Heft 
(1897) 12
Seite
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Weber Land und Meer.

jetzt, seit sie Frau war, mit der Prätension auf, ! die Hauptsache im Leben zu sein. >

Allmählich erschien Lotten ihr Wirken wie ein ^ ewiger, fruchtloser Kampf gegen Hunger, Staub, ! Schmutz, Rost und Motten. War der Hydra ein ! Kopf glücklich abgeschlagen, gleich wuchsen ihr zehn > neue. Mit jedem Morgen ging alles von vorn an, ! das Zimmerreinigen, Staubwischen, das Besorgen ! des Frühstückstisches und riß nicht ab bis spät ! abends. !

Und beim Einschlafen dachte sie dann noch an ^ allerlei, was morgen, auf die Gefahr peinlichster ^ Verlegenheiten hin, nicht vergessen werden dürfe. > Oder ein kleiner Aerger mit den Mädchen, die bei ! aller äußeren Manierlichkeit doch das bekannte Ber- ! linerMundwerk" hatten, spukte in ihr nach.

Sie hatte manchmal das Gefühl, als stecke sie in einem unsichtbar feinen, doch dichten und unzer- ^ reißbaren Netz. Als sei ihre schöne Freiheit, Zn ! denken, zu thun, sich zu regen nach ihrem Gefallen, ^ auf immer dahin.

Also das ist das vielgerühmte deutsche Frauen­leben! dachte sie oft verwundert. Das ist das Ideal ! der Männer, die Sehnsucht der jungen Mädchen? ! Darin finden so viele Tausende von Frauen volle ! Befriedigung? Wo blieb denn in all diesem Zer- ^ splitternden, winzigen, kleinlichen Thun die Zeit, ja die Möglichkeit, sich einmal zu erheben über sich > selbst, über den ewigen Alltag, über das ewige - Kleine hinaus?

Und wenn alle diese Dinge mit Schweiß, Sorgen, Angst geschafft waren was war dann erreicht? Nur eben der Boden bestellt, aus dem das Leben herauswachsen, sich entfalten, blühen und Frucht tragen sollte! Und damit waren sie zu­frieden! Weil sie's nicht anders kannten. Sie aber wußte, was leben heißt.

Und doch hatte sie sich resigniert.

Aber das war eine lange Geschichte voll schwerer Kämpfe, voll heimlicher, bitterer Auflehnung, voll stillen Grolls endlicher Ergebung.

Ganz harmlos unschuldig hatte sie im Anfang versucht, zu malen, wie sie's von Hause gewöhnt war. In einem neben dem Schlafzimmer gelegenen kleinen Raum, der eigentlich zum Schrank- oder Ankleidezimmer bestimmt war, hatte sie ihre Geräte anfgebaut und eine von der Reise mitgebrachte Skizze nuszuführen begonnen. Sie war besonders zeitig aufgestanden, hatte die Morgenarbeit überwacht und es dann in köstlichem Künstlerleichtsinn darauf an­kommen lassen, wie es gehen wollte.

Und sie hatte leidlich Glück gehabt. Das Mit­tagbrot war genießbar gewesen, Hubert hatte sich über ihren Eifer gefreut und sie ermuntert, fort­zufahren. Zwar war das Mädchen alle Augenblicke zu ihr hereingeplatzt mit Fragen und Meldungen, aber das wollte sie ihr schon abgewöhnen.

Allmählich aber waren doch die Dämonen über sie gekommen. Sie hatte strengen Befehl gegeben, sie auf keinen Fall zu stören. Und dann hatte sie nichts mehr gesehen als ihr Bild, hatte keine Ohren für alles, was sonst noch im Hanse geschehen mochte.

Daß drüben im andern Seitenflügel ein junger Tagedieb aufgetaucht war und um jeden Preis die Aufmerksamkeit der jungen, hübschen Frau auf sich zu lenken suchte, daß manchmal seltsam brenz­liche Gerüche sich aus der Küche herüberstahlen, daß Scherben klirrten, die Flnrglocke mehrfach ertönte und fremde Stimmen auf dem Korridor Zu hören waren was kümmerte sie das!

Hubert hatte noch immer leidlich gute Miene gemacht. Er sah, wie glücklich sie war, und gönnte ihr's mit liebevollem Verständnis.

Eines Tages aber war's doch zum Klappen gekommen.

Wie in halbem Traum hatte sie empfunden, daß es heut außerhalb ihrer Klause besonders unruhig zugegangen sein mußte. Des HausmädchensGnädige Frau, das Essen ist anfgetragen," hatte ihr auch anders als sonst geklungen.

Hubert faß schon, die Serviette ans den Knieen, am Tisch, als sie, noch voll von ihren Ideen wie von süßem Wein, zn ihm eintrat. O weh! Da stand ein Gewitter über seinen dichtgefalteten Brauen. Nnd die Auguste hatte heiße Backen und trug die Miene einer beleidigten Königin zur Schau, als sie die Suppe auf den Tisch setzte.

Als sie hinaus war, strich Lotte Hubert über das dunkle Haar nnd küßte ihn auf die Stirn. Du hast warten müssen, Schatz? Entschuldige nur! Ach Gott, war ich im Zuge! Und es wird, Schatz! Ich bin so froh!"

Sie that ihm ans und war in ihrer innerlichen Befriedigung so liebenswürdig, daß er sich die größte Mühe gab, ihr seine Verstimmung Zu verbergen. Doch war's schon der höchste Grad von Selbst­beherrschung, daß er schwieg nnd mit der dünnen nnd versalzenen Suppe zugleich den Tadel über dies mißratene Kochprodukt hinnnterschluckte.

Mein Gott!" rief Lotte nach dem ersten Löffel erschrocken,was ist denn da wieder passiert? Wie konntest du das hinnnterbringen, Hubert?"

Er zuckte die Achseln.Du weißt, über so geringfügige Dinge spreche ich prinzipiell nicht."

Du mußt ein Fell auf der Zunge haben, Schatz. Na, hoffentlich ist der nächste Gang besser. Und dann machst du wieder dein gutes Frätzel, Schatz, nicht wahr?"

Sie legte ihm Zierlich vor mit den Weißen Händen, innerlich bedrückt durch seine Schweigsam­keit, aber voll Hoffnung, ihn durch ihr munteres Plaudern wieder heiter Zu stimmen. Zu ihrem Schrecken schob er jedoch plötzlich den Teller von sich und legte die Serviette Zusammen. Und jetzt sah sie erst, wie tief erregt, verärgert und blaß er war.

Was hast du, Hubert? Bist du mir böse?"

Er versuchte Zu lächeln.Dir nicht, Kind. Aber noch einen solchen Vormittag halt' ich nicht ans."

Er fuhr sich in Heller Verzweiflung mit der Hand durchs Haar. Es war also, wie es manch­mal geht, allerlei znsammengekommen. Störung auf Störung. Erst der Ofenreiniger, dann der Brief­träger, dem etwas quittiert werden mußte. Darauf ein Weinreisender, der mit dickfelliger Zähigkeit