Heft 
(1897) 12
Seite
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Die Kuiigersteine.

und sich Mühe gab, liebenswürdig und gesprächig Zu sein, so merkte sie doch, daß seine halbe Seele noch bei seiner Arbeit war. Er hatte nun mal kein Talent sür ein zärtliches Miteinanderleben. Im Grunde war er eine einsame Natur. Er brauchte Zwar Menschen, aber verbrauchte sie; er nahm ihr Leben in sich aus, aber er gab nichts dafür.

Deshalb blieb ihre Liebe Zu ihrem Mann immer unruhig und wechselnd wie Brautliebe. Bald jauch­zendes Glück, bald Entbehren. Kummer, heimliche Eisersucht.

Während des Besuchs war es im Haushalt nun doch ein bißchen drunter und drüber geraten. Lotte ordnete ein großes Reinmachen an und griff selber tapfer mit Zn. Das half ihr am ersten über die Leere drinnen und draußen weg.

Aber nach einigen Tagen schon mußte sie alles stehen und liegen lassen. Sie hatte sich zu viel gethan, und der Arzt diktierte ihr ein paar Wochen Sofaruhe.

Etwas Schlimmeres hätte ihr jetzt gar nicht passieren können. Auf Huberts Gesellschaft war nicht viel Zn rechnen, denn die Proben zu seinem Lust­spiel nahmen ihn in Anspruch. Und sie merkte ihm trotz aller Selbstbeherrschung an, welche tiefe Er­regung an ihm zehrte. Es war eine Lebensfrage sür ihn, daß das Stück die hochgespannten Er­wartungen erfüllte, die der glänzende Erfolg des ersten geweckt hatte. Denn ein ganzes Heer von Neidern und Feinden lag schon aus der Lauer, bereit, einen neuen Erfolg nach Kräften zu verkleinern, bei einem Mißerfolg aber die Eintagsgröße hohn­lachend beiseite zu stoßen.

Er kam oft empört und verstimmt nach Hause. Die Schauspieler behandelten die Sache wie eine Bagatelle. Sie verhunzten ihm die besten Stellen und brachten ihn durch Launen und Gleichgültig­keit fast zur Verzweiflung.

Wenn Lotte ihm da mit Klagen gekommen wäre über Einsamkeit und Langeweile, so würde er sie verwundert angesehen haben. Sie suchte ihm also ein heiteres Gesicht zu Zeigen. Aber all das Un­gesagte, das in langen, langen Stunden des Nach­denkens sich in ihr aufspeicherte, wuchs wie eine Mauer zwischen ihnen, höher und höher.

Das Leben, das sie immer ernst genommen hatte, eröffnete ihr jetzt ganz neue Ausblicke. Es wurde reicher, schwerer. Mit den Hoffnungen wuchs er­drückend das Gefühl der Verantwortlichkeit.

Es ist gerade so tief, wie wir selber sind," sagte sie sich. Manchem reicht es bloß bis an die Schuhsohlen. Ihr aber war's bei ihren Grübeleien, als könne sie in seinen Abgründen versinken.

Wie ein verhängnisvoller Zwang war's und doch ganz natürlich, daß sie immer wieder an Johanna denken mußte. Kläres Worte: es geht ihr jämmer­lich, und sie kränkelt, wollten ihr gar nicht mehr aus dem Sinn.

So wie sie selber jetzt, hatte die arme Verlassene auch einmal der großen Menschheitsmission, dem großen Leiden des Weibes entgegengeharrt. Und auch einsam ja, viel einsamer als sie, und die Schande vor Augen!

Dann konnte sie manchmal ein leises Schaudern nicht unterdrücken. Er ist doch aus andern: Stoff gemacht wie ich, dachte sie. Die Mutter seiner Kinder! Wie kann ein Mensch das heiligste Band der Natur mißachten!

Nun, ihre Pflicht, ihr innigstes Bedürfnis war's, gutzumachen, was gutzumachen war. Eher wäre sie sich der hohen Würde, die ihrer wartete, nicht wert erschienen.

Wäre sie jetzt nur nicht gerade und aus un­absehbare Zeit hinaus ans Haus gefesselt ge­wesen! Hätte sie Johanna gegenüberstehn und ihr alles sagen dürfen, was sie dachte. Es wäre ihr sicher geglückt, den Bettelstolz der Armen zu besiegen. Und ihres Kindes wegen hätte sie die Erleichterung ihrer Lage, die Lotte plante, auch angenommen.

Nun mußte sie schreiben. Und das war so viel schwerer. Vor jeder Wendung stockte sie. Es ist eine heikle Aufgabe, an einen Menschen zu schreiben, den man so wenig kennt, und der sich in Erbitterung und Feindseligkeit verrannt hat. Ein Wort, nicht vorsichtig genug gewählt, konnte die Frau kopfscheu machen und jede Annäherung von vornherein vereiteln.

Aber ich habe ja ihre Briefe, fiel ihr eines Tages ein. Aus denen kann ich sie ja ganz genau kennen lernen. Und Hubert hat gewünscht, daß ich einmal Einblick nehme in dieAffaire Johanna". Den Schlüssel habe ich ja noch.

Sie legte den Schlüssel, den Hubert ihr über­geben hatte, vor sich auf den Tisch. Ein leises Bangen uberkam sie doch. Wenn es mich erregte! dachte sie. Sie wollte es doch lieber lassen. Es ginge vielleicht auch so. Und sie begann von neuem zu schreiben, im Liegen, mit Bleistift.

Aber sie war zerstreut, und es glückte jetzt weniger als zuvor. Der kleine, blanke Schlüssel auf der Tischplatte zog ihre Angen immer wieder an. Die Zeit ging so langsam hin. Hubert würde wohl noch ein paar Stunden ausbleiben. Ach! Und diese Stille um sie her! Die Uhr tickte so schwerfällig, so eintönig. Manchmal nur das Klingeln der Pferde­bahn auf der Straße, ein Lachen, ein froher Lärm, der ihr die Einsamkeit nur fühlbarer machte.

Sie nahm ein Buch vor, ließ es aber bald wieder sinken. Hatte sie nichts Wichtigeres zu thun, als sich mit den erfundenen Leiden einer Roman­heldin zu beschäftigendEs geht ihr jämmerlich" Und vielleicht, vielleicht darbt das Kind!

Nein! Dieser Kampf zwischen Wollen und Nicht­wollen regte sie mehr aus, als sie gedacht hatte. Wie eine Erlösung von quälenden Zweifeln kam ihr der Entschluß: ich will!

Sie wußte ja alles. Neues konnten ihr die Briese auch nicht enthüllen. Es wäre ja längst ihre Pflicht gewesen, der Sache auf den Grund zu gehn.

Sie schloß den Kasten aus und zog ihn ganz heraus. Er war nicht leicht, und mühsam trug sie ihn zu ihrem Platz und stellte ihn ans den Tisch, um in Ruhe ihre Nachforschungen vorzunehmen.

Viele Stöße von Briefen lagen wohlgeordnet nebeneinander. Eine zierliche, echt weibliche Hand­schrift auf den Umschlägen. Dazwischen einige Kon­zepte mit Huberts großen, kraftvollen Schriftzügen.