Heft 
(1897) 12
Seite
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Die Kuiigersteine.

Und so redete er herzlich und eindringlich, wäh­rend sie mit einem süßträumerischen Lächeln znhörte. Aber als er sagte:Ich mach's gleich mit dem Hubert ab," hielt sie ihn fest.Papa," sagte sie, es giebt noch ein andres Mittel. Und das"

Keine Ausreden! Du mußt mit!"

Sie schüttelte lächelnd den Kopf.Es wird schon alles gut werden, auch wenn ich hier bleibe," flüsterte sie mit leichtem Erröten.

Jetzt wollte eine ernste Freude, eine halbe Hoff­nung in ihm auswachen.Lotte," fragte er,ver­steh' ich dich recht?"

Ja, Papa," sagte sie mit holder Würde.Ich hoffe. Und dann siehst du, Papa dann werde ich's aufnehmen mit allem Spuk und allem Tod und Teufel seiner Vergangenheit!"

Nach dieser Unterredung war Berghaner beruhigt und fortgesetzt guter Laune. Einmal, als er Hubert allein im Zimmer traf, beglückwünschte er ihn fast gerührt.

Ich muß dir sagen, Hubert, zuerst halt' ich- doch meine Sorgen um sie. Du merkst das ja nicht so. Aber ich von ihrer Geburt an"

Aber sie hat nie geklagt"

Klagen? Die? Aber, wie gesagt, bei ihresgleichen, da hängt Glück und Unglück an einem Haar. Us tbu saers, weißt du, das ist ihr Lebens­licht. Wenn ihr das ausgeblasen wird, da geht das übrige bißchen Plunder mit Zum Teufel."

Hubert wollte ihn unterbrechen.

Es hat gehörig geflackert," fuhr Berghaner fort, aber Gott sei Dank, es ist alles in gutem Wege."

Die Kunst, fürcht' ich, fährt dabei schlecht, Papa. Kindergeschrei und Bildermalen..."

Verträgt sich allerdings nicht. Aber laß ruhig ein paar Jahre ins Land gehen. Laß sie Mutter sein, so voll, so mit ganzer Seele, wie nur ein so ganzes, ernstes, pflichtbewußtes Weib es sein kann, lind wenn sie endlich ihren Kram wieder vorsucht, so hat sie doch gelernt, ohne einen Pinselstrich. Denn der Künstler, das weißt du ja selber, der fitzt nicht in der Hand. Der fitzt im Herzen, in der Seele. Und was uns als Menschen reifer macht, das kommt auch dem Künstler Zugute."

Bis Mitte Februar dehnten die Berghauers ihren Besuch in der Neichshauptstadt aus. Es war für Lotte eine schöne, Helle Zeit.

Ihres Vaters gesunde Lebensfreude gewann wieder die alte Macht über sie. Wie heiter war

das Dasein, wenn es nicht nur aus schweren, er­drückenden Pflichten, sondern auch aus frohen Ge­nüssen bestand.

Die eiserne Pünktlichkeit der Hanshaltsmaschine, die strenge Ordnung, das ging wohl manchmal etwas in die Brüche. Dafür aber that sie alles so viel

leichter und freudiger. Es erschien ihr wie ein

Spiel, weil es nicht mehr die Hauptsache sein

sollte.

Sie speisten öfters auswärts, was eine große Vereinfachung der Tagesarbeit war. Selbst Hubert ließ sich ein wenig von Berghauers Leichtlebigkeit

anstecken und nahm nicht selten teil an den Par­tien, dem Theater, dem Besuch der Sehenswürdig­keiten.

Charlotte war's, als wenn das unsichtbare Netz, das sie umspannt hatte, lockerer geworden wäre. Sie reckte manchmal die Arme, wie ein Vogel, der lange im Nest gesessen hat, die Flügel probiert. Je vollere Freiheit Hubert ihr ließ, desto inniger, desto besser liebte sie ihn.

Die Tage der Trennung rückten immer näher. Kläre konnte nicht ohne laute Klage an den Abschied denken. Sie hatte sich wieder so fest an ihre Schwester angeschlossen. Wie es um diese stand, war ihr nicht verborgen geblieben, lind seitdem war das lustige Kind von einer rührend Zarten und scheuen Rücksicht.

Eines Tages in der Dämmerstunde, als beide zusammen auf Lottes kleinem Sofa hockten und allerlei Intimstes und Wärmstes zur Aussprache drängte, siel Kläre der jungen Frau plötzlich um den Hals, und das zarte Thema wurde flüsternd berührt.

Siehst du," sagte Lotte,mir ist's, als finge ich ein ganz neues, reineres, besseres Leben an mit meinem Kinde."

Kläre schwieg.Weißt du, Lotte," sagte sie endlich,und früher fandst du's schrecklich, daß man die Babies nicht einfach von den Bäumen schütteln kann."

Ach, als Mädchen, was weiß man da? Da ist man ein Neutrum, nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber du glaubst nicht, Kläre, wie man sich ändert, wenn man. . . wenn das so vor einem liegt!"

Und jetzt findest du gar nichts mehr dabei? Zum Beispiel auch, wenn einem Mädchen so was passiert?"

Es kann schlecht sein, wenn es im Leichtsinn geschieht. Aber wenn die rechte, echte Liebe dabei ist, ist's immer etwas Heiliges."

Aber Lotte!" Kläre schlug die Hände zusammen.

Ich weiß das jetzt, Kläre. Ach, wenn man alles, über das man schilt, selber erlebt hätte, man würde milder urteilen. Und deshalb wird kein Mann begreifen, wie hoch eine ,Mutter' steht."

Es giebt auch schlechte, verworfene, Lotte."

Ich glaube, Kläre, die meisten werden erst schlecht durch unsre Verachtung. Ist's denn gerecht, ist's denn menschlich, sie so zu strafen für etwas, das an sich keine Sünde ist, ja bei andern als höchste Ehre, Stolz und Glück gilt?"

Gott, Lotte, wie du jetzt redest! Und früher... ich weiß noch, wie schwer dir's geworden ist, dich darüber wegzusetzen."

Kind," sagte Lotte mit tiefem, eindringlichem Ernst,vergiß nicht: ich bin eine Frau geworden. Mir ist ein Herz gewachsen für mein Geschlecht. Und darum kann ich nicht einmal die Frau, um die ich so viel gelitten habe, hassen und verachten. Ja" und Lotte beugte sich dicht an Kläres Ohr manchmal ist mir's, als hält' ich ihr abzubitten."

Lotte!" rief Kläre. Ihr war's, als habe sie einen heißen Tropfen auf ihrer blühenden Wange