit vor, auf geeignete Weise auch hier eine edlere Richtung zu ermöglichen.
„Besuchen Sie mich einmal; nur müssen Sie sich tagsüber hübsch ruhig halten. Denn Ruhe bedarf ich jetzt vor allem. Ich bewohne ein Landhaus am Starnberger See, eine Viertelstunde von einem Lustschlößchen (Berg) des Königs, der oft hier sein wird.
„Adieu! Melden Sie mir Gutes von Ihnen, und grüßen Sie Ihre inerten Eltern und Geschwister herzlichst von mir! Ihr R. W."
Daß der Ton dieser Einladung ungeheuer dringlich sei, wird man nicht behaupten können. Weißheimer glaubte
Wüch erlisch.
Zeit zur Erledigung dringender Familienangelegenheiten zu haben und meldete seinen Besuch erst nach ungefähr vier Wochen an. Da erhielt er die recht lakonische Absage: „Liebster Wendelin! Sie kommen nun zu spät — ich kann Sie nicht mehr bei mir aufnehmen, da meine Gasträume in diesen Tagen sich für längere Zeit mit ganzen Familien füllen. Warum trödeln Sie auch so lange? Sie hatten lange Zeit, sich zu besinnen, und ich war ganz einsam." Dieser Brief leitet eine Reihe von, gelinde aus- gedrückt, Mißverständnissen zwischen den beiden Freunden ein, über denen die freundschaftlichen Beziehungen kühlere wurden, und an denen der unbefangene Beurteiler Wagner die Schuld geben muß. Wer zwischen den Zeilen zn lesen versteht, wird herausfühlen, daß W. Weißheimer den Einfluß der späteren Frau Cosima Wagner nicht gerade zu seinen Gunsten spielen zu sehen meint, — ein merkwürdig schlecht stilisierter und an die Diplomatie zweideutiger Orakel erinnernder Brief der damaligen Frau von Bülow scheint Weißheimer in diesem Empfinden nicht gerade unrecht zu geben. Das ist zweifellos, daß Weißheimer für seine künstlerischen und materiellen Opfer, die er Wagner gebracht hat, keinerlei Dank geerntet hat, und das ist selbst dann nicht sehr angenehm, wenn man nicht um des Dankes willen, sondern der bewunderten Persönlichkeit und seiner künstlerischen Ueberzeugung zuliebe gearbeitet hat. Trotzdem sind Weißheimers Erinnerungen von vornehmer Objektivität, die der zwingenden Persönlichkeit Richard Wagners und seinem künstlerischen Genius volle Gerechtigkeit zu teil werden läßt.
Einen Beitrag zu der Geschichte des unheilvollen Jahres 1848 giebt der frühere Oberpräsident Gustav von Diest in seiner Broschüre: „Meine Erlebnisse im Jahre 1848 und die Stellung des Staatsministers vonBodelschwingh vor und an dem 18.März 1848" (Berlin, Ernst Siegfried Mittler Sohn). Die Bemühungen des Verfassers, den Minister als ganz unbeteiligt an der Energielosigkeit der Regierung hinzustellen, die doch allein die traurigen Ereignisse in Berlin möglich machte, scheinen mir nicht ganz geglückt. So erzählt Herr von Diest über die bekannte Ansprache „An meine lieben Berliner", die so gänzlich ihren Zweck verfehlte und, statt zu beruhigen, nur böses Blut machte: „Ich war tiefschmerzlich bewegt, als ich diese Ansprache las, ging damit sofort zu Onkel Bodelschwingh und klagte ihm meinen Schmerz über diese verfehlte Maßregel. Onkel Bodelschwingh teilte mir mit, daß er mit Hilfe des Oberhofbuchdruckereibesitzers Decker selbst den Druck dieser unseligen Proklamation auf Befehl des Königs habe vornehmen müssen, und als ich ihm lebhaft einwarf: ,Das hätte ich an deiner Stelle nicht gethan!' gab er mir die Frage zur Antwort: ,Was willst du thun, wenn dein König dir ausdrückliche Befehle giebt?'" Herr von Diest teilt nicht mit, was er aus die merkwürdige Frage geantwortet hat. Die Antwort hätte doch nur lauten können: „In einem Falle, in dem ich für die Befehle des Königs die Verantwortung nicht übernehmen zu können glaube, von meiner verantwortlichen Stelle zurücktreten!" Sonst schützt alle Königstreue nicht davor, daß das Urteil vor dem Forum der Geschichte wie vor jedem andern Gerichtshöfe lautet: Mitgefangen — mitgehangen! — In einem andern, in der gleichen Verlagshandlung erschienenen Buche: „Meine Erinnerungen an Kaiser Wilhelm den Großen", schildert derselbe Verfasser seine in seiner hervorragenden amtlichen Stellung sich häufig wiederholenden persönlichen Begegnungen mit dem Kaiser, und er giebt da eine große Anzahl von Aussprüchen des unvergeßlichen Herrschers wieder, die alle von der schlichten Größe und der Natürlichkeit seines innersten Wesens zeugen. So sagte der Kaiser, als er zum erstenmal in Wiesbaden von seinen neuen Uuterthauen als Herrscher festlich empfangen worden