Heft 
(1897) 12
Seite
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Ueber Land und Meer.

Nordküste auf einer kleinen Insel, die mit dem Festlande durch eine Brücke verbunden ist, am Eingänge einer weit­gestreckten schmalen Bucht mit sicherem Hafen. Ihre Ein­wohnerzahl beträgt 26400. Die Stadt war von einer bastionierten Enceinte umgeben, an deren Nordspitze das von den Amerikanern zusammen­geschossene Castillo del Morro liegt. San Juan gegenüber deckt das zwischen der Insel und dem Festlande liegende, mitten im Wasser erbaute Fort Canuela den Hafenein­gang. Die Befestigungen von San Juan stammen noch aus alter Zeit und scheinen nicht mit neuen Geschützen versehen gewesen zu sein. Die Stadt war für die Spanier stra­tegisch insofern wichtig, als sie einer der natürlichen Stützpunkte für die spanischen Antillen und außerdem ein großes Kohlen­depot war. Der Verlust des letzteren dürfte von den Spaniern besonders beklagt werden. Gegen Ende Mai befand sich der spanische Admiral Cervera mit einem ans 4 Panzerschiffen,

1 Torpedojäger und 2 Hilfs­kreuzern bestehenden Geschwader in der Bucht von Santiago de Cuba.

Marimo Gomez,

Führer der aufständischen Cubaner.

Nm Änöe des Spieljahrs.

Berliner Theaterbrief.

6K)er Lenz lacht im Lande, die märkischen Waldseen spiegeln c^s den unbewölkten Zeus wider, und die bunten Zettel der Berliner Anschlagsäulen, die zu paradiesischen Kunst- und andern Genüssen laden, versagen gegenüber der sieg­haften Frühlingsfarbenpracht. Nun wird es still auch in den Theatern, die zur Winterszeit nicht mit Vorliebe von menschenscheuen Einsiedlern ausgesucht werden, wo nicht jahraus jahrein in leeren Logenhöhlen das Grauen wohnt. Aus den Kanzleien flattern bereits die Waschzettel, die den Tag des Beginns der neuen Spielzeit festsetzen, und neben den Mimen und Miminnen, die den ganzen Winter über nichts thun, als sich auf die Sommerferien vorzubereiten, kombinieren jetzt auch die Stars ihre Nundreisebillette. Die Saison ist tot, es lebe die kommende!

Auf den ersten Blick freilich möchte es scheinen, daß die Theater noch in voller Arbeit sind. Einige von ihnen, so das Königliche Schauspielhaus, bringen jetzt sogar binnen weniger Wochen mehr Neuheiten heraus als vorher in Monaten. Aber ihre Leiter folgen dabei nicht eignem Drange, sondern den starren Bestimmungen irgend eines unbequemen Vertrages. Wer junge Bühnenautoren kennt, weiß, daß diese hoffnungsfreudigen Herren immer mit einer Festigkeit aus ihrem Scheine bestehen, die von hervorragen­den Charaktereigenschaften, jedoch auch von geringer We t- kenntnis zeugt. Es ist ein altes Naturgesetz, daß die dramatische Saat um so erbarmungsloser verregnet, je mehr sich das Bedürfnis nach Maibowlen geltend macht. Auch die Herren Carlot Gottfrid Neuling und Otto von der Pfordten sind diesem trüben Schicksal nicht entgangen. Sie haben beide schon die Feuerprobe bestanden, Herr Neuling sogar mit entschiedenem Glück, und die Niederlage, die die jüngsten Kinder ihrer Laune im heurigen Frühling erlitten

haben, wird ihnen einigermaßen unerwartet gekommen sein. Neuling debütierte vor einigen Jahren mit dem satirischen SchwankeDer Alaun im Schatten", einer Arbeit, der bei all ihren technischen Schwächen ein aristophanischer Zug ungewöhnliche Schwungkraft lieh und die für alle Freunde

der deutschen Komödie eine große Hoffnung bedeutete. Leider Gottes ist der junge Dichter inzwischen bescheidener geworden. Ob er nun erkannt hat, daß die Theaterkassierer den Kurs der sozialen Satire mit Recht sehr niedrig ein­schätzen, oder ob er auch au seinem eignen künstlerischen Vermögen zweifelte genug, die PosseAnno dazumal", die er im Schauspielhause auf­führen ließ, bereitete den paar Interessenten eine ausgiebige Enttäuschung. Es ist da mit ungemein großem Behagen lind in epischer Breite die Stolzesche Anekdote von dem Herrn Papa dramatisiert, Per I des eignen Sohnes Liebste ehe­

lustig umstreicht und in seiner doppelten Eigenschaft als Kom­mandant der Bürgerwehr und als Nebenbuhler eine Insub­ordination des jungen Gauchs benutzt, um ihn in den Turm werfen zu lassen. Ein paar Monate lang will er den Knaben darin festhalten und ihm während der Zeit die Grete abspenstig machen. Der schlaue Papa hat aber vergessen, daß jene Insubordination nicht mit bloßer Haft, sondern mit dem Tode bedroht ist, und daß ferner ein rechtskräftig Verurteilter nur daun begnadigt werden kann, wenn er die Gnade annimmt. Darauf versteift sich Fritz und überlistet seinen Erzeuger. Giebt man ihm nicht die Grete so erklärt er rund heraus, dauu will er hingerichtet werden. Dem geäugstigteu Vater bleibt nichts übrig, als zu kapitulieren. Neuling ver­wendet einen ganzen Akt an nicht durchweg appetitliche Liebes- sceueu. Der zweite verulkt nach berühmtem Witzblatt­muster die Soldatenspielerei der guten alten Zeit, und der dritte mit seiner unmöglichen Gerichtssceue artet in eine etwas alberne Affenkomödie aus. Der Verfasser wollte offenbar den Schönthaniden ins Handwerk pfuschen und zeigen, daß er ebensoviel kann wie sie; es ist ihm aber vorbeigeglückt. Entweder hat er noch zu viel Kunstsinn in sich, was bei der Mache stört, oder er hat die Schwierig­keit der Possendestillation auf kaltem Wege unterschätzt. Wie sein Stück sich jetzt darstellt, ist es als Dichtung bedeutungs­los und als bloße Theaterposse zu ungeschickt gearbeitet.

Auch demMohammed" des Herrn von der Pfordten lächelte kein günstiger Stern. Der junge Mann, der mit einen: merkwürdigen Napoleonsstück1812" ein ziemlich großes Publikum gesunden hatte, war beim flüchtigen Dnrchblättern von Schlossers Weltgeschichte auf die ab­wechslungsreichen Schicksale des Jslambegründers gestoßen. Sie interessierten ihn, und er zerlegte sie säuberlich in die Anzahl Akte, die Aristoteles für wünschenswert hält, dichtete auch aus Eignem die unentbehrliche Liebesgeschichte hinzu. Von Mohammeds Wesen und Art wußte Herr von der Pfordten nichts, und es war deshalb ungerecht, daß man Aufklärungen darüber von ihm erwartete, daß man ver­langte, er solle mit poetischer Intuition das wirr verzückte Seelenleben dieses unermeßlichen Betrügers und Genies