Heft 
(1897) 12
Seite
266
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Aufs Geratewohl Zog sie einen Brief aus der Mitte der Sammlung heraus und begann zu lesen: Mein geliebter Mann!"

Sie stockte. Der Atem ging ihr ans. Ein Nebel legte sich mit dumpfem Druck über ihr Gehirn, als habe sie einen schmerzenden Schlag erhalten. Endlich fand sie den Mut, weiterzulesen.

Es ist also keine Täuschung, wir sollen Ersatz haben für unfern Felix, ach Hubert mir ist zu Mute... In den Augen der Leute bin ich ja nun eine doppelt Verworfene, aber diese tiefe Seligkeit im Herzen über die Gnade, der ich teilhaftig werden soll! Mein Leben war mir, seit der Kleine tot ist und Du fort bist, auch nicht einen Pfifferling wert, jetzt wird es mir wieder kostbar, ich sehe ein, daß ich unrecht that, meinen kleinen Kram zu vernach­lässigen. Ich muß Dir gestehen, geliebter Mann, es geht geschäftlich recht abwärts, und ich erfahre viel Unfreundlichkeit. Es ist keine Kleinigkeit, so Zu leben wie ich, ich wäre auch bald drunter Zusammen- gebrochen, aber jetzt habe ich wieder Mut. Mögen sie mich über die Achsel ansehn, ich bin ja Deine Frau, immer und in jedem Augenblick fühle ich es. Ich weiß ja, sobald Du Dein Ziel erreicht hast, hört alle Demütigung aus, dann werde ich vor der Welt Dein Weib sein, und unser Kind wird Deinen Namen tragen"

So ging es weiter, vier eng beschriebene Seiten lang. Tiefstes, unerschütterliches Vertrauen, Stolz und demütige Freude, ein stiller Märtyrermut, passive Größe, alles so schlicht, so echt. . . Uud am Schluß: Deine Dich liebende Frau."

Lottes Hand sank schwer herab. Der Brief flatterte auf den Teppich. Ihre Gedanken wirbelten eine Weile so wild durcheinander, daß sie die Hände an die Schläfen preßte. War denn das nicht, um den Verstand zu verlieren? War denn das aus­zudenken? Hubert hatte ja schon ein Weib gehabt, als er sie heiratete!

Barmherziger Gott! Ein rechtmäßiges Weib vor allen höchsten Gewalten des Lebens: von Gewissens und Natur wegen, vor dem Forum des Herzens uud seiuer Menschenpflicht. Weib und Kind! Wenn auch die kalte Staatsraison ihm aus Nützlichkeitsgründen das Recht zugestand, zu heiraten er hätte es nicht gedurft. Nein, und tausendmal nein!

Und sie, Charlotte Berghauer, die wissentlich keinem Menschen eine Stecknadel genommen hätte sie hatte das arme Weib verdrängt und sich ruhig an ihren Platz gesetzt.

Wie war denn das nur möglich? War sie denn gar so dumm und kurzsichtig gewesen? Ach nein, sie hatten ihr alle gesagt: du darfst es! Selbst ihr Vater, der so klug und edel war, hatte ihr zu­geredet: du thnst ein gutes Werk, wenn du den Hubert emporhebst aus seiner Vergangenheit . . . O, wenn ihr Vater diesen Brief gelesen hätte! Wenn er nicht wie alle, alle in gutem Glauben gemeint hätte, ein Weib wie Johanna müsse eine Verworfene sein! Als wenn die Mutterschaft, die die verheiratete Frau veredelt, die unvermählte hinabziehen müsse in den Schmutz! Als ob sie nicht gerade in ihr, der Ver­

lassenen, alle heiligen Instinkte der Natur, die Liebe für das Kind, die Sorge für seine Bedürfnisse, den Mut, es zu verteidigen gegen seine Feinde und alle, alle mit ihren verbrieften Rechten sind ja seine Feinde! doppelt mächtig entfaltete!

Es fiel ihr ein, was sie Kläre neulich gesagt hatte: wir machen sie erst schlecht durch unsre Ver­achtung.

Und wie, wenn Johanna, der ihre Treue so bitter gelohnt wurde, der überall Mißtrauen, Hohn und Haß entgegenstarrte, der keine Aussicht blieb, jemals wieder aus ihrer Niedrigkeit emporzukommen wie, wenn sie endlich hinginge und sich wegwürfe ...

Es war Charlotten, als müsse sie ersticken im Liegen. Sie stand aus und ging aus schweren Füßen durchs Zimmer bis ans Fenster, das sie öffnete. Dann, an den Riegel sich anklammernd, atmete sie die frische Märzlust in gierigen Zügen ein, bis das wallende Blut, das ihr die Besinnung rauben wollte, sich ein wenig beruhigt hatte. Dann legte sie sich wieder nieder. Aber es war ein Chaos in ihr, eine Rat- und Hilflosigkeit, eine Angst!

Sie war ja doch Zu viel! Ein Eindringling in die älteren Rechte einer andern.

Hubert!" ries sie vor sich hin,Hubert, hilf mir!"

Das Alleinsein, mit dieser Last aus dem Herzen, mit diesen fürchterlichen Gedanken wurde ihr zur unerträglichen Qual.

Sie sah nach der Uhr. Es konnte noch Stunden dauern, bis er Zurückkam. Und dann? Ihm all das sagen, was sie beinah' um den Verstand brachte? Nein, nein! Er sah ja doch die Sache so ruhig an.

Sie hatte auch den Mut nicht. Und kein Ver­trauen. Einen Mann, der so kaltblütig hinweg­schreiten konnte über einen andern Menschen, den verstand sie nicht. Vor dem graute ihr.

Langsam rückte der Zeiger weiter. Ihr war's, als durchlebe sie Jahre in Minuten. So viel stürmte in ihr aus und nieder. So viel wahnwitzige Pläne: sortgehen, Zurück zu ihrem Vater! Eineu Platz ver­lassen, der ihr nicht zukam, auf dem sie nie wieder ruhig und glücklich sein konnte! . ..

Dann aber kam es doch wieder wie ein Zu­reden, wie eine Hoffnung: lies doch weiter! Viel­leicht ist's nicht so schlimm, wie dir's im ersten Schreck schien.

Und sie begann in dem Kasten Zu kramen und stöberte allerlei aus, das am Bodeu unter dem Papier verborgen lag: ein paar winzige Schühchen, eine goldfarbene, seidenweiche Locke, zuletzt das Bild eines etwa eineinhalbjährigen Knaben, ein wahrer Engels­kops mit Huberts ernstem, tiefsinnigem Blick. So in jedem Zuge sein Kind, daß Lotte glühende Thränen in die Augen traten. Nicht ihr Kind! Das Kind einer fremden Frau!

Und wieder riß sie die Bogen auseinander, gierig nach Trost, nach etwas, das ihn entschuldigen, die Härte seiner Handlungsweise in milderem Licht erscheinen lassen könne. Sie las nur immer Bruch­stücke, wie gehetzt, mit klopfenden Schläfen, Zittern­den Händen:

Du bist nun auf einmal ein berühmter Mann.