Die Kurigersteine.
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seine Ware angepriesen hatte und erst durch die unverblümtesten Grobheiten Zum Rückzug bewegt werden konnte. Zum Schluß ein englischer Kollege, mit dem er sich nur schwer hatte verständigen können — schmerzlich hatte er Lotte dabei als Dolmetscher vermißt —, und nun sei er fertig, aus aller Stimmung heraus. Und der Tag, den er mit kühnen Plänen begonnen Hütte, sei nun ein verlorener für ihn.
„Es geht nicht so weiter, Lotti. Ich muß absolute Ruhe haben. Meine Zukunft, deine eigne Zukunft hängt davon ab, daß ich ungestört arbeiten kann. Vergiß das nicht. Sorge dafür! Ich bitte dich!"
Und dabei ging er im Zimmer auf und ab, mit gekreuzten Armen, finsterer Stirn und vorwurfsvoller Miene. Als wenn sie allein die Schuld daran trüge, daß die Leute sich alle dieseu Tag ausgesucht hatten mit ihren Anliegen!
Sie bedauerte ihn von Herzen. Aber sie konnte keine so arge Zerknirschung empfinden, wie er Zu erwarten schien. Diese selbe Verzweiflung, dies Gefühl, als müßten die mißhandelten Nerven reißen, hatte sie oft genug durchgemacht. Aber sie hatte gedacht: es ist nicht anders. Das Leben hat gute und böse Tage. Und es siel ihr nicht ein, einen Sündenbock für all die dummen Zufälle zu suchen.
Hubert merkte, was in ihr vorging, und in seiner Gereiztheit verdroß es ihn.
„Da hatt' ich's ja früher tausendmal besser in meiner armseligen Bude," sagte er scharf. „Da wurde doch peinlichste Sorge getragen, daß es mäuschenstill war um mich."
Das war ihm so im Aerger über die Lippen geschlüpft, in dem Bedürfnis, sie Zn strafen für ihre Gleichgültigkeit. Im selben Augenblick aber fühlte er, daß er eine Roheit begangen hatte.
Charlotte war totenblaß geworden und starrte ihn aus großen, entsetzten Augen an. Ihr war's, als stände ihr Herz still vor Schreck.
Das Gespenst, das sie schon halb vergessen hatte in ihren Wirtschaftssorgen, da kam es plötzlich hervorgesprungen, mitten aus dem glücklichsten, friedlichsten Alltag heraus, und zeigte ihr sein grinsendes Gesicht.
Sie saß ganz still, den Kopf gesenkt, mit leise zitternden Händen. So angstvoll, so ratlos, so ganz und gar wehrlos saß sie da. Da war's ja, was sie schon früher als das Furchtbare, das Demütigende ihrer Stellung empfunden hatte: er verglich die Gegenwart mit der Vergangenheit — sie, sein Weib, mit jener Frau! Und was sie nie für möglich gehalten hatte — der Vergleich war zu Gunsten jener ausgefallen!
Die Reue packte ihn bei ihrem Anblick. „Lotti!" rief er, herzlich in ihre heißen, schmerzumflorten Augen sehend, „ich hätt' das ja nicht sagen sollen! Ich hab's auch nicht schlimm gemeint! Aber du solltest mal in meiner Haut stecken! Jeder Nerv fliegt mir vor Erregung . .. Und alles wie weggeblasen... Der ganze Akt stand heut früh fertig vor mir... nun . . . nichts!"
Er beugte sich zu ihr hinab und küßte ihre Augen, aus denen jetzt große, schwere Thränen quollen.
Ach, gerade eben, da er ihr weh gethan hatte und selber so unglücklich und gequält anssah und ihr doch weich und abbittend ins Gesicht blickte, schwoll ihre Liebe in nie gefühlter Leidenschaft in ihr auf.
Mit schmerzlicher Wonne betrachtete sie seine männlichen, geistreichen Züge. Es Hilst nichts, dachte sie, ich bin ihm ganz nnd gar verfallen, meinem Einzigen, meinem Dichter, meinem Geliebten. Ihn verlieren — wäre der Tod.
„Hubert," sagte sie leise, „ich habe meine Kunst auch lieb."
„Mein Lieb, und ich bin so stolz auf dich."
„Es wird nicht allzuviel mehr damit werden."
Er redete ihr's eifrig aus. Wenn sie erst ein bißchen mehr eingearbeitet wäre und bessere Mädchen hätte —
Sie schüttelte den Kopf. „Wenn —!" Und dann nach kurzem Kamps: „Aber sei ruhig! Ich will wie ein Cerberus vor deiner Thür Wache liegen. Und wehe dem, der sich erdreistet, dich zu stören!"
Und nun versuchte sie's von neuem, Kunst und Hauswirtschaft zu vereinigen, vor allem aber jedes Geräusch, jede Belästigung von Hubert fernzuhalteu. Zu ihr mußte jeder kommen, der eine Frage, eine Mitteilung, eine Botschaft hatte.
Warum sollte es nicht gehn? Sie kannte ein paar glückliche Künstlerehen in Dresden. Freilich, die Leutchen nahmen beide das Leben ein bißchen ans die leichte Achsel, waren aber doch tüchtig und strebsam in ihrer Kunst und teilten sich redlich in die unvermeidlichen kleinen Lasten und Unbequemlichkeiten, die nun mal zum Dasein gehören.
Nun begann Charlotte während der Arbeit zu lauschen auf alle Geräusche im Hause. Sie hörte in ihrem dicht neben dem Korridor gelegenen „Atelier", wenn jemand die Treppe heraufkam. Und jedesmal dachte sie: ginge er doch vorüber! Und wenn die Klingel gezogen wurde, horchte sie voll Unruhe und war immer darauf gefaßt, abgerufen zu werden.
So kam sie zu keiner Sammlung. Ihr Bild, das sie so begeistert angesangen hatte, das zuerst so viel versprach, befriedigte sie immer weniger. Zuletzt stellte sie's gegen die Wand. ,Es muß erst mal trocknen/ redete sie sich vor. ,Dann geh' ich noch einmal darüber? Aber sie dachte nicht gern daran. Es war ihr, als hätte sie eine Blamage erlitten.
Auch gab's jetzt, da Weihnachten nicht mehr fern war, allerlei Besonderes zu thun. Berghauer und Kläre hatten sich angemeldet, und sie freute sich unbeschreiblich aus die beiden Menschen.
Sie war doch recht allein hier. Ein paar Besuche hatten sie zwar gemacht, aber es war zu keinem Verkehr gekommen, da Hubert ein Feind der Geselligkeit war und alle Einladungen abgelehnt hatte.
Nun, sie hatte ja ihren Mann. Aber wenn er arbeitete, war sie gar nicht aus der Welt für ihn. Sie that dann am besten, ihn nicht an sich Zu erinnern.
Sie hatte sich Wohl anfänglich mit einem Buch zu ihm gesetzt, um wenigstens in seiner Nähe zu sein. Aber das Umblättern, das leichte Rauschen