vorhanden sind. Dies Ergebnis erscheint uni so erfreulicher, je mehr man sich der Schranken erinnert, die vor den Hörsälen der Universitäten noch immer aufgerichtet sind. Das Minimal-Eintrittsalter ist das vollendete sechzehnte Lebensjahr; überdies ist Bedingung des Eintritts der durch eine Aufnahmeprüfung zu erbringende Nachweis, daß die Kenntnisse vorhanden sind, die programmmäßig in einer voll- ausgestalteten zehnklassigen höheren Mädchenschule zu erwerben sind. Der Kursus dauert acht Semester, und der Lehrplan ist so eingerichtet, daß ohne Ueberanstrengung der Mädchen in dieser Zeit das vorgeschriebene, dem Gymnasium durchaus entsprechende Pensum geleistet werden kann. Die Mädchen lesen auf Prima ihren Horaz und Tacitns, ihren Sophokles und Thukydides ebensogut wie die Herren Primaner. Daß die sechzehnjährigen geistesreifen Mädchen in den zwei ersten Semestern das Pensum der Sexta, Quinta und Quarta absolvieren, mag manchem Unkundigen erstaunlich scheinen; wer die Vorbildung der jetzigen höheren Mädchenschulen erster Klasse kennt, wird es durchaus begreiflich finden.
Das Honorar beträgt 125 Mark für das Semester. Die Kurse finden in der Charlottenschule, Berlin Steglitzerstraße 29, in den Nachmittagsstunden statt. Die Leiterin, Fräulein Helene Lange, wohnt Steglitzerstraße 48.
Endlich kommen wir zu den von Fräulein I)r. Käthe Windscheid geleiteten Gymnasialkursen in Leipzig. Wir dürfen dieselben nur ganz kurz besprechen, da sie genau so organisiert sind als die Berliner Kurse des Fräulein Lange und sich ebenfalls auf der absolvierten, vollausgestalteten höheren Mädchenschule aufbauen, die Mädchen also erst nach vollendetem sechzehnten Lebensjahre aufnehmen. Die Leipziger Kurse sind, wie die Karlsruher, vom Allgemeinen Deutschen Frauenverein begründet und bestehen seit Ostern 1894, Der Lehrgang umfaßt acht bis neun Semester; die ersten Abiturientinnen werden sich Michaelis dieses Jahres zur Maturitätsprüfung melden, und äußere Schwierigkeiten dürften nicht zu erwarten sein, da die sächsische Regierung dem Unternehmen freundlich gegenübersteht. Die Zahl der Schülerinnen beträgt jetzt (März) 50, von denen 38 Voll- schülerinnen sind und die Abgangsprüfung erstreben, 12 nehmen an einzelnen Stunden teil. Die Vollschülerinnen verteilen sich so: I hat 6, II 11, III 9, IV 12.
Wenn wir für unsre statistische Zusammenstellung einen etwas breiten Raum beansprucht haben, so geschah es einerseits deshalb, weil es bisher an einer solchen übersichtlichen Statistik über die der Frauenbildung und dein Frauen- stndium dienenden Veranstaltungen ganz gefehlt hat; vorzugsweise aber aus dem Grunde, weil wir von der Wichtigkeit der Sache überzeugt sind und die feste, uns von langjähriger Beobachtung und Erfahrung eingegebene Hoffnung hegen, daß recht bald bessere Tage für die wissenschaftlichen Strebungen der Frauen kommen werden. Vor etwa einem Jahre hat Arthur Kirchhofs unter dem Titel „Die akademische Frau" ein Buch veröffentlicht, dem wir eine gewisse Bedeutung beimesien, weil es eine große Anzahl (122) Gutachten von hervorragenden Universitätsprofessoren, Frauenlehrern und Schriftstellern über die Befähigung der Frau zum wissenschaftlichen Studium enthält. Die Frage nach dieser Befähigung wird in 73 Gutachten unbedingt bejaht, in 21 verneint. Elf der Gefragten erklären, ein sicheres Urteil nicht zu besitzen, und 17 bejahen die Befähigung unter Beschränkung auf bestimmte Zweige der Wissenschaft. Die Aussprüche dieser bedeutenden Persönlichkeiten, wenn sie auch nicht immer von vielseitiger Erfahrung Zeugnis geben, bieten doch ein vortreffliches ^ Material zur Frage des Frauenstudiums. Kirchhosf schließt die Vorrede seines umfangreichen Buches mit den Worten: „Die gegenwärtige Bewegung, welche die Frauen veranlaßt, nach höherer Bildung zu streben, ist ein erfreuliches Zeichen
der Entwicklung der Menschheit, zu der die Frauen mitzurechnen wir uns doch endlich werden entschließen müssen."
Und ganz ohne Ironie, aber scharf und überzeugend spricht sich Ernst von Wildenbruch in seinem Gutachten aus: „Bei der Behandlung der Franenfrage begeht man durchgängig einen Fehler, durch den man sich die Schwierigkeit der Beantwortung selbst geschaffen hat. Man behandelt nämlich ,die Frau' als einen individuell unterscheidungslosen Gesamtbegriff und führt dadurch bei der Beurteilung beider Geschlechter einen Unterschied herbei, den es gar nicht giebt, und in dem ich das für das weibliche Geschlecht spezifisch Kränkende erkenne. Jeder weiß, daß keineswegs alle Männer, also ,der Mann', zum geistigen Beruf, zum akademischen Studium befähigt und damit berechtigt sind — jeder weiß, daß nur eine bestimmte Anzahl männlicher Individuen sich dazu eignen, während die andern eben die erforderlichen Fähigkeiten nicht besitzen. Spricht man deshalb ,dem Manne' im allgemeinen Fähigkeit und Recht zum geistigen Berufe ab? Nicht daß ich wüßte. Warum also wenden wir diese höchst einfache Beöbachtungsmethode nicht auch auf die andre Hälfte der Menschheit an? Im Augenblick, wo man sich dazu entschließt, die Frauen als menschliche Einzelwesen zu behandeln, wäre die Frage ans der öden Systematik erlöst und zu einer praktischen gemacht, und damit wäre sie, meines Erachtens, gelöst."
Das Kainwnö-Denknml in Wien.
(Siehe die Abbildung Seite 256 und 257.)
HAm 1. Juni, dem hundertundachten Geburtstage des Volks- dichters und Schauspielers Ferdinand Raimund, wurde in Wien dessen Denkmal enthüllt. Diese neue künstlerische Zierde der österreichischen Kaiserstadt — das erste monumentale Werk, das im Jubiläumsjahre des Kaisers Franz Joseph errichtet wird — ist einem Kreise von Kunstfreunden zu danken, an deren Spitze der Geheimrat Nikolaus Duinba steht. Von den zahlreichen Preisbewerbungen wurde der Entwurf des durch seine figurale und dekorative Ausschmückung vieler Theaterbauten (so in Prag, Zürich, Wiesbaden und Odessa) auch im Auslande sehr geschätzten Wiener Bildhauers Franz Vogl, einein Schüler Weyers und Hellmers, zur Ausführung bestimmt. Diese Wahl war um so glücklicher, als auch der schöne Bacchuszug im Giebelfeld der Fassade des Deutschen Volkstheaters, vor dem sich das Raimund-Denkmal erhebt, von demselben Meister stammt. Der Künstler dachte sich den Dichter des „Verschwender" in dem seiner pittoresken Felsbildungen und würzigen Waldesluft wegen viel besuchten Gutensteiner Thale, wo auch Raimund so gern geweilt und am 5. September 1836 so tragisch geendet hat. Dem auf einer Bank Ruhenden naht sich die Volksmuse mit goldenem Zauberstab, um den sinnenden Poeten zu inspirieren. Der in der Tracht seiner Zeit dargestellte Dichter ist realistisch aufgefaßt; seine gutmütigen Züge sind noch frei von der Schwermut späterer Tage, während der Kopf der weiblichen Figur durchaus ideal empfunden und der Antike nachgebildet ist. Ein gutes porträtgetrenes Bild Raimunds ist nicht vorhanden, und es standen dem Künstler nur die bekannte Zeichnung Kriehubers und eine Büste aus jener Zeit zu Gebote. Die Hauptfigur und der Fels mit der Gestalt des Genius sind Laaser Marmor, je aus einem gewaltigen Block geformt, wie sie in solcher Größe bis dahin kaum noch gebrochen wurden. Die Stufen sind Sterzinger Stein, von dem sich das blendende Weiß der Figuren wirkungsvoll abhebt. Der Künstler hat seinen Raimund nicht auf ein hohes Piedestnl gestellt, sondern an der Kreuzung belebter Straßenzüge mitten unter die Wiener, die sich immer von neuem an den Schöpfungen dieses volkstümlichen Dichters erfreuen. Max Weinberg.