Heft 
(1897) 12
Seite
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Die Kungersteine.

Und weißt Du noch, wie Dn früher oft verzweifelt warst, wenn sie Dir Deine Sachen zurückschickten? Und jetzt reißen sie sich drum. Aber unser stilles Glück kannst Du nie vergessen. Unsre kleine Marie ist nun schon ein Vierteljahr, und wir müssen bald an die Taufe denken. Ach, wenn sie den Namen ihres Vaters tragen dürfte!"

Liebster Mann, ich danke Dir herzlich für das Geld. Es würde schon langen für die Reise. Sag nur ein Wort, und ich komme mit dem Kinde. Daß es nur seinen ehrlichen Namen hat! Du sagtest schon immer, ich äße wie ein Sperling, und jetzt, dn lieber Gott, lebe ich beinah' von der Luft. Du solltest keinen Pfennig mehr ausgeben wie als einzelner Mann."

Ein Brief aus der Zeit kurz nach ihrer Ver­lobung kam Lotten in die Hände.

Eine dumpfe, kalte Neugier ergriff sie. Noch den einen, dachte sie, dann ist's genug.

. . . Ich habe Deinen Brief von gestern wohl hundertmal gelesen und kann es noch immer nicht glauben. Aber der Doktor Wedekind sagte mir, es wäre gesetzlich erlaubt. Er muß es wissen. Mir scheint es das furchtbarste Verbrechen. Um Gottes Barmherzigkeit willen, Hubert, lade diese Todsünde nicht auf Dich! Als wenn ich gar nicht aus der Welt wäre und zu Dir gehalten hätte, als Du ganz verlassen warst. Und das Manschen, das schon Dein Bild kennt und lacht, wenn ich es ihm zeige, und Papa sagt. Ich müßte ja allen Glauben an die Menschheit verlieren und an Gottes Gerechtigkeit.

Dn schreibst, Deine Braut wäre edel und liebte Dich, und aus Liebe zu Dir wollte sie sich über Deine Vergangenheit wegsetzen. Was ist denn das für eine, die den traurigen Mut hat, der Aermsten der Armen ihr einziges Glück zu stehlen?"

Als Hubert nach Hanse kam, diesmal in besserer Laune, denn die Probe war wider Erwarten gut verlausen, fand er seine junge Frau auf dem Teppich liegen. Sie war ganz erstarrt und blaß wie eine Tote.

In der Nacht trat die Katastrophe ein. Der nächste Morgen fand zerstörte Hoffnungen und eine junge Mutter, in der das Leben noch leise pulsierte, aber im nächsten Augenblick zu verwehen drohte wie ein Hauch.

In den Qualen dieser Nacht hatte Lotte ver­zweifelnd nach Vater und Schwester gerufen. Hubert hatte sofort telegraphiert und saß nun und wartete auf die beiden, als brächten sie Kraft, Gesundheit und Leben mit.

-i-

Alles schlich auf den Zehen und flüsterte. Die Glocke war abgestellt, die lauttickende Uhr angehalten. Schweigen, Schweigen... die Zeit stand still.

Hubert saß am Bett seiner Frau. Ihr Atem ging unhörbar ein und aus. Nur am langsamen Klopfen der Schlagader an ihrem Halse, der weiß wie Marmor aus den Spitzen des Nachthemdes hervorblühte, sah er, daß sie noch lebte.

Sie lag schon viele Stunden so. Schlief sie? Grübelte sie? Er hatte die nmhergestreuten Briefe gefunden und wußte, was sie so in Seelennot und

Verzweiflung gestürzt hatte, daß sie znsammen- gebrochen war.

Er war wie ein Gerichteter.

Was hatte es ihm genützt, daß er fein Glück an sich zu ketten gemeint hatte mit allen irdischen Gewalten? Aus seiner Vergangenheit war es heranf- gestiegen und hatte unerbittliche Hände ausgestreckt. Und, stärker als Menschenmacht, ließ es die Beute nicht wieder los und kümmerte sich nicht um den Mann, der sie halten wollte.

Er war auf einmal zum Bewußtsein gekommen, wie herabgestürzt aus seiner Phantasiewelt in die wirkliche mit ihren wirklichen Schmerzen und Leiden. Und da sah er, wie viel Sorge und stille Angst und Ratlosigkeit neben ihm hingelebt hatte, ohne viel Worte zu machen.

Jetzt saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und ließ alles an sich vorüberziehn. Schmerz und Neue hatten ihn gepackt und gruben in ihm, eifrig wie Totengräber, das Grab seines jungen, kurzen Glücks.

Nein, dachte er, eine Hölle jenseits des Lebens ist überflüssig. Was wir diesseits tragen müssen, ist gerade genug. UndSelbstverschuldung", das ist die Flamme, die am heißesten brennt.

Auf einmal fühlte er, daß sie ihn ansah mit ganz großen Augen. Er beugte sich zu ihr nieder. Lotti," flüsterte er weich und sanft,ist dir besser?"

Ja, ganz gut. Leicht und frei." Sie sprach ruhig, mit leiser Stimme. Nur ihre Blicke schienen ihn: verändert. Sie waren tief und milde und zu­frieden, wie die eines Menschen, der nach einem bösen Tage schmerzfrei ist und müde dabei, schlafmüde.

Er flößte ihr von dem Stärkungsmittel ein, das schon bereit stand. Es schien ihr neue Kraft zu geben. Ihre Stimme hatte mehr Klang. Sie suchte seine Hand und drückte sie leise.Es ist gut so, Hubert. Ich gehe fort... es ist aus. . ."

Ihm war's, als führe ein Schwert ihm mitten durch die Brust. Sein Herz hörte fast auf zu schlagen.Du darfst nicht!" sagte er heiser.

Sie lächelte ein wenig, still und erhaben, als stände sie schon über dem Leben, und schüttelte lang­sam den Kopf.Nein, Hubert . . . Das ist nur für die ganz Starken . .. Liebe und Kunst . . . Für mich war's zu schwer..."

Lotti!" rief er, von Selbstvorwürsm bis auf den Grund der Seele anfgerüttelt,wenn ich zu viel. . . Gott! Strafe mich nicht so furchtbar! Lebe, lebe für deine Kunst! Ich will ja nichts als dein süßes Dasein, dein Lächeln, deine Nähe! Lebe dich aus! Sei du! Bleib bei mir, mein Weib, mein Alles! Und ich will meine Hände unter deine Füße legen! Ich will dich emporhebeu, dich tragen bleib!"

Er war vor dem Bett in die Kniee gestürzt und hatte ihre leichte Gestalt umschlungen und gepackt, als wolle er sie dem Tode selbst entreißen. Er preßte seine Lippen auf ihre Hände und fühlte mit Entsetzen, daß die Zarten Fingerspitzen kühl wurden. Da trat der Schmerz, den er so lange mit zusammen- gebissenen Zähnen bezwungen hatte, in einem dumpfen Stöhnen über seine Lippen.