Heft 
(1897) 12
Seite
253
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Die Kungersteine.

Roman

von

Kertrud Irarike-Schievewem.

(Schluß.)

^^,s ging nun schon in den Winter. Sie waren fast ein halbes Jahr verheiratest und Char- lotte hatte Gelegenheit gehabt, ihre Hans- franentalente zn erproben.

Sie hatte sich schon als Braut davor gefürchtet, aber es nahm sie doch alles noch viel mehr in An­spruch, als sie sich je hatte vorstellen können.

Ach und es war so anders so, als wenn sie förmlich ganz von neuem angesangen hätte Zu leben und nun dumm und kindisch herumtappte in einer ihr unbekannten Welt.

Bisher hatte sie fast nur mit Gehirn und Nerven gearbeitet. Jetzt hieß es, vorzugsweise Muskeln und Gedächtnis anzuspannen. Sie konnte des Abends oft kaum mehr auf den Füßen stehen vor Müdigkeit. Die Augen fielen ihr zn. Der Kopf summte ihr, und sie war nicht im stände, die Gedanken festzuhalten.

Das vornehmste Gebot bei ihrem künstlerischen Schaffen war gewesen: sich sammeln, das ganze Wesen konzentrieren auf einen Punkt. Und wenn sie sich dann so recht hineingegraben hatte in ihre Aufgabe, so war eine weltabgeschiedene Feierstimmung über sie gekommen. Sie fühlte sich wachsen. Es dehnte sich etwas in ihr, reckte die Flügel empor!

Und wenn sie endlich in süßer Abspannung sich auf ihrer Chaiselongue hinstreckte ach, so wußte sie doch, warum sie sich heute gequält hatte. Es war doch etwas aus dem Papier, der Leinwand oder auch bloß in ihrem Kopf... ein Verfehltes vielleicht, das sie am nächsten Tag wieder umstoßen, besser machen -würde. Aber der innere Gewinn, der kleine Fortschritt, das Bewußtsein, gerade an ihren Fehlern gelernt Zu haben, das blieb.

Dann sah sie wohl müde demsterbenden Sklaven" ins Gesicht. Und etwas von dem Erlösungs- srieden, von dem seligen Ausruhen nach schwerem Tagewerk der tiefste Zauber dieses Jünglings­kopfes kam leise über sie.

Sie träumte dann weiter, still in die Zukunft hinein. Das Höchste sollte es sein. Nichts, was

Ueber Land und M-er. All. Okt.-Hefte. XIV. 12.

dem Geschmack der Menge schmeichelt, Ruhm und Geld bringt.

Sie wunderte sich selbst wohl, daß ihr so jeder Ehrgeiz fehlte. Nur vor ihrem eignen künstlerischen Gewissen sollte es bestehen. Nur echt sollte es sein, nur tief, nur Natur. So echt und tief wie die Gedichte von Hubert Schwarz, an denen ihr eignes dunkles Streben ihr erst deutlich geworden war.

Sie hatte sich ihr Zimmer möglichst ähnlich dem in Dresden einrichten lassen. Das Sofa mit den weichen Atlaskissen, das Eisbärenfell, der kleine vernickelte Ofen, durch dessen Glasscheiben jetzt so gemütlich die rote Glut schien, die Marmorbüste, ihre Lieblingsbilder alles war da, in fast gleicher Aufstellung. Nur war das Zimmer höher, größer, dunkler und die Aussicht aus einen eleganten Renaissancebau mit grünen Jalousien nicht zu vergleichen mit dem freien Blick ans ihrem breiten, blumengeschmückten Erkerfenster.

In der Dämmerstunde überdachte sie jetzt auch oft ihr Tagewerk, das ihr bleischwer in den Gliedern lag. Dann war's ihr, als habe sie Wasser in einem Sieb geschöpft. Gearbeitet von früh bis spät ohne Nutzen.

Sie wußte genau, woran das lag. Die Wohnung, mit ihren unendlich langen Korridoren nach Berliner- Art, war weitläufig und unbequem. Um überall nach dem Rechten zu sehen, mußte sie von früh bis spät auf den Füßen sein. Und wie es staubte in dieser großen Stadt! Und Lotte hatte es niemals ausgehalten in einem Raum, der nicht blitzsauber war bis zum letzten Winkel.

Dazu die Ansprüche der beiden stattlichen Mädchen/ die die Vermieterin ihr als wahre Prachtexemplare angepriesen hatte, die ä eonto ihrer Vortrefflichkeit einen ungewöhnlich hohen Lohn bekamen und es mehr mit Putzen, Schwatzen, Spazierengehen hielten als mit der Arbeit.

Und endlich die Magensrage! Die gleich­gültigste, nebensächlichste, brutalste Notwendigkeit trat

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