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Melier Land und Weer.
„Hubert," flüsterte sie mit tröstenden, süßschmeichelnden Lauten, „du brauchst mich ja nicht... Das bißchen Liebe, an dem wir andern uns Wärmen, hast du nicht nötig. Du bist ein Vollmensch . .. ein Einsamer ... ein Höhenmensch .. . Die müssen allein sein."
Allein sein! dachte er und sah auf den weißen Hals, in dem es schwach und schwächer Zuckte und klopfte.
Ja, allein! Sie ging — und er blieb, in voller, blühender Kraft. Lange Jahre lagen noch vor ihm, todöde, einsam . . . und immer einsamer, bis er auch einmal so weit war . ..
Da tastete sie leise und müde nach seiner Hand und richtete ihre verklärt leuchtenden Augen noch einmal tief und innig auf ihn.
„Es ist ja das Beste... das Einzige, Hubert! Gönn mir's doch!... Diese Nacht... und gestern... Siehst du, nie hätt' ich's überwunden . . . Nun ist alles... gut. . ."
Sie lag dann wieder still und blickte vor sich hin. Und er merkte, wie das bißchen Leben immer mehr und mehr unter ihr zusammenschrumpfte und verging, wie ein Wölkchen an: Abendhimmel, das sich sacht anflöst.
Nach einer Weile kam noch einmal eine Unruhe über sie. Sie fragte nach ihrem Vater und nach Klären, sie horchte auf jeden vorüberfahrenden Wagen. Sie wollte ausstehn, in ihr Zimmer gehn, ihre Bilder sehn, die Büste. Da fiel ihm ein, daß sie einmal, auf ihren Lieblingskops deutend, gesagt hatte: „Den vor Augen muß sich's leicht sterben." Und er trug die Büste ins Schlafzimmer und stellte sie so, daß Lottes Augen aus ihr ruhen konnten.
Sie blickte voll unsäglicher Sehnsucht auf den sterbenden Sklaven. Manchmal machte ihre rechte Hand eine Bewegung, als wenn sie zeichnete. Sie lächelte und flüsterte vor sich hin. Ihres Mannes Gegenwart vergaß sie mehr und mehr, und die scheidende Seele war ganz erfüllt von dem Bilde des Erlösten, Freigewordenen.
Als Berghauer und Kläre ankamen, war sie eben sanft hinübergeschlummert.
In ihrer Todesblässe glich sie ganz dem Marmorkopf in dem unbeschreiblich verklärten Frieden, der über ihre Züge ausgegossen war.
Im Herbst des nächstfolgenden Jahres berührte Berghauer wieder Berlin. Er kam von Kimberley, wo er seinen ältesten Sohn besucht hatte, über Dresden, und wollte jetzt mit dem Jüngsten in England Zusammentreffen. Für die Reichshauptstadt hatte er gerade nur einen Abend, den er mit seinem Schwiegersohn im Schauspielhause zubrachte.
Sie gingen nach dem Schluß der Vorstellung durch die tageshell erleuchtete Friedrichstraße. Es war noch so belebt, daß sie nur schrittweis vorwärts kamen. Manchmal fingen sie einen Teil der Unterhaltungen aus, die um sie herschwirrten. Der Name Hubert Schwarz und sein neues Stück „Die Hungersteine" wurden oft genannt.
Unter den Linden, wo sie ein bißchen mehr Luft
hatten, äußerte Berghauer das erste Wort. Er war fast ganz weiß geworden und hatte viel von seiner alten Frische und Lebensfreudigkeit eingebüßt.
„Sind ja wie ein Meteor hineingeplatzt in die verblüffte Gesellschaft, deine ,Hungersteine''. Wie aus wer andern Welt! 's weht ihnen da was um die Nase — sie wissen selbst nicht, was. Aber 's hat doch mal den Alltagsstaub gründlich aufgewirbelt."
Hubert nickte nur. Das Wortemachen hatte er sich ganz abgewöhnt in seiner Einsamkeit.
„Bist doch ein gehörig Stück vorwärts gekommen seit der ,Bußen Vom Künstlerischen red' ich nicht. Aber so das Menschliche —"
„Ja, ein Stückchen," murmelte Hubert.
„Damals — der wilde Protest gegen alles und alle. Jetzt — dein stilles An-die-Brnst-schlagen: Hier, hierdrin steckt's, unser Schicksal. Und eh' wir nicht so weit sind —"
„Ja, Vater. Das mußte erst mal herunter. Darum schrieb ich ,Die Hungersteinen Nun geht's wieder."
Eine Weile verarbeiteten beide schweigend die durch das Wiedersehen und durch Huberts Tragödie ausgestörten Erinnerungen. Berghauer konnte sich's nicht verzeihen, daß er damals die Dinge so leicht genommen hatte, die den Anstoß gaben zu Lottes frühem Ende. „Ich Hab' ihr zngeredet —." Der Gedanke hatte ihn wieder zum ruhelosen Weltwanderer gemacht. Auch Hubert hatte er's im stillen nachgetragen, daß das junge Weib so früh hatte zu Grunde gehen müssen . . . aber seit heute war aller Groll vergessen.
„Ich weiß ja, du hast auch dein Teil," sagte er endlich. „Und — vielleicht ist sie besser dran in ihrem Frieden."
„Vater," murmelte Hubert, „es ist ja nicht gerade männlich, aber 's ist doch menschlich: ich habe sie oft beneidet."
Berghauers mächtige Brust hob ein tiefer Atemzug. „Na," sagte er dann ermunternd, „bist ja nun glücklich über den Berg. Brauchst die ,Hungersteine' nicht mehr zu fürchten. Hast deinen Frieden gemacht mit dir und der Welt, mit dem Wedekind und der Johanna —"
„Ja, Vater. Ich weiß jetzt meinen Weg. Und glaube an mich. . . Einsam — einsam, ja! Aber keine Klippen, keine Härten, keine Dürre mehr. Fülle und Kraft und breites Strömen nach dem unendlichen Meer, in das alles Lebendige einmal mündet. Und manchmal, Vater — ich bin ja noch jung, aber das Leben verbraucht unsereiner: schnell —, ist mir's schon, als hörte ich in der Ferne sein Rauschen."
Ihr Paradies.
in schlichtes Gärtchen, fern dem Straßenstaube, Fruchtlosem Acker fleißig abgewonnen;
Gemüsebeete, eine winz'ge Laube,
Von üppig blühndein Geißblatt übersponnen;
Am Wassertönnchen nippt die zahme Taube.
In Blumen liegt das Kätzchen, sich zu sonnen:
Die Alte drüben in der weißen Vaube Tauscht diesen Winkel nicht für Edens Wonnen!
Alice Svetin von Gaudy.