Heft 
(1897) 12
Seite
274
Einzelbild herunterladen

274

Ueber Land und Meer.

Bettelmönche.

K M

WM

Doch kein Glück dauert ewig. Wir befinden uns ja inmitten der von Mai bis Oktober wahrenden Regenzeit, in der so klare Tage äußerst seltene Ausnahmen sind; von der Wucht und Masse des dann unausgesetzt niederpeitschenden Regens kann man sich zu Hans in Deutschland gar keine Vorstellung machen. Mehr und mehr verdichten sich die ziehenden Wolkenschleier, und bald ist nichts mehr von jener überirdischen, fernen Zauberwelt zu er­spähen ; für Monate ist das Schauspiel entschwunden.

Wir eilen hinunter nach Darjeeling, wo sich merkwürdigerweise gerade Sonntags das lebhafteste Marktgetriebe entwickelt, selbst wenn der Regen wie mit Feuerspritzen vom Himmel schießt. Recht befremdlich ist es für den Neuling, daß hier die Markteinkäufe von dem Hausherrn besorgt werden; selten nur sieht man eine englische Dame vom hohen Roß oder Dandy herab ihre Auswahl treffen.

Eine Fülle der absonderlichsten Gestalten strömt auf dem Marktplatz von Darjeeling zusammen!

Zwei, drei Tagereisen weit kommen die Leute mit dem Tragkorb auf schwierigen Bergpfaden aus Sikkim und Butan und Nepal herbei, um ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu verhandeln, oft nur einige Gurken oder Kartoffeln, ein Huhn oder etliche Eier. Doch ist es noch etwas andres, was sie hertreibt: die liebe Neugier. Keine Zeitung beglückt diese armseligen Asiaten mit Neuigkeiten, und so hat sich denn die Nachrichtenverbreitung mittelsBazargesprächen" herausgebildet, wobei allerdings das Anwachsen einer Ente zum Ele­fanten keine Seltenheit fein mag. Erstaunlich ist immerhin die Schnelligkeit, mit der sich Gerüchte derart in Indien, ja in ganz Asien auszubreiten vermögen.

Spazieren wir ein wenig durch die Reihen der Verkäufer; das Riechorgan ist ja die Strapazen in Indien gewöhnt.

Wie auf jedem indischen Markte bilden auch hier die beliebten grünen Tütchen ans Betelpseffer- blättern ein Hauptobjekt; überall erblickt man Lippen.

die durch den beständigen Genuß dieser Gaumenbeize die Füllung besagter Tüten besteht aus Stücken von Palmnüßchen nebst gelöschtem Kalk abscheulich rat oder gar blau, und Zähne, die dadurch schwarz gefärbt sind. Auch die pikanten vielfachen Bestandteile des indischen Curry-Gewürzes: Curcuma, Pfeffer, Zwiebeln und so weiter, spielen eine hervorragende Rolle auf dem Bazar, denn ohne Curry-Reis ist keine Mahlzeit in Indien denkbar. Bald sind wir von Händlern aller Art umringt. Muselmänner aus Kasch­mir breiten stolzen Gesichts ihre Pelzwaren, Shawls und Stickereien vor uns aus; sie such ihres Erfolges sicher. Sie wissen, daß der Europäer der Kauflust nicht widerstehen käme, wenn er diese in leuchtenden Farben und wohlthuenden Mustern gehaltenen Werke einer be­rühmten, nun im Untergang begriffenen Hand- und Hausindustrie sieht, die jetzt bereits fabrikmäßig von europäischen Maschinen nachgeahmt werden. Wer steht noch dafür, daß der angeprieseneechte" Shawl nicht in Westfalen gewirkt wurde? Freilich, diese über­phantasievolle Linienführung, diese prunkvolle Ver­schwendung raffinierter Filigranknnststückchen, diese metallisch glitzernden Käferflügeldecken*) durch ein Gewirr von Gold- und Silberfäden zu einem chaoti­schen und dennoch harmonischen Muster vereint all dies kannte ursprünglich nur dort entstehen, wo die Natur selbst sich lichtvoller und üppiger in Formen und Farbe äußert als in unsrer gemäßigteren, aber darum nicht minder glücklichen Zone.

Höflich tritt ein zierlicher Hindu, ein reisender Gold­schmied aus Delhi, au uns heran; er sucht dieZiobo- trotcksr" hier oben nbznfangen, ehe sie ans ihrem Weiterzuge

Von der Spezies Itnprestis.

Stratzemnnsikant mit Frau und Kind.

MW