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Darjeeling, eine oltindilche Hesnndheitsltation.
Darjeeling,
eine oltmdische Gefundheiisstation.
Von
IN-. Kurt Woeck-Dresöen.
Mit Jllicstrationen nach photographischen Aufnahmen des Verfassers.
^n dichtem Urwaldschatten der Vorhügel des östlichen Himalaja lag bis in die dreißiger Jahre nnsers Jahrhunderts ein Buddhistenkloster versteckt, in tibetanischer Zunge „Dardschiling" geheißen, zu deutsch etwa „Ort des Faulenzens". Am Horizonte glänzte aus 80 Kilometer Ferne die Schneekette des im Kanchinjinga 7324 Nieter hohen Sikkim-Himalaja zu diesem weltfernen Aufenthalt rotröckiger Lamas hernieder.
Wilde Orkane umbrausten die Tempelmauern, wenn die Monsunregengüsse sich nahten oder verliefen, und wüst krachten dann die zersplitternden Wipfel der stolzen Zedern und Eichen. Krächzend wischte sich in das Brüllen der Tiger und die Trompetenrufe wilder Elefanten das Gekreisch der Aasgeier, wenn sie einen Lama „bestatteten", das heißt neidisch zankend dessen Leichenteile vom Skelett hackten.
Sonst aber unterbrach die friedliche Stille um das Kloster nur das Dröhnei: der Tamtams und das Klappern der Schädeltrommeln, durch das die Lamas die Dämonen des furchtbaren Gebirges benachrichtigten, daß ihrer mit Opfer und Bitte in dein dunkeln, verräucherten Tempel gedacht würde.
Um jene Zeit wurde der damalige Statthalter von Bengalen, Lord Bentinck, auf diesen idyllischen Punkt aufmerksam gemacht; keinen herrlicheren Ort zur Anlage einer Sommerfrische konnte es in Indien geben. Bereits im Jahre 1840 wurde der Rajah von Sikkim zur Abtretung dieses Landesteils veranlaßt und die Besiedelung in Angriff genommen.
Sehen wir zu, wie es heute dort ausschaut.
Soebei: dampft pfeifend und pustend der Abendzug in die Bahnhofshalle. Scharen von Weltenbummlern aus allen Nationei: entsteigen den winzigen Wagen der mit nur zwei Fuß Spurweite ohne Zahnradbenutzung die unglaublich kecken Kurven und Zickzacks hier bis zu etwa 7000 Fuß heraufkletternden Bergbahn; weit zahlreicher noch ist natürlich die Menge der erholungsbedürftigen oder kranken Passagiere, die der gluthauchenden indischen Riefenebene entflohen. Ohne Not bleibt wohl kein Europäer dort unten, wenn die Junisonne das Quecksilber über 50 Grad hinanf- peitfcht; wehe demjenigen, der meint, daß es auf ein Mehr oder Weniger von ein paar Dutzend Graden bei einer soliden Hitze nicht ankommt! Dort nahen die Opfer des indischen Sommers: hinter den leichtfüßig zuerst Ausgestiegeneu kommen sie herausgefchlichen, die Siechen, werden sie herausgetragen, die im Delirium Fiebernden, die oft nur zu spät
Ueber Land und Meer. Jll. Okt.-Hefte. XIV. 12.
von der Höhenluft dieses Sanatoriums Heilung begehren. Welcher Fortschritt des Verkehrs macht sich auch hier geltend -- feit zwölf Jahren ist Darjeeling in vierundzwanzig- stündiger Kurierzugfahrt von Kalkutta zu erreiche::, wahrend vordem mehrere Wochen beschwerlicher Reife dazu gehörten.
Drüben aus den Fenstern des umfangreichen und doch anheimelnd luftigen, zinkbedachten Hospitals blickt wohl soeben mancher Genesende dankbar zum Himmelszelt empor und weidet sich an dem grandiosen Schauspiel, das ihm dort oben über den Wolken die Firnfelder des fernen 8norv)' runZs, des übereisteu Kanchinjinga-Gebirges bieten, strahlend im Doppelschein der versinkenden Sonne und des auftauchenden Mondes.
Aus dem behaglichen bicktinZrooni des dem Bahnhof nahen Hotels Woodland klingen die schmachtenden Klavierphantasien einer Lady; denkt sie des gefchästseifrigen Gatten, der unten in: fernen, heißen Kalkutta vergeblich unter dem schwülen Moskitonetz nach Schlummer ächzt? Denkt sie ihres bleichen Babys, das mit der Aya, der indischen Amme, auf den: Seewege nach der gesünderen britischen Heimat ist, oder aber an das Picknick, das morgen einige flotte Zivilbeamte und Offiziere*) von der Besatzung Jellayahars, des Kasernenviertels von Darjeeling, geben wollen? Aus dem Speisesalon nebenan schallten Gelächter, Geträller und Pfropfenknallen.
O, es ist nicht mehr klösterlich still in Darjeeling, besonders nicht in diesen: Augenblick des Sonnenuntergangs. Da mengt sich schrilles Geklingel aus dein Hindutempel in den sonoren Abendruf eines Mueddins aus der nnnaretlosen Moschee; dazwischen läuten die ernsten Glocken des St. Joseph- Missionshauses ihren Abendsegen in das wüste Trommeln und Klappern aus der An- dachlsstätte der Buddhisten.
- Geheimnisvolles Treiben dauert auf den dunkel gewordenen Promenadenpfaden fort; zwanglos sind sie den: Hügelgelände angepaßt und verbinden die auf demselben verstreuten Villen; herrliche Parkanlagen verbergen gewöhnlich diese hellschimmernden, luftigen „Bungalows". Dralle Bhutia-Müdchen**) schlendern herum, kichernd und plaudernd; mehr oder weniger verschämt drückt wohl die eine oder andre den: nachschleichenden rotröckigen Trompeter von Jellayahar eine gelbe Banane in die Hand, nachdem sie tagsüber mit derartigen Universalmitteln gegen Durst und Hunger gehandelt hat. Sind auch die Bananen von den: Range der Nusu puruäiUeu, der „verbotenen Frucht des Paradieses", zur simpel:: tUusu supientum degradiert worden, so bleiben diese Früchte doch ein Segen der Tropen, und schleunigst pflanzt jeder Indier bei seiner Heirat
*) Die Vertreter des hochbesoldeten Civil-Service (0. 8.) stehen an gesellschaftlichem Ansehen keineswegs den Offizieren der angloindischen Armee nach.
Bhutias sind eingeborene Bergbewohner, Mischlinge von Tibetanern nnd Indiern.
Bhutia-Mädchen.
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