Heft 
(1897) 12
Seite
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Ueöer Land und Meer.

gefühlt. Aber es war schon zu dunkel, als daß sie Lottes Züge noch hätte unterscheiden können.

Uebrigens," meinte sie dann nachdenklich,muß sie wirklich eine ganz brave Person sein. Der Wedekind hat mit Papa öfter über sie gesprochen. Und da Hab' ich manchmal was ausgeschnappt."

Der Name Wedekind kam etwas zaghaft von ihren Lippen. Aber sie hatte es gewagt. Lotte konnte ja nicht sehen, wie ihr das Blut dabei ins Gesicht schoß.

Die junge Frau blieb ein Weilchen still. Dann nahm sie Klares Hand.Wie steht es denn, Kläre?"

Was denn?"

Kommt er noch oft? In Huberts Gegenwart wollte ich nicht fragen. Ich glaube, sie sind ganz auseinander."

O ja, er kommt sehr oft. In letzter Zeit fast täglich."

Nun," sagte Lotte lachend,dann wird er's Hubert ja auch nicht länger nachtragen."

Was denn, Lotte? Ich verstehe dich nicht."

Liebling, daß der Hubert mich gekapert hat."

Mein Gott, Lotte, das ist's ja nicht." In Kläres Stimme drückte sich großes Befremden aus.

Aber was denn?"

Kläre erschrak nachträglich, daß sie im Begriff war, etwas auszuplaudern, was Lotte vielleicht besser nicht wußte. Aber sie war eine zu ehrliche Natur, keiner Verstellung oder Ausflüchte fähig. Deshalb bekannte sie kleinlaut:Ach Gott, er trägt's ihm nach, daß Hubert die Frau im Stich gelassen hat."

Es trat eine kleine Stille ein, die in der Dunkel­heit'beklemmend wirkte. Etwas hastig fuhr Kläre darum fort:Er ist nämlich schon früher ihr guter Freund gewesen, der Doktor. Ich glaube, er unter­stützt sie. Denn es geht ihr recht jämmerlich. Sie kränkelt auch. Und von Hubert nimmt sie nicht einen Pfennig mehr an, als sie ihm vorgeschossen hat."

Mein Gott," murmelte Lotte,Papa hatte mir doch versprochen..."

Da kennst du sie schlecht. Aus alle Weise hat er's versucht. Aber sie verhungert lieber, als daß sie etwas von uns annimmt. Es ist gar nichts mit ihr zu machen."

In Lottes Kopf ging es drunter und drüber. Das war ja etwas ganz Unerwartetes. Es ging Johanna schlecht! Und sie, die so große Vorsätze gehabt, hatte sich gar nicht darum gekümmert. Aus dummer, alberner Angst, aus Feigheit!

Da mußte so bald als möglich etwas Durch­greifendes geschehen, schon des Kindes wegen.

DasKind" war auf einmal für sie das Höchste aus der Welt, das Süßeste, Geheimnisvollste, ein unbegreifliches, unausdenkbares Wunder. Auf der Straße konnte sie stillstehn und fremden Kindern ganz versunken in die unschuldigen Augen sehn, ihr drolliges Plaudern mit anhören, die süßen Stammel­laute, mit denen sie sich doch so gut verständlich machen können. Bei einem armen, blassen, vernach­lässigten Geschöpfchen konnte sie niederknien, es trösten, beschenken. Und wenn es dann erstaunt und scheu vor ihren Liebkosungen flüchten wollte, so fühlte sie

ein herzbeklemmendes Mitleid. Sie hatte dann immer an Huberts Kind denken müssen. Wie mochte cs aussehen? Wie alt war es wohl? Ob es auch so welk und ungepflegt und verkommen aussah, wie so viele?

Am letzten Abend legte Kläre ihrer Schwester noch eine Generalbeichte ab.

Sieh mal, sie haben mich ja den letzten Winter gräßlich verwöhnt, die Herren. Der Rittmeister und der Landrat und der Baron, der dir schon immer den Hof gemacht hat. Aber der Rittmeister kriegt schon etwas Glatze und hat mehr Schulden als Haare aus dem Kopf. Von dem Landrat, der so weit ein ganz gutes Kerlchen ist, will Papa nichts wissen. Er schielt ihm zu sehr nach oben. Und der Maler-Baron na, das weißt du ja noch der ist mir denn doch zu geschniegelt. Und da bleibt also eigentlich bloß der kleine Wedekind. Aber das wäre doch beinah' eine Mesalliance."

Aber wieso denn, Kläre?"

Gott, Lotte, nicht einmal im Cylinder ist er so groß wie ich. Wir wären ein komisches Paar. Alle meine Freundinnen lachten mich aus..." Sie sah ganz unglücklich vor sich nieder.

Glaubst du nicht, daß du dich darüber weg­setzen könntest?"

Kläre zuckte die Achseln.Ein Auge müßt' ich ja immer Zudrücken. Beim Rittmeister, daß er Schulden hat wie ein Major. Bein: Landrat die Streberei, die mir ebenso zuwider ist wie dem Papa. Und beim Baron" sie lachtena, da ist ja gar nicht dran zu denken. Eine Modepuppe mit ge- ! brannten Haaren! Siehst du, Lotte, da ist der ^ ,kleine' Wedekind am Ende doch das kleinste Uebel."

!Bist du ihm denn gut?"

IDas ist's ja eben," murmelte Kläre, rot wie

^ eine Centifolie,schauderhaft!"

Dann laß ihn nicht lange Zappeln, Kläre," sagte Lotte, sie herzlich küssend.Und wenn er ein Niese wär', dein Karl ein größeres Herz könnt' er nicht haben. Und das, Kläre ich spreche aus Erfahrung, das ist doch das Beste."

*

Nun war Lotte wieder allein.

In den ersten Tagen, als es so still um sie war, trieb eine fieberhafte Unruhe sie durch alle Zimmer, als suche sie etwas. An allen Ecken und Enden fehlte ihr Kläres frisches Lachen, ihres Vaters laute, lebensvolle Stimme. Der Flügel stand wieder als bloßes Dekorationsstück im Salon die Chopinschen Notturnos und Walzer waren verstummt.

Wie hatten die beiden Menschen Lotte ver­hätschelt, gepflegt, geschont! Ihnen war sie eine Kost­barkeit, das Beste aus der Welt; alle ihre Gedanken beschäftigten sich mit ihr. Sie lebten mit ihr.

Und das, dachte sie sie hatte sich's angewöhnt, zu monologisieren, so zu stehn mit seinen Nächsten, so friedlich, ruhig, sicher in jedem Augenblick, das ist eigentlich das höchste Glück. Aber man weiß es nicht zu schätzen, wenn man's hat, und nachher entbehrt man's desto schmerzlicher.

Wenn Hubert des Abends bei ihr am Tisch saß