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Ueber Land und Weer.
ihres Kleides, ja das bloße Bewußtsein ihrer Gegenwart, die Furcht, beobachtet zu werden, machten ihn nervös. Und so blieb sie zuletzt fort. Ja, sie empfand es schließlich als eine Wohlthat, sich müde Zu laufen in ihrer unbequemen Wohnung und ihr Gedächtnis anzusüllen mit allerlei praktischem Kleinkram.
Nach der Arbeit, wenn er zufrieden war mit dem Geschehenen, war Hubert dann so gut und liebenswürdig, daß sie alles vergaß, was ihr den Tag über an ketzerischen Gedanken durch den Kopf gegangen sein mochte.
Es entspann sich meist ein lebhaftes Gespräch zwischen ihnen, das anregend und wohlthuend war, wenn ihre Meinungen übereinstimmten.
Aber das war nicht immer der Fall. Sie hatte gelernt, sich ihre eigne Anschauung von den Dingen zu bilden. Ihr Vater hatte viel ans ein selbständiges Urteil gegeben. Und so wußte sie ihre Ansicht klar zu begründen und tapfer und standhaft zu verteidigen.
Das vertrug er nicht. Sie sollte denken, was er dachte. Sie sollte schön und häßlich finden, was er schön und häßlich fand. Wie eine bittere Kränkung berührte es ihn, daß sie ihren Geschmack für sich hatte, wie sie ihr eignes Gesicht hatte. Mit leidenschaftlicher Beredsamkeit suchte er sie zu sich herüber- zuziehen, sie Zu seinen Ansichten Zu bekehren. Seine Jüngerin sollte sie werden ganz und gar, sein Werk, wie Johanna es gewesen war. Seine Herrschsucht, seine Kraft duldeten keinen Willen neben sich, ohne den Versuch zu machen, ihn sich nnterzuordnen. Und so kam's, daß die ganz harmlos und sachlich begonnenen Unterhaltungen nicht selten mit einer beiderseitigen Verstimmung endeten.
Sie mußte dann wohl an Karl Wedekinds Ausspruch denken: „Er ist ein Seelenraubtier". Das hatte der gute Kerl gesagt, ehe noch die Möglichkeit vorlag, daß sie Hubert je persönlich kennen lernte. Und nun war sie seine Frau!
Es war die Zeit der kürzesten und dunkelsten Tage. Alles schien grauer und blasser unter dem immer grauen Himmel, dem endlose Regenfluten entströmten. Kein Wunder, daß auch Lotte schmal und blaß aussah. Sie ging selten aus. Allein machte es ihr keinen Spaß, und Hubert gönnte sich nicht oft die Zeit, sie zu begleiten.
Sie frühstückten gewöhnlich in Lottes wohldurchwärmtem Zimmer, dessen kleiner Ofen die Nacht hindurch gebrannt hatte.
Mitte November aber wurde es plötzlich kalt, und eines Morgens war alles weiß. Bis in die Tiefe des Zimmers hinein drang das grelle Licht. Die Bilder an den Wänden leuchteten klar und lebendig, als wären sie frisch gefirnißt. Alles Detail trat überraschend heraus.
Lotte ließ die Augen darüber hingehn. Dann blieben sie träumerisch an der „Venetianerin" hasten. Sie lächelte eigentümlich. „ Weißt du noch d" fragte sie.
Der Vormittag in der Galerie war ihm noch lebhaft im Gedächtnis. „Die Venus ist doch schöner," neckte er, ihren Widerspruch herausfordernd.
Aber merkwürdig — sie nickte. Und wieder ging
das seltsame Lächeln um ihren Mund. „Sie würde auch besser hierher passen."
„Siehst du, Lotte, du hast dich schon bekehrt."
„Es scheint so. Damals dachte ich: bloß für die Liebe leben. . . nein —, wenn ich nicht tüchtig meine Arbeit hätte!"
„Ich dächte, die hast du."
Sie stützte das Kinn aus die gefalteten Hände und sah mit einem ernsten Blick hinauf in das klare, offene, energische Gesicht der Venetianerin. In diesem Blick lag die stumme, heimliche Resignation, die an ihr zehrte. Langsam schüttelte sie den Kopf.
Er wurde plötzlich aufmerksam. Zum erstenmal seit langer Zeit sah er ihr forschend ins Gesicht. Das grellweiße Schneelicht zeigte ihm deutlich, wie sie sich verändert hatte.
Das war nicht mehr seine lebensprühende, frische, thatkräftige Lotte. Etwas unendlich Rührendes war in ihre stillen Augen gekommen. Und nun siel ihm ein, daß er sie lange nicht hatte lachen hören.
Sein Gewissen regte sich. War sie denn nicht glücklich, seine geliebte Frau? Was fehlte ihr? Hatte sein tiefer, schwerfälliger Lebensernst sie niedergedrückt, ihre schöne natürliche Heiterkeit vernichtet?
Er nahm ihre Hand und küßte sie, und sie sah ihn verwundert an. Solche Galanterien hatte er längst verlernt.
„Frauchen," sagte er, „ist's denn gar so schwer, dem Mann zuliebe etwas aufzugeben?"
Sie regte sich nicht, sah nur immer zu dem Bilde empor. Sie wollte nicht lügen und ihn doch auch nicht kränken.
Er wartete eine Weile, dann seufzte er tief auf und machte Miene, sich zu erheben.
Da schlang sie plötzlich die Arme um seinen Nacken und hielt ihn fest. „Nein, bleibe noch! Laß mich nicht so allein!"
Und er sah: da war viel mehr, als er gedacht hatte. Eine solche Unruhe und Angst und Traurigkeit sprach aus ihrem Gesicht, ihrer Bewegung. Ihm dämmerte es auf einmal: „Lotti," sagte er weich, „ist es — Johanna?"
Sie ließ ihn los und lehnte sich zurück. Ihre blassen Lippen formten ein lautloses „Ja".
Er war sehr ernst, aber nicht zornig. „Kind," sagte er, „so laß doch das ruhen!"
„Du bekommst Briefe von ihr, Hubert. Sehr oft. Ich weiß es.' Und dann bist du den ganzen Tag verstimmt."
„Das wohl, Kind. Aber zur Eifersucht hast du wahrlich keinen Grund. Diese Briefe, meist geschäftlichen Inhalts — und in einem Ton gehalten — " das Blut schoß ihm in die Stirn — „Kurz und gut," schloß er, „wenn ich jemals Sympathien hatte für Johanna ... diese Briefe, diese Stellungnahme gegen dich —"
„Gegen mich?"
„Es ist ja erklärlich. Man darf da nicht hart sein. . . Trotzdem..." Er stand auf. „Ich will mir nicht den Tag verderben. Na, ein andermal. Wir müssen das ja mal besprechen. Uebrigens" — er deutete auf einen Kasten seines Schreibtisches —