Heft 
(1897) 12
Seite
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Die Kungersteine.

dort liegt die ,Affaire Johanncck aktenmäßig bei- ! sammen. Es ist vielleicht besser, du liest dich lang­sam hindurch. Ich habe ja kein Geheimnis vor dir."

Er nestelte einen kleinen Schlüssel von seinem Schlüsselbunde und gab ihn ihr. Aber sie Zögerte, ihn Zu nehmen.

Allein sollte sie sich da hindurchfinden? Nein, um Gottes willen! Sie hielt seine Hand fest. Hubert, sag mir's lieber! Jetzt, jetzt gleich!"

Er warf einen Blick aus die Uhr.

Hubert, ich bin nun mal entschlossen. Ich Hab' mich davor gefürchtet wie vor einer Operation auf Leben und Tod! Du weißt ja nicht, wie es mich gequält hat!"

Gut," sagte er und setzte sich Zn ihr nieder. Er sah ein, es war die höchste Zeit, daß er ihre übertriebenen, unklaren Vorstellungen Zerstreute. Und so erzählte er denn in großen Zügen, wie alles ge­kommen war. Er beschönigte nichts, sondern ließ die Thatsachen sprechen aber die Thatsachen, wie sie ihm erschienen.

Wie die Triebräder einer kunstvollen Maschine sah sie es ineinander greifen, Schicksal und Charakter. Eins unterstützte das andre, schob und stieß es vor­wärts alles surrte und summte durcheinander.

So schürzte sich vor ihren Augen das Gewebe eines Menschenlebens, in dem viel Dunkles, Trübes, Schuld und Härte, aber noch viel mehr Großes, Reiches und Edles nebeneinander lagen.

Sie liebte ihn. Darum vergab sie ihm. Sie hätte ihm noch viel mehr vergeben. Er erschien ihr wie ein Held in seinem unermüdlichen Kampf mit den Widrigkeiten seines Schicksals, in seinem alles besiegenden Glauben an sich selbst.

Auch von Johanna erhielt sie ein ganz neues Bild. Trotz seines augenblicklichen Zornes auf sie ließ Hubert ihr doch Gerechtigkeit widerfahren. Er lobte ihre Güte, ihre Opferwilligkeit, ihre sanfte, alles vergessende Hingebung, ihre häuslichen Tugenden. Die verachtete Nebenbuhlerin verwandelte sich vor Lottes Augen in eine Frau, die gefehlt hatte ja, die sie aber nicht mehr wegwerfend abzuthun wagte.

Sie ließ sich Johannas Aenßeres beschreiben. Ihr blieb kein Zweifel: es war die Frau in Schwarz. Nein, die sah wahrlich nicht nach einer Verlorenen ans. Und ihr Haß, ihre Eifersucht schmolzen hin in Mitleid.

Wie unbeschreiblich sie Hubert auch liebte, sie mußte ihn doch manchmal verwundert betrachten. So hart konnte er sein? Und zu gleicher Zeit so gütig, so zart und feinfühlig? Welche Widersprüche! Welche Dunkelheiten!

So willig sie ihn entschuldigte, die Frau regte sich doch leise in ihr und ließ sie heimlich Partei ergreifen für die verlassene Mitschwester.

Hubert hatte die Anssprache als eine Wohlthat empfunden. Unbefangen erwähnte er jetzt öfter der früheren Zeiten. Der Name Johanna wurde ihm wieder geläufig. Lotte merkte, wie fest er damit verwachsen sei, und daß diese Frau so gut wie sie selber Zu seinein Leben gehöre.

Weihnachten rückte immer näher heran, und Lotte hatte den Kopf voll von Ueberraschungen für ihren Mann und die Dresdener. Keiner durfte vergessen werden. Am wenigsten die Anspruchsvollen und Empfindlichen, Tante Sophie und Tapperts. Die sahen jedemgeschenkten Gaul" nicht bloß ins Maul, sondern bis auf Herz und Nieren. In die harm­loseste Gabe geheimnisten sie allerlei Beziehungen, Anspielungen, Absichten hinein. Sie witterten immer Zurücksetzung, Verkennung und andre Dinge, die den Berghauers gänzlich fern lagen.

Daß ihr Vater und Kläre kommen sollten, war Lotte beinahe unglaublich. Wie sie diese Menschen vermißt, wie sie sich nach ihnen gesehnt hatte, kam ihr erst an der zitternden, bangen Freude zum Be­wußtsein, mit der sie sie erwartete.

Ein paar Tage vor dem Fest, als die Wohnung in Sauberkeit strahlte und alles zum Aufbau bei­sammen war, fuhren Hubert und Lotte nach dem Bahnhof, um sie abzuholen.

Es war Abend. Die Halle strahlte im elektrischen Licht. Ein Hasten und Treiben um sie her, und von nah und fern kamen die Züge angebraust und donnerten an ihnen vorüber.

Lotte schmiegte sich, mit leichtem Schwindel kämpfend, fest an ihren Mann. Sie war den Trubel gar nicht mehr gewöhnt, und die Erwartung beklemmte ihr das Herz. Sie atmete kurz und schnell, und in ihren Augen, die sie hinausschickte in die Dunkelheit, lag ihre ganze sehnsüchtige Seele.

Endlich!

Wieder fauchte, toste und donnerte es, daß die Erde erbebte. Ein kurzer Aufenthalt der langen Wagenkette, Thüren sprangen auf, Menschenfluten ergossen sich über den Perron Lotte lag an der Brust ihres Vaters.

Und dann wieder hielt Kläre sie umschlungen, und die junge Germaniagestalt erbebte in Lachen und Schluchzen.

Lotte!"Kläre!"

Berghauer hatte Hubert kräftig die Hand ge­schüttelt. Jetzt sah er Lotten prüfend ins Gesicht. Seine lustigen Augen, seine vollen, strahlenden Züge wurden aus einmal ernst.

Bist du krank gewesen, Mädel?"

Nein, Papa!" Lotte lachte so selig, als wär' ihr das Christkind eben über den Weg gelaufen.

Und nun mußte sie auch Kläres forschende Blicke aushalten. Dabei lief ein leises Rot über ihre schmal gewordenen Wangen.

Nicht wiederzuerkennen!" rief Kläre.Hast du eine andre Frisur? Oder was ist sonst?"

Lotte schüttelte den Kopf.Es ist die lange Zeit. Denkt einmal! Ein halbes Jahr! Warum seid ihr nicht früher gekommen?" Es klang wie ein leiser, schmerzlicher Vorwurf.

Papa meint, junge Leute müßten sich erst mit­einander eingewöhnen."

Ja, das Prinzip habe ich allerdings. Aber" und Berghauer sah nachdenklich dreines scheint nicht auf alle Fülle Zu passen."

Seine klugen Augen richteten sich dabei durch-