260
Aeber Land und Weer.
dringend aus seinen Schwiegersohn, der, ruhig und heiter, das gute Gewissen in Person, sich mit seiner jungen, hübschen Schwägerin neckte.
Es schien ja äußerlich alles in bester Ordnung zwischen den beiden jungen Eheleuten. Aber er kannte seine Lotte zu genau. Es sitzt also tiefer, sagte er sich. Nun, es war ihm lieb, daß er da war, im Fall die Sache eines sanften Druckes bedurfte, um wieder ins rechte Geleise zu kommen.
Eine halbe Stunde später saßen sie vergnügt in Lottes sanft durchwärmtem Zimmer, wo das Abendbrot ausgetragen war. Von den Wänden sahen Lottes Bilder warmleuchtend herab; die wohlbekannten Möbel aus dem Erkerzimmer heimelten die Gäste behaglich an.
Jip, der erst sein Schälchen Milch geschlürft hatte, kuschelte sich gemütlich in der Sofa-Ecke ein, seufzte manchmal tief aus, klopfte, wenn man ihn ansah oder von ihm sprach, mit der Seidenpuschel seines Schwänzchens auf das Polster und dämmerte so sacht ein.
Es ist Lotten noch immer wie ein Traum, schön und unwahrscheinlich. Sie denkt jeden Augenblick: nun muß sie auswachen, und alles ist wie sonst.
Neben Hubert sitzt ihr Vater. Und da ist Klares frisches, offenes Gesicht — noch hübscher geworden, seit sie sie nicht gesehen hat, und bei aller Lustigkeit doch reifer.
Aber immer wieder gehen ihre Augen zu ihrem Mann. Jede Situation scheint nur dazu zu dienen, ihn ihr liebenswerter zu zeigen. Jetzt, so heiter, so zuvorkommend, mit der Hellen Stirn Und dem Lächeln, bei dem seine regelmäßigen Zähne zwischen den seingeschnittenen Lippen sichtbar werden, ist er ihr ein andrer. Die selbstbewußte Würde des Hausherrn, die er zur Schau trägt, imponiert ihr. Sie ist stolz aus ihren Mann.
Aus Kläre machte Lottes sichere Ruhe besonderen Eindruck. „Sie hat eine Majestät bekommen!" rief sie ein übers andre Mal. „Und wie alles klappt! Hubert, du bist ein beneidenswerter Mann!"
Hubert lächelte stolz, nahm galant die Hand seiner Frau und küßte ihre Fingerspitzen. „Sie ist in jeder Hinsicht das Muster einer Frau geworden."
Lotte errötete glücklich und sah mit dankbarer Hingebung zu ihm empor.
Berghauer fiel ein Stein vom Herzen. Das sind ja die reinen Turteltauben, dachte er. Doch war's ihm nicht ganz recht, daß seine Tochter sich zur Hausfrau xar exaelleneo entwickelt hatte. Es war ihm schon immer verdächtig gewesen, daß sie so wenig von ihrer Malerei geschrieben hatte, lieber den Punkt mußte er ihr noch auf den Zahn fühlen.
Weihnachten kam und verfloß allen in ungetrübter Heiterkeit. Berghauers hatten in einem Privathotel ganz in der Nähe ein Unterkommen gefunden. Man war so viel als möglich beisammen, machte gemeinsame Spazierfahrten und frischte alle Erinnerungen des Vorjahres auf. Damals war's freilich Frühling gewesen, und alles hatte im ersten Grün und in vollem Blütenflor gestanden. Und jetzt lag Schnee, uitd die Bäume waren kahl. Aber es war klares
Wetter. Und wenn die blasse Wintcrsouue über die Weißen Bodenflächen des Charlottenburger Parks oder des Tiergartens schien und alles rosig überhauchte und die klarblauen Schatten so sauber gezeichnet daneben standen, so wußte man kaum, was schöner war, Frühling oder Winter.
Der Ausbau hatte sehr kostbare und gediegene Sachen gebracht. Berghauer that's einmal nicht anders.
„Aber was soll ich damit?" ries Lotte, die Perlenschnur von dem blauen Sammet des Etuis emporhebend. „Soll ich die Sonntag nachmittags umbinden, bloß für Huberts Augen?"
„Du wirst doch mal in Gesellschaft gehen."
Sie schüttelte den Kopf. „Ach nein, wir sind immer zu Hause."
Berghauer machte ein unzufriedenes Gesicht. „Du bist doch sonst so gern ausgegangen. Du, mit deinem Temperament, und als Künstlerin brauchst doch Anregung, mußt was sehn . . . Wirst mir doch nicht etwa eine Hausgluck'e werden wollen?"
Sie legte die Perlen auf ihren Platz Zurück. Ein Seufzer stieg in ihrer Brust aus. Wahrhaftig, wenn sie dachte, wie sich ihr Leben verändert hatte!
Früher in Paris, in Madrid die großen Routs bei den Gesandten, in litterarischen und Künstlerkreisen, aus denen sie sich so leicht und sicher bewegt hatte und die interessantesten Menschen ihr vorgestellt waren . . . und jetzt! Wo schon der Besuch von Vater und Schwester eine großartige Abwechslung, ein Ereignis war!
Ihre Augen streiften zufällig die ihres Vaters. Er hatte sie halb mitleidig, halb unzufrieden angesehen. Sie kam sich plötzlich deplaciert vor, heruntergekommen. Was würde ihr Vater erst sagen, wenn er alles wüßte! Was war sie denn? Ein Nichts! Eine „Hausfrau" — eine von vielen; nicht mehr die stolze Charlotte Berghauer, die Künstlerin, die Persönlichkeit. Und so schnell als möglich lenkte sie das Gespräch auf ein harmloseres Gebiet.
Hubert hatte sich bis Neujahr den Gästen willig zur Verfügung gestellt. Dann aber erklärte er, nicht länger faulenzen zu dürfen. Lotte allein solle sich den Verwandten widmen und so viel als möglich dafür Sorge tragen, daß er bei der Arbeit nicht gestört werde.
Das war nun keine leichte Ausgabe. Berghaner in seiner lauten, lebhaften Weise dachte gar nicht daran, sich Zu genieren, wenn er seine Tochter besuchte. Und Kläre lachte und trällerte; sie jagte sich mit Jip, und Jip kläffte mit seiner kleinen, blechernen Stimme. Oder sie setzte sich an den Flügel und spielte Chopin, so tief und Zart, daß Lotte nur immer hätte zuhören mögen. Aber sie saß wie auf Kohlen, wenn sie dachte, daß alle diese harmlosen, frischen Lebensäußerungen ihrer beiden liebsten Menschen für Hubert eine grausame Tortur waren.
Und dabei fühlte sie, wie ihr Vater sie beobachtete, oft ganz verwundert, oft mit unterdrückten; Zorn. Lieber Gott, sie selber hatte sich ja daran gewöhnt, bloß für Huberts Bequemlichkeit da zu sein, zu flüstern, aus den Zehenspitzen zu gehen, wenn