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Ueöer Land und Meer.
sie ihn bei der Arbeit wußte. Aber ihrem Vater mußte das sonderbar genug Vorkommen.
Er hatte ein paarmal gemerkt, wie sie bei einem lauten Wort Zusammengezuckt war und ängstlich nach Huberts festverschlossener Thür gesehen hatte. Und wenn sie bei seinem Ruf hastig davongelaufen war, um zu fragen, was er wünsche, so hatte Berghauer ihr mit einem Blick nachgeschaut, vor dem ihr bange geworden war.
Doch hatte er noch immer geschwiegen und war gütig und schonungsvoll gewesen, wenn auch ernster, als sie ihn kannte.
Eines Tages aber fing er doch, scheinbar ganz harmlos, von ihren Bildern an. „Ich habe immer darauf gewartet, Lolo, daß du mich in dein Atelier führen würdest. Es soll gewiß eine Ueberraschuug werden, nicht wahr 2"
„Jawohl, Papa, eine Ueberraschung," nickte sie mit seltsamem Lächeln. Nun kam es also. Nun mußte sie beichten.
Sie führte ihn in die kleine Schrankstube, wo das verstaubte Malgerät stand, nahm das einzige Bild, das wie verloren gegen die Wand lehnte, empor und stellte es auf die Staffelei.
Sie hatte es nicht wieder ansehen mögen. Und als sie jetzt einen Blick darauf warf, stieg ihr die Schamröte ins Gesicht. Das hatte sie gemalt? Diese dilettantische Sudelei ohne Saft und Kraft, ohne Geist und Wahrheit?
Ihr war's, als müsse sie sich verkriechen vor dein strengen Blick ihres Vaters. Verghauer sagte kein Wort. Es war, als traue er seilten Augen nicht, als suche er immer noch nach verborgenen Vorzügen, die ihm bisher entgangen sein könnten. Und als er gar nichts fand, seufzte er schwer auf und wandte sich langsam zu seiner Tochter.
Er schüttelte den Kopf. „Lotte, das ist nichts. Hast dn das wirklich gemacht?"
Sie nickte, unfähig, einen Laut über die Lippen zu bringen. Mit ihren beiden Händen umfaßte sie die Lehne des einzigen Stuhles in dem armseligen Raum. Ihre Füße zitterten unter ihr.
Berghauer maß das enge Stübchen wie ein Raubtier seinen Käfig. Er ging immer an ihr vorüber, so nahe, daß er ihre Kleider streifte. Aber er sah sie nicht an. Sein Blick blieb am Boden.
Endlich stand er vor ihr still und drängte seine Augen in die ihren. „Ich will dir ja keine Vorwürfe machen, Kind. Aber — sag mir nur, wie ist das möglich? Was ist mit dir geschehen?"
Sie hob leise die Schultern. Wie es gekommen war, allmählich und doch unaufhaltsam, wußte sie ja selbst nicht. Oder ja. Aber den tiefsten, innersten Grund konnte sie ihrem Vater doch nicht gestehen.
„Liegt es an dir — oder — an deinem Mann?" fragte er plötzlich. Und sie sah, wie die Adern ihm aufschwollen bei dem Gedanken, daß seinem Kinde unrecht geschehen sein könne.
„Um Gottes willen, Vater!" rief sie erbleichend. „Wie kannst du denken . . . nein, Hubert hat es gerade immer gewünscht..." Sie ergriff seine Hand
wie beschwörend. „An mir liegt's allein! An mir. Sage kein Wort gegen Hubert, Vater!"
„Na, na, nur ruhig," brummte er beschwichtigend. „Ist dir also über den Kopf gewachsen, das Hausfrauspielen. Und dabei ist die ganze Kunst Zum Teufel gegangen. Schade! Schade! Und von dir . . . Kind..."
Sie sah, wie er an sich hielt, wie die Enttäuschung an ihm nagte. Sein frisches Gesicht war ganz gelb geworden. Er schien ihr wie plötzlich gealtert, so müde, so in seiner besten Hoffnung betrogen.
Und sie konnte ihm keinen Trost sagen. Sie hätte es ja selber nicht für möglich gehalten, daß sie jemals ihrer Kunst so völlig untreu werden, sich verlieren könne in kleinen Wirtschaftssorgen.
Aber während Verghauer fortredete, wie er sie gutmütig zu entschuldigen suchte und doch immer wieder seine grenzenlose Verwunderung zum Vorschein kam, wurde es ihr selber immer klarer, was ganz allein die Schuld trug. Und es drängte sie, sich Zu rechtfertigen.
„Vater," sagte sie leise und Zitternd, „begreifst du denn nicht, wie ich dazu gekommen bin? Wie ich so erbärmlich werden mußte?"
Er stutzte. Und auf einmal schien ihm eine Ahnung aufzugehen. Dinge, die er längst vergessen oder in seiner leichtlebigen Auffassung für unerheblich gehalten hatte, die wuchsen unerwartet, breiteten sich aus, wurden plötzlich zu einer unheimlichen Macht!
„Was meinst dn, Kind?" fragte er unruhig. „Ich will doch nicht hoffen..."
Sie nickte mit einem tiefen Blick. „Die alte Geschichte lebt ja, Vater! Sie taucht ja alle Augenblicke auf. Die Frau sieht mir ja fortwährend über die Schulter."
„Kind!" rief Berghauer. Wie ein Schauder des Entsetzens lief es durch den mächtigen Mann — ein Verdacht, ein Durcheinander von Vorstellungen... eine immer verrückter als die andre. . .
„Siehst du, Papa," sagte Lotte jetzt ruhiger, „das kannst du dir gar nicht so vorstellen. Bei allem, was ich thue, denke ich immer: ob das die andre nicht besser gemacht hat? Sie war ja so ein Muster in all den Dingen, von denen ich nichts verstand, als ich heiratete. Und wenn er einmal unzufrieden ist und ich soll mir vorstellen, daß er sich sagt: Johanna war doch die Bessere —"
„Das ist ja dummes Zeug!" rief Verghauer.
! Aber als er das mißratene Bild sah und die blasse ! junge Frau, dachte er doch: Wer kennt denn die Weiber? Wer weiß denn, was alles hinter so einer glatten Stirn vorgeht? Warum soll sie nicht recht haben? Sie muß es ja doch am besten wissen.
„Lotti," sagte er nach einem nachdenklichen Schweigen, „es ist die allerhöchste Zeit, daß dn mit der Geschichte ausräumst, aber gründlich. Tu bist auf einem bedenklichen Wege. Der führt geradezu — ins Narrenhaus oder zu sonst einem Unglück. Also — komm mit! Nach Hause! Oder hinaus in die Welt! Du bist mir verschimmelt in deinen vier Wänden, mußt frische Luft haben!"